Johann Daniel Runge
An Johann Wolfgang von Goethe
An Johann Wolfgang von Goethe
Ewr. u. s. w. hat ein Ihnen Unbekannter eine Schuld zu entrichten, die ihn schon lange drückt. Es ist ein Gruß, den mein Bruder mir auf seinem Sterbebette für Sie anbefohlen. Nur recht trübselige innere und äußere Umstände konnten mich zögern macken, einen Auftrag
auszurichten, den ich so lebhaft aufgenommen. Heute aber werde ich durch eine mir sehr nahe liegende Gelegenheit auf das stärkste gemahnt, die mir so theure Pflicht zu erfüllen.
Sie hatten eben, in einem Briefe an Hrn. Perthes, die freundlichsten Wünsche für die Genesung unseres Geliebten geäußert. Durch diesen Gruß wollte ich ihn in einem der helleren Augenblicke, die sein Leiden ihm ließ, erfreuen. Melde ihm," sagte er mir darauf, daß sein Buch über die Farbenlehre einen recht väterlichen Eindruck auf mich gemacht hat, obgleich ich diesen Sommer schon zu krank war, um es mehr als oberflächlich durchgehen, und um den aufmerksamsten Blick daraufheften zu können." Fünf Monate früher schrieb er an Hrn. Perthes, der mit seiner Familie die Heimath in Ihrer Nähe besuchte : ("Folgte nun ein Auszug aus dem Briefe von R. an Perthes vom 14. Iuly 1810, den wir schon TH.I. S. 184 ff. gegeben haben.)
Sie werden mir zu gute halten, daß ich Ihnen abgeschrieben, was beysammen stand, und nickt grade für Sie alles geschrieben war. Eine kleine Notiz bey Lesung Ihres Buchs fand ich noch von seiner Hand:
575. Theorie: Wie beym Reiben gelber Farbe sie sich von Vormittag bis Abend verändert, nicht aus der geforderten Farbe im Auge, sondern aus der im Raum zu erklären." Vertraut mit den Gedanken meines Bruders, bin ick gleichwohl leider nickt im Stande, Ihnen in der Kürze zu melden, wieviel weiter er in die Einsicht der farbigen Erscheinung gedrungen, seitdem er Ihnen im 1.1806 darüber Bericht erstattet. Wir stießen auf metaphysische Schwierigkeiten, zu deren Auflösung ihm so wie mir die Fähigkeit abging; doch wage ich vorauszusagen, wie es gekommen wäre, hätten wir uns seines frischen Daseyns länger zu erfreuen gehabt. Sein gra-des Auge würde ihm auch über die tieferen Verhältnisse reale Data verschafft haben, und in der logischen Entwirrung seiner Aeußerungen Hütten wir einander, wie früher geschehen, hülfreick seyn können.
Gern möchte ich Ihnen nun auch einen Begriff von den Unternehmungen meines Bruders in der Kunst, und von seinen, größtentheils unvollendeten Werken mittheilen; so wie aber die bloße Nennung und Herzählung auf keine Weise Genüge leistet, so würde meine Beschreibung zu arm ausfallen, um etwas mehr auszurichten; Ihnen ist auch
am besten bekannt, daß seine Erfindungen so poetischer Art zu seyn pflegen, daß sich mit Worten, gesetzt auch ick hätte rechte Worte, nickt viel andeuten läßt. Doch kennen Sie die Zeichnungen von seinen Tages zeiten; seine Mappe ist aber an veränderten und verbesserten Ent
würfen zu diesen ziemlich reich. (* Der Herausgeber ging hier in eine leichte Uebersicht der Entwürfe des erstorbenen, so weit sie nach seiner
Meynung G. weniger bekannt waren, ein, und fuhr dann fort:) Jene Bilder, wie gesagt, nenne ich Ihnen nicht, deren Beziehung mehr in nerlich ist, und wovon es mir wohl nickt gelingen würde, hinlängliche Merkmale anzugeben. Wie sehr aber schmerzt es mich, daß ich nicht
im Stande bin, Ihnen alles würklich vor Augen zu legen, und wodurch ich, wie jede Ihrer Aeußerungen über seine Hervorbringungen beweiset, Ihnen gewlß recht heitere Stunden machen.würde!
Die Persönlichkeit meines geliebten Bruders, als Mensch und als Künstler, war sehr anziehend, und so könnte die Herausgabe dessen, was er schriftliches hinterlassen, einen geneigten Kreis von Lesern wohl schwerlich verfehlen. Dies ist aber nock nicht alles. Er wollte etwas in der Welt, daher ick mich gedrungen fühlte, ihn in seinen lezten Tagen zu fragen, auf welche Weise er wünsche, daß, was er in der Kunst gewollt, mitgetheilt werde. Dies nun zu thun hat er mir allein aufgetragen wissen wollen, und, durch seinen Auftrag gestärkt, glaube ich allerdings etwas erfreuliches liefern zu können. Von seinen Kunstwerken einiges herauszugeben, dazu sind zwar die Zeitumstände gar zu ungünstig; ick würde nur eine getreue Aufzählung derselben, neben einigen biographischen Notizen, und einigen kleineren Sachen als Vignetten, dem gedruckten Werkcken bsygeben können, das seine Gedanken und Erörterungen über die Kunst, das Leben, und die Farbenlehre, poe< tische Skizzen und Prosa, und eine reiche Auswahl seiner Briefe zu enthalten bestimmt ist. Würden Sie nun, dieses Unternehmen zu begünstigen, so gütig seyn, mir Briefe von ihm, die etwa noch in Ihrem Besitz sind, solche aus denselben, die nach Ihrem Urtheil mittheilens-werches enthalten, zu überlassen? und mir auch erlauben, von Ihren Antworten an ihn hier und da Gebrauch zu machen? Es entgeht mir nickt, daß von einem ähnlichen Vertrauen oft durch bloße Herausgeber ein sehr unglimpfiicher Gebrauch ist gemacht worden; und so weiß und gestehe ick auch, daß mein Bruder einen Weg in der Kunst nahm, und darauf beharrte, den Sie nickt für den richtigen erkennen. Sie werden aber etwa Zutrauen zu dem bekannten Charakter des Herrn Perthes haben, und dieser wird mir das Zeugniß nicht versagen, daß ich nicht fähig sey, eine solche Mittheilung zu mißbrauchen.
Wenn aber die gedeihliche Liebe, die Sie meinem Bruder stets erwiesen, und die Theilnahme, welche Sie, wie ich vernehme, auch nach seinem Tode an ihm äußern, mich nicht rechtfertigen, so habe ich Sie schon ungeduldig gemacht. Ich schließe mit der Versicherung, daß eine gütige Antwort ungemein trostreich für mich seyn würde, und mit vollkommener Hochachtung.
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