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Michael Lingner

Funktionen ästhetischen Denkens in ausgewählten Künstlerschriften.

* Mit einer hochschulpolitischen Nachbetrachtung aus gegebenem Anlass.

Der erfreulich unkonventionelle Titel des X. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik erinnert an das provokante Postulat von T. W. Adorno: „Es muss die Kunst die Reflexion sich einverleiben und so weit treiben, dass sie nicht länger als ein ihr Äußerliches, Fremdes über ihr schwebt; das heißt heute Ästhetik#1

Es macht Sinn, diese pointierte Aussage als einen Auftrag zu verstehen, der sich sowohl an PhilosophInnen als auch an KünstlerInnen richtet. Deren Metiers sieht Adorno in einem wechselseitig sich beeinflussenden Zusammenhang: Einerseits konstatiert er, dass "der Ästhetik der Makel an(haftet), dass sie mit ihren Begriffen hilflos hinter einer Situation der Kunst hertrabe, in der diese... an den Begriffen rüttelt." #2 Auf diese Problematik hat in der Philosophie vor allem R. Bubner mit einem Appell an die eigene Disziplin reagiert, den diese freilich weitgehend ignoriert hat. Er reklamiert, dass "Versuche zu einer gegenwärtigen Ästhetik...sich an den Phänomenen der Kunst orientieren (müssen)" #3, statt zumeist nur „verdeckte Philosophiegeschichte“ zu betreiben. An die Künstlerschaft richtet hingegen Adorno den Anspruch, ein ästhetisches Denken im Sinn seines Postulats zu praktizieren: „Sind die Künstler zur permanenten Reflexion genötigt, so ist diese ihrer Zufälligkeit zu entreißen, damit sie nicht in beliebige und amateurhafte Hilfshypothesen, Rationalisierungen von Bastelei oder in unverbindliche weltanschauliche Deklarationen über das Gewollte ausarte.“ #4

I.)

Diesem Reflexionszwang sah sich die Künstlerschaft umso stärker ausgesetzt, als sie nach der Französischen Revolution zunehmend ohne Aufträge von Adel und Klerus auskommen musste, aber teils auch wollte. Es war für das autonome Künstlertum in der Moderne bestimmend, dass schließlich „zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr, noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht.“ #5 Derart losgelöst von traditionellen Bindungen und Notwendigkeiten musste fortan in der Kunst alles, was sie als solche sein und werden wollte, allein aus ihr selbst heraus erfunden und begründet werden.

Um einen derart hohen Innovationsdruck und Begründungszwang bewältigen zu können, kamen die verstärkt unter Existenzdruck stehenden modernen KünstlerInnen nicht umhin, mehr denn je ihr traditionelles Kunstverständnis in Frage zu stellen und über die veränderten Grundlagen ihres Tuns nachzudenken. Solche gedanklichen Auseinandersetzungen ließen sich mit den manuellen Mitteln ihres angestammten Metiers nicht mehr meistern. So verfielen auch die bildenden KünstlerInnen in dieser Misere zwangsläufig auf das zum Denken leistungsfähigere Medium der Sprache. Ihre Überlegungen entwickelten sich zu mehr oder minder umfangreichen begrifflichen Ausarbeitungen und das Phänomen der sog. Künstlertheorie in seiner neuzeitlichen Ausprägung entstand.

Wie sehr auch dem sich ausbreitenden künstlerischen Theoretisieren ein ähnlicher Antrieb zugrunde gelegen hat, so überaus verschiedenartig waren doch die Ergebnisse. Diese unterscheiden sich abgesehen von ihren zeitlich und individuell bedingten Ausprägungen, überdies etwa im Grad ihrer Rationaliät, Reflektiertheit, Systematik und historischen Bewusstheit erheblich. Doch mögen sie sich auch gar nicht selten aus dem Fundus wissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen, wäre es in jedem Fall verfehlt, die Künstlerschriften im eigentlichen Sinn als „theoretisch“ oder gar als „wissenschaftlich“ anzusehen. Selbst wenn die Wissenschaftstheorie inzwischen davon ausgeht, dass die Wahl der Kriterien für das, was als wissenschaftliche Rationalität gilt, letztlich ästhetischen Optionen unterliegt #6, ist die gebräuchliche Bezeichnung „Künstlertheorie“ eher unzutreffend. Noch am ehesten lassen sich die Künstlertexte als theorie- und/oder wissenschaftsförmig beschreiben.

