Johann Daniel Runge
An Friedrich August von Klinkowström
An Friedrich August von Klinkowström
Der heutige Abend giebt mir, mehr als drey Monate nachdem die Seele unseres Otto's von uns genommen worden, zuerst den Muth, Ihnen wieder zu schreiben, und ich will versuchen, ohne die eitle vergebene Bemühung, die Empfindung meiner mannichfaltigen, ja unendlichen leiden aussprechen zu wollen, Ihnen ruhig zu erzählen, was zu erzählen ist. Bisher Hütte ich dies wahrlich nicht anfangen können, ohne jenes Aussprechen, so unmöglich es ist, zugleich zu wollen. Als ob nicht Ihrem Geist und Herzen alle Verhältnisse bekannt genug wären, um durch die bloßen Vorgänge hinlänglich ergriffen und in die wahre Lage versetzt zu werden! Allein so schwach und reizbar macht ein Uebermaas von Liebe.
Die Krankheit, an welcher Otto schon im vorigen Winter siechte (Spuren ließen sich viel früher schon wahrnehmen, er aber trotzte grade immer sehr auf die Güte seiner Brust) und welche ihn im Frühjahr mit furchtbarer Wuth auf das Lager warf, war nichts als eine schnell aufreibende Auszehrung; wovon ich mich leider erst gegen daS leztere Ende seines Lebens ganz überzeugen konnte. Sie hatte ohne Zweifel in der übermäßigen Heftigkeit und Tiefe seines innern Gemüths ihren Grund. Aeußere Anlässe sendet Gott, und es konnten dergleichen aus dem Willen unsrer Aller, die wir mit so unendlicher Liebe an ihm hingen, nicht entstehen. Nachdem der Sommer, aber leider mit fortdauernd unfreundlicher Witterung, gekommen war, gaben Nachbaren, voll der rührendsten herzlichsten Liebe für ihn und uns, ihm eine Wohnung bey fich in ihrem Landhause, eine Viertelmeile von der Stadt, sammt Frau und Kindern; und die theilnehmendste Pflege. Nach etwa acht Wochen wurde die liebe Wirthin schwer verhindert; Otto zog wieder in die Stadt. Sein Uebel (ein schleichendes Fieber mit Krampf) nahm zu, und von der Mitte Augusts an miethete ich ihn in Harvstehude ein, wo er bis Anfangs October blieb, und auch bey den schmerzlichsten Krank-heitsanfüllen doch einen schönen Monat hindurch Freude an der Herr» lichen Natur genossen hat, ein wehmüthig süßes Andenken! Hier veränderte sich die Krankheit zulezt zu einem sehr erschöpfenden Wechselfieber; allein auch dieses konnte seine treffliche Natur noch überwältigen. Pauline, welche zum Herbst ihre Entbindung erwartete, und einen leidenvollen Winter fürchten mußte, ließ nun eine Nichte (Emma koewe) aus Dresden zu ihrer Hülfe im Hausstande kommen, und so
zogen wir wieder in die Stadt, wo mir Otto vom Wagen bis an die Hausthür mit frohem Gefühl entgegenkam/ und wir acht Tage lang die unbeschreibliche Wonne hatten/ ihn seiner Genesung mit starken Schritten näher rücken zu sehen. Zwar er hatte das ganze Jahr schon nicht mehr daran geglaubt, welches er mir jedoch nie gestanden; oft in der Einsamkeit bitter geweint, und sich mit Christlichem Muthe vorbereitet; dock hoffte er selbst in der lezten Woche seines Hierseyns noch, es bis zum Frühlinge zu bringen, dann aber glaubte er gewiß zu unterliegen. Als er nach jenen acht Tagen von den schmerzlichsten und wüthendsten Krumpfen täglich heftiger angegriffen wurde, verzagte Emma als ein junges Mädchen auch daran, dieses Kreuz länger tragen zu können, und so kam die treffliche Mutter Bassenge auck noch zu uns, die nur auf unsern Wunsch so lange gezögert hatte. Bis Mitte Januars hat die Redliche und Tüchtige uns unterstützt, und o wie unsäglich mit uns gelitten; ohne sie wären wir in unserm Elende vergangen! Was soll ich Ihnen von der schrecklichen Krankheit noch viel sagen? es bleibt doch unnennbar, was sie, bis zur Zerstörung seiner Lunge, unsern Verklärten gekostet hat. Wiederum wie im Frühjahr wachten nach der Reihe herum alle unsre biedern Freunde nächtlich bey ihm, und haben so herrliche Worte des Lebens von ihm vernommen. Der neueste Geist des Christenthums, und eine, auch im Angesicht des Todes nicht vertilgbare Liebe der höchsten irdischen Schönheit, hauchten bis an seinem lezten Odem mit der ächtesten Wahrheit aus allem, was er bewußt und unbewußt gesprochen. