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Johann Daniel Runge

An Joseph von Görres


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An Joseph von Görres


Nun will ich es aber getrost auf mich nehmen, Ihnen in
der Seele meines Bruders auf Ihren lieben Brief vom 16. Sept. 1810 einiges, sehr weniges zwar, zu antworten. Dieser traf ihn auf dem Lande, in einer Umgebung und zu einer Iahrszeit, wo alles freundlich wohlwollend sich äußerte, nur seine böse Krankheit nicht. Sie sehen ohne meine Erinnerung, daß er sich über dieselbe noch täuschte, dock nickt wie Schwindsüchtige sonst, denn er würde dem Arzt geglaubt haben, der für gut gefunden hätte, ihn über seinen Zustand ganz aufzuklären. Ihr Brief, Ihr liebreiches Anerbieten, ihn auf einige Zeit bey sich in der herrlichen Gegend aufzunehmen, erregten eine sehr lachende Vorstellung und vermochten auch noch späterhin, ihn auf Augenblicke zu erheitern. Haben Sie das noch jetzt statt Dankes
Zu Ihren Bemerkungen über seine Farbenkugel schüttelte er wohl fast sehr den Kopf. Damals hatte er das Goethe'sche Werk sckon gelesen, so gut er es im kranken Zustande vermochte; auch Sie werden es bald nachher bekommen haben, und, sollten Sie auch bey Ihrem Gesicktspunct verharrt seyn, doch über die ganze Erscheinung eine noch größere Herrschaft der Einsicht gewonnen haben; es ist also nicht mehr
an der Zeit, über Ihre damaligen Aeußerungen zu sprechen. M?in Bruder hatte bey seinem Buche zwar das ganze Phänomen im Auge (Sie finden seine Ansicht weiter ausgeführt in dem Briefe, den G. von ihm bekannt machte), dock insbesondre nur die Künstler, seine Brüder, und ich glaube nicht, daß die ganze Newtonsche Lehre, und alle Mißgriffe, die man Goethe mag nachweisen können, ihn in der Hauptsache irre gemacht hätten. Sie erwähnen der Differenzen, die sich unter den Qualitäten der drey reinen Grundfarben befinden, und Ihnen das gleichseitige Dreyeck derselben verleideten. Wie konnte aber in der Farbenlehre von dergleichen Unterschieden und Abweichungen die Rede seyn, ehe die Parität, von welcher abgewichen oder unterschieden wer den muß, in ihrem vollständigen Grundschema, jemals selbst aufgestellt worden war? und dies ist zu allererst durch ihn geschehen. Ich hoffe.
Sie werden mich nickt beschuldigen, daß ich wie der Blinde urtheile, doch wenn auch, so spreche ich nicht für mich, sondern für ihn, an dessen Ideen ich den vollsten Antheil nahm.


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