Gleichwohl hat als Mindeststandard für alle ernst zu nehmenden Künstlertexte zu gelten, das sie sich nicht lediglich im Deiktischen und Deskriptiven, Appellativen oder Apodiktischen und ebenso wenig nur im Programmatischen erschöpfen - um an einige immer wieder vorkommende Schwächen des künstlerischen Sprachgebrauchs zu erinnern. Sollen die Texte mehr als die rein rhetorische Propagierung des eigenen Werkes sein, gehört selbst zu einem sehr weit gefassten Theorie-Begriff die erkennbare Absicht und Bereitschaft der KünstlerInnen, über ihr spezielles Anliegen hinaus auch etwas Allgemeingültiges auszusagen und dies in einem mehr oder minder diskursiven Zusammenhang zu tun.

Wo das der Fall ist, sind die im Autonomisierungsprozess der Kunst entstandenen Künstlerreflexionen mit einem Begriff von Wolfgang Welsch als ein Typus „ästhetischen Denkens“ zu verstehen; als ein Denken also, das im Idealfall nach seinem Inhalt und Zweck aber auch in seiner Form ästhetisch geprägt ist. Jedenfalls gehören die Texte von KünstlerInnen seit der Romantik zu den impliziten oder expliziten Voraussetzungen der künstlerischen Praxis und sind insofern, zumindest für die Kunst der Moderne und Avantgarde, zu einem wesentlichen Produktivfaktor geworden. Als in praktischer Absicht auf die eigene künstlerische Praxis gerichtete, also durchaus pragmatisch orientierte, aber oft auch programmatisch gemeinte konzeptionelle Überlegungen, lassen sich künstlertheoretische Bemühungen denn auch verallgemeinernd bestimmen.

Das eingangs zitierte Postulat von Adorno lässt sich nun wie folgt auslegen und dabei konkretisieren: Je mehr die KünstlerInnen der Moderne in ihren theoretisierenden Darlegungen die benannten Schwächen vermeiden bzw. den hier skizzierten Ansprüchen genügen, umso mehr werden sie der von Adorno postulierten Vorstellung von Ästhetik gerecht. Zugleich gewinnen damit die ihren Werken zugrunde liegenden Ideen und Ideale an Transparenz. Derart elaborierte Texte eröffnen dann die Möglichkeit, die den Hervorbringungen von KünstlerInnen zugrunde liegenden Konzeptionen adäquater zu rekonstruieren.

So ihnen dies gelingt, können die philosophischen ÄsthetikerInnen über im Medium der Sprache formulierte Informationsquellen verfügen, welche ihnen die von Adorno und in seinem Sinn ebenso von Bubner angemahnte Orientierung an den Phänomenen der Kunst in qualifizierter Weise ermöglichen. Dieser Bezug der Philosophie auf die Kunst hat den Vorzug, dass er nicht von vornherein den Überformungen durch subjektive Wirkungen und Interpretationen der Werke unterliegt. Vor allem verlieren auch die beim philosophischen Kunstbezug üblicherweise im Weg stehenden grundsätzlichen Übersetzungsprobleme zwischen Materie und Geist an Bedeutung.

Jene von Adorno gemeinte und hiermit verdeutlichte „Einverleibung“ der Reflexion durch die Kunst wird greifbarer, auch wenn die dafür ideale Konstellation einer Personalunion von KünstlerIn und PhilosophIn oder auch eine Art kongenialer Kooperation zwischen beiden nur selten gegeben sein wird. #7 Allemal ist es für jede auf gegenwartsbezogene Ästhetik bedachte Philosophie eine eigentlich überfällige methodische Notwendigkeit, sich auf ausgewählte theoretisierende Darlegungen von KünstlerInnen intensiv einzulassen und sich als Quellenmaterial nutzbar zu machen. Andernfalls behandeln die philosophischen ÄsthetikerInnen als eine Art „ideengeschichtlich informierte Philosophiedarsteller“ (Christian Geyer, FAZ 4.7.2018) weiterhin primär immanente Probleme der Philosophie, statt eben die der Kunst.

II.)

