Johann Daniel Runge
An Ludwig Achim von Arnim
An Ludwig Achim von Arnim
Geehrter Herr, erst vor einigen Wochen ist mir Ihr Schreiben geworden, das, obgleich ohne Datum, doch vermuthen läßt, daß es schon ziemlich alt sey. Herr Perthes brachte mir dasselbe von Berlin mit, und beklagt, Ihre Bekanntschaft auf seiner Reise verfehlt zu haben. Sie erhalten hier den Brief meines Otto #1 zurück, für dessen bereitwillige Mittheilung für mich und die Welt ich Ihnen herzlich danke, so wie für Ihre schätzbaren Anmerkungen. Da der Brief einen leisen Widerspruch gegen Sie äußert, so ist die kleine Selbstverläugnung, welche Sie beweisen, indem Sie ihn dennoch hergeben und nicht einmal eine Berichtigung wünschen, ein schöner Beweis der Achtung für den Seeligen, welche Sie mit den Besten seiner Zeit und Bekanntschaft theilen; ich meinestheils gebe Ihnen noch dazu recht, daß er Sie ein wenig mochte mißverstanden haben, doch der eigentliche Sinn seines Briefes ist, daß er jene zwey Mährchen (wer könnte es verkennen, wie interessant und wie sehr seiner Weise verwandt Inhalt und Vortrag waren?) nicht unter seiner Firma abgedruckt wünschte, und so kann ich auch in seiner Seele versichern, daß es ganz wider seine Intention laufen würde, solche unter seine Schriften aufzunehmen#2. Die Naivität übrigens und Wirkung seines mündlichen Vortrags dabey übertrifft auch die lebhafteste Vorstellung, und um dieser Erinnerung willen werden Sie es mir nicht verübeln, wenn ich seine Abschrift davon und noch mehr das Gedruckte (das noch uncorrecter ausgefallen) auch nicht dem schwächsten Schatten von dem lebenden Gegenstande gleichstellen möchte; freylich finde ich nun #3 schätzbar als Andenken an jenes, und möchte ich für mein Leben gerne beide Mährchen von seiner Hand ein mal wieder sehen, denn nur bloß von dem Fischer besitze ich eine, zu flüchtige, Handschrift. Erzeigen Sie mir also doch die Liebe, mir beyde Mährchen auf kurze Zeit zu borgen, Sie sollen sie heilig wieder haben. Auch um Ihre Verwendung bey Herrn Brentano wegen Erfüllung meines Begehrens von Ottos Briefen an ihn, bitte ich Sie recht herzlich, da er mir nicht geantwortet hat. Sehr gut erinnere ich mich des Inhalts von allen, da O^ sie mir vor der Absendung gezeigt hat, und sie sind mir gerade darum interessant, der erste von allen besonders; es versteht sich ohne weiteres, daß ich nichts abdrucken lasse, was Herr B^entem^ nur irgend wünschen kann, nicht öffentlich gemacht zu sehen.
Ihren Auftrag an D"e Reichardt, meine werthe Freundin, habe ich mit
Vergnügen bestellt, und sie erwiedert Ihren Gruß so herzlich, als ich mich
Ihnen mit Hochachtung empfehle Joh. Daniel Runge.
1 | Hinterlassene Schriften PH. O. Runges Bd 1 S. 185, Bd 2 S. 361
2 | Später hat J. D. Runge sie doch in die "Hinterlassenen Schriften" seines Bruders Bd 1 S. 424 ff. aufgenommen. Vgl. dazu auch den sehr lesenswerten Aufsatz von Reinhold Steig: Zur Entstehungsgeschichte der Märchen und Sagen der Brüder Grimm. (Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen, Jahrg. 55 Bd 107, 1901, S. 281 ff. und R. Steig, Zu Otto Runges Leben und Schriften, Euphorion 1902.
3 | Dem Sinne nach hier zu ergänzen: Druck und Handschrift.
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