Als Einstieg und Beispiel sind nachfolgend drei nach Zeitlichkeit und Charakteristik völlig verschiedene, aber in ihrer spezifischen Unterschiedlichkeit typische Künstlerschriften gewählt worden. Deren Verfasser repräsentieren wesentliche Positionen in der Entwicklungsgeschichte moderner Kunst. In chronologischer Reihenfolge handelt es sich aus der Frühzeit autonomer Kunst um Schriften des bedeutenden romantischen Malers P.O. Runge (1777-1810), um den „Theoretischen Nachlass“ eines der Pioniere abstrakter Malerei A. Hölzel (1854-1934) und um Texte des Mitbegründers und gleichsam Klassikers der „conceptual art“ J. Kosuth (*1945).

Auf die Wiedergabe der Zusammenfassungen von den dazu durchgeführten umfangreichen Einzeluntersuchungen dieser Künstlertheorien wird hier verzichtet, da diese bereits nachlesbar sind unter: => Lingner, Michael: Funktionen der Künstlertheorie. In: Maset, P.; Reuter, R.; Steffel, H. (Hg.): "Corporate Difference. Formate der Kunstvermittlung". editionHYDE, Lüneburg, 2006 | ISBN: 3-8334-5249-8 Funktionen der Künstlertheorie - für die Kunst und ihre Vermittlung . Dort finden sich in den Abschnitten a), b) und c) zu jedem der o. g. Künstler Einzelstudien, in denen insbesondere erörtert wird, welche verschiedenen Funktionen das Theoretisieren für deren jeweilige künstlerische Praxis hat. Eingeleitet und ergänzt werden diese Darstellungen durch Abschnitte über die „Historische Entstehung“ und über „Allgemeine Aspekte“ von künstlertheoretischen Reflexionen sowie durch eine sich darauf beziehende grundsätzliche „Kunstwissenschaftliche Betrachtung“. Abschließend werden noch „Alternative Perspektiven“ für eine nachmoderne künstlertheoretische Praxis aufgezeigt.

III.) * Nachbetrachtung

Die eigenen Erfahrungen als Beteiligter beim letzten Kongress bieten einen aktuellen Anlass und dieser Beitrag zum Panel „Formen ästhetischen Denkens“ zudem eine geeignete Gelegenheit, derartige Veranstaltungen selbst einmal in gewisser Weise ästhetisch, nämlich im Hinblick auf deren Form bzw. Formatierung zu betrachten. Dem Verfasser ist die nachfolgend dargelegte Problematik erst während des Kongresses in ihrem Ausmaß und ihrer Tragweite nach und nach bewusst geworden. Dass es dazu bei seiner jahrzehntelangen Teilnahme an solchen Veranstaltungen abgesehen von zeitweiligem diffusen Unbehagen nicht eher gekommen ist, hat wohl mit der neu gewonnenen größeren zeitlichen und innerlichen Unabhängigkeit des Verfassers zu tun.

Erstmals nach seiner Emeritierung ist er als Referent nicht mehr oder minder direkt vor seinem Beitrag an- und danach sehr bald wieder abgereist. Vielmehr hat er sich die Zeit nehmen können, dem gesamten Kongress aus reinem Interesse auch als Teilnehmer beizuwohnen, ohne irgendwelche auf persönlichen Vorteil gerichteten Absichten zu verfolgen. Diese an sich erfreulichen Umstände haben allerdings den Blick des Verfassers mit der Nebenwirkung geschärft, dass er am letzten Kongresstag bei der Präsentation seines Beitrags mit der üblichen von ihm vorbereiteten Vortragsform gehadert hat. Sein spontaner, durch technische Unzulänglichkeiten erschwerter Improvisationsversuch ist dann freilich ziemlich fehlgeschlagen.

a)

Die zu dieser etwas voreiligen Reaktion führende Aversion des Verfassers resultierte aus der den Kongress beherrschenden monotonen Veranstaltungsform des tagelangen Vortragsmarathons. Es war ziemlich ernüchternd, dass selbst die philosophische Ästhetik wie unsere gesamten Geisteswissenschaften dazu keine Alternative zu kennen scheinen. Die freudlose und unproduktive Uniformität des mehr oder weniger knapp getimten Verlesens von Texten hat zwar durchaus Tradition und ist auf den meisten Kongressen, Tagungen oder Symposien schon länger zu finden. Weiter verstärkt und vollends durchgesetzt hat sich dieser Trend allerdings erst zusammen mit der hierzulande seit Jahren betriebenen, so genannten Modernisierung der Bildungspolitik.

Seitdem mangelt es durchweg an einer offenen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung über andere, die fachwissenschaftliche Debattenkultur deutlich intensivierende Formate akademischer Veranstaltungen. Jedwede ohnehin schwierigen Anstrengungen zur Erreichung einer qualitativen Verbesserung der Lehrkultur werden wenig geschätzt und sträflich vernachlässigt. Denn unter dem mit technokratischer Ignoranz und bürokratischem Konformismus geführten Regiment landläufiger Bildungspolitik gelten allein quantitativ erfassbare Einflussfaktoren auf Lehre und Forschung noch als relevant.

Zudem wird auf die Bildungsinstitutionen mit den von Politik und Wirtschaft verordneten „Reformen“ ein finanziell und ideologisch motivierter erheblicher Konkurrenz-und Existenzdruck ausgeübt. Infolgedessen sind die um ihre einstige Autonomie gebrachten und nun ihre Restautonomie schonenden Leitungsgremien der akademischen Körperschaften mitsamt der Mehrheit ihres Personals vor allem auf die Durchsetzung von Geld und Geltung versprechenden Maßnahmen fixiert. Im Wettbewerb um Anerkennung und Alimentierung hoffen die Institutionen auf Vorteile, wenn sie möglichst zahlreiche öffentlichkeitswirksame Aktivitäten mit klangvollen Themen und renommierten Personen vorweisen können.

Doch für den gewünschten Werbeeffekt wird nicht als entscheidend angesehen was die das offizielle Lehrangebot oft überfrachtenden Vortragsveranstaltungen für die TeilnehmerInnen real bringen, sondern wie attraktiv die Ankündigungen davon auf websites und in Prospekten sich darstellen. Durch nicht minder beeindruckende Unterlagen wird dann nach Veranstaltungsende gerne medial vermittelt, wie außerordentlich gut Resonanz und Resultate der Tagungen waren. Hernach runden die wohlbekannten Sammelbände das positive Bild wissenschaftlich weiter ab.

Vereinzelte Reaktionen gegen diese nicht zuallererst von Sachorientierung geprägten, sondern auf das Renommee der Institutionen und ihrer Repräsentanten ausgerichteten Rahmenbedingungen, finden letztlich kein Gehör. Offenbar ist es den dafür eigentlich auch und gerade mitverantwortlichen ReferentInnen gar nicht so wichtig, von solchen Veranstaltungen vor allem intellektuell zu profitieren. Mehr liegt ihnen wohl daran, Ihre Aussichten nicht zu schmälern, mit ihrer Beteiligung auch das eigene Renommee und ihre Karrierechancen steigern zu können.

b)

Umso positiver ist hervorzuheben, dass nicht zuletzt das 25-jährige Jubiläum als Anlass des vergangenen Ästhetik-Kongresses sowie die gesamte unprätentiöse Atmosphäre ihn unverdächtig gemacht haben, primär von Publicity-Interessen bestimmt worden zu sein. Gleichwohl hat der schematisch durchorganisierte Kongress ebenfalls dem ziemlich zwanghaften und für zeitgemäß gehaltenen akademischen Standardformat ganz und gar entsprochen. Die knapp bemessene Dauer und der rigide durchgetaktete Ablauf der einzelnen Veranstaltungen erlaubten den ReferentInnen zumeist nicht mehr als ein recht zügiges Verlesen ihrer Beiträge. Allenfalls wenn es sich zufällig ergab blieb noch ein wenig Restzeit, in der das Publikum eher alibihaft Verständnisfragen oder kurze Anmerkungen einbringen konnte. Doch für intensive und auch kontroverse theoretische Diskussionen und fundierte Positionierungen gab es keine Gelegenheit.

Bedauerlicherweise besteht nicht einmal mehr auf solchen besonderen Veranstaltungen die Gelegenheit, eine Kultur der Explikation und Eskalation von Differenzen öffentlich zu pflegen. Wo aber soll gerade der akademische Nachwuchs derlei besondere Erfahrungen sonst machen, die fachlich und menschlich inspirieren und befähigen, um zu einer Weiterentwicklung wissenschaftlicher Disziplinen beitragen zu wollen und zu können? Zumal ja an unseren Hochschulen und Universitäten unter dem Diktat behördlicher Leistungvereinbarungen, bologneser Credit-Points, und egalitärer Noteninflationierung nur ausnahmsweise ein Ausmaß an intellektuellem Niveau und Stil kultiviert wird, welches nicht nur bestenfalls der mehr oder minder schlichten Vermittlung von Wissen und dessen beruflicher Anwendung genügt.

Aufgrund des unkommunikativen Modus sind jedenfalls die Chancen auf eine intellektuelle oder persönliche Bereicherung bei den TeilnehmerInnen solcher akademischen Sonderveranstaltungen zumeist nur negativ zu beurteilen. Ist aber dann streng genommen der dafür betriebene erhebliche Aufwand überhaupt zu rechtfertigen ? Ist es für das recht ritualhafte Verlesen mehr oder minder druckfertiger oder bereits veröffentlichter Texte vertretbar, die kostbaren privaten Zeitkontingente einerseits und andererseits die limitierten globalen Ressourcen durch Vervielfachung des Verkehrsaufkommen mit seinen fatalen Folgen weiter zu strapazieren ? Nicht nur beim Polit-Tourismus, sondern auch bei dem in mancher Hinsicht vergleichbaren heutigen Wissenschafts-Tourismus sollten sachliche Notwendigkeit und ökologische Schädlichkeit kritisch hinterfragt werden.

c)

Jedenfalls macht die leibhaftige Anwesenheit vor Ort eigentlich nur Sinn, wenn die Sektions-Sitzungen nicht weitgehend nur daraus bestehen, einen Text vorzutragen. Vielmehr sollte die bisherige Haupt- nun zur Nebensache werden und die Sitzungen auf der Grundlage mündlicher thesenhafter Zusammenfassungen und/oder vorheriger häuslicher Textlektüre stattfinden. Dann könnte die Sitzungsdauer hauptsächlich für direkte Dialoge über diese Vorgaben nicht nur mit den ReferentInnen sondern auch unter den TeilnehmerInnen genutzt werden. Der unmittelbare Austausch würde es wahrscheinlicher machen, dass alle Beteiligte ihre Interessen verfolgen und so stärker profitieren könnten: Für die TeilnehmerInnen ermöglichen gelingende Diskurse ein umfassenderes Verständnis der wissenschaftlichen Gehalte und der persönlichen Hintergründe theoretischer Gedankengänge. Zudem würden nicht zuletzt die stets in Vorleistung tretenden AutorInnen gleichsam in flagranti der Möglichkeit zur Diskussion und einer konkreten Rückmeldung ausgesetzt sein, statt sich bloß mit einer unbestimmten Resonanz begnügen zu müssen oder zu dürfen.

Abschließend folgt noch ein weiteres gravierendes Argument für die Notwendigkeit der Neuformatierung akademischer Veranstaltungen, welches sich aus der viel beschworenen Digitalisierung ergibt. Wird diese nicht nur etwa technisch oder kommerziell betrachtet, sondern auch in ihren strukturellen Auswirkungen auf die wissenschaftliche Kommunikation, so bedeutet die Digitalisierung eine besondere Herausforderung. Denn „wer surft, … (entzieht) den anderen Medien … nicht nur viel von der Zeit, die überhaupt an >Information< gewendet wird. Er tut es auch auf vergleichsweise individualistische Art. Denn anders als Fernsehen, Zeitung und Radio, macht es das Internet ganz unwahrscheinlich, dass die Lektüre des einen kongruent mit der des anderen ist.“ #8

Da dieses kulturell tief greifende Faktum inzwischen keine Ausnahme mehr darstellt, sollte es nicht weiter ignoriert, sondern darauf endlich konsequent reagiert werden. Um weitere babylonische Verwirrung sowie monadische Vereinzelung zumindest partiell zu vermeiden, ist es für eine Wissensgesellschaft umso wichtiger, dialogische akademische Vermittlungsformen zu entwickeln und zu praktizieren. Wenn ein gleichzeitiger gemeinsamer Bezug etwa auf Themen, Sachverhalte, Beurteilungen und Problematisierungen nicht mehr durch die Lebenswelt gleichsam natürlich gegeben ist, sondern nur noch sehr selten vorkommt, ist es in der darauf aber existentiell angewiesenen Wissenschaft allemal unverzichtbar, geeignete Bedingungen zur Kompensation dieses Defizits künstlich zu schaffen.

Dann würden die bisher fragwürdigen akademischen Sonderveranstaltungen als ein Experimentierfeld zur Erfindung und Erprobung von alternativen wissenschaftlichen Vermittlungsformaten eine weitere wichtige Bedeutung und neue Legitimität bekommen. Statt sich gängiger Organisationsschemata einfach zu bedienen würde es künftig zur Planung akademischer Sonderveranstaltungen vorrangig gehören, den veränderten Anforderungen gerecht werdende Sitzungsformate zu konzipieren. Dazu wären etwa die jeweiligen thematischen, personellen, institutionellen, finanziellen, organisatorischen und räumlichen Faktoren untereinander und mit vorab zu formulierenden Zielvorstellungen derart fein aufeinander abzustimmen, dass sich möglichst kommunikative Veranstaltungs-Settings für Sitzungen ergäben. Dabei sollten unterschiedliche Ergebnisse durchaus akzeptiert und als sich ergänzend statt als einander ersetzend gedacht werden. Schließlich muss sich in der Praxis zeigen, welche theoretischen Konzepte funktionieren. Insofern wäre es durchaus erstrebenswert, wenn auf einer einzigen Veranstaltung mehrere Sitzungsformate nebeneinander praktiziert würden. Für die Entscheidung, ob es gewünscht wird, an einer Veranstaltung überhaupt bzw. an einer ihrer Sektionssitzungen teilzunehmen, gäbe es dann neben den Alternativen hinsichtlich der Themen, ReferentInnen und Termine noch die zusätzliche Möglichkeit, nach einem jeweils für passend gehaltenen Sitzungsformat zu wählen. Das würde die Attraktivität für alle Interessierten solcher akademischen Sonderveranstaltungen erhöhen und damit sogar für deren Öffentlichkeitswirksamkeit förderlich sein können.

Anmerkungen:

1 Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt 1970. S. 508.

2 Adorno, a.a.O. S. 504.

3 R. Bubner: Über einige Bedingungen gegenwärtiger Ästhetik. Neue Hefte für Philosophie. 5/1973, S. 39.

4 Adorno. a.a.O. S. 507.

5 Adorno a..a.O., S. 9.

6 Vgl. Krohn, Wolfgang; Küpers, Günter: "Die Selbstorganisation der „Wissenschaft". Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1989 | ISBN: 3-518-28376-6, S. 18.

7 Lingner, Michael: Zwischen Kern und Mantel. Franz Erhard Walther und Michael Lingner im Gespräch über Kunst. Ritter Verlag, Klagenfurt, 1985 | ISBN: 3-85415-028 Zwischen Kern und Mantel. (Inhaltsverzeichnis und Vorbermerkungen) a.a.O., S. 7: „Zu diesem Zweck haben wir den meines Wissens erstmaligen Versuch unternommen, in direkter Kooperation von Künstler und Theoretiker eine Künstlertheorie zu formulieren, die nicht mehr nur dem künstlerischen Anliegen gerecht wird, sondern auch theoretischen Ansprüchen genügt.“ Vgl. auch: "Der Kunsthistoriker soll Partner, zum historischen Organ des Künstlers werden; der Künstler soll gleichsam sein Auftraggeber werden. Es fehlt an diesem Konzept (von H. Belting: Das Ende der Kunstgeschichte. München 1983) nur ein kleiner Schritt zu dem Schluss, dass der Kunsthistoriker selbst Künstler wird oder wenigstens Teilfunktionen des Künstlers übernimmt". In: Martin Warnke: Ästhetik. Eine Kolumne. In: Merkur Heft 5/1984, S. 566.

8 Jürgen Kaube: Überangebot. Die Sozialwissenschaft sucht ihr Publikum – anstatt Ideen. In: FAZ 1.6.2004, S. 51.

Transkriptionen des theoretischen Nachlasses von Adolf Hölzel | 2290 Ressourcen

Nachgelassene Schriften von und über P. O. Runge | 844 Ressourcen


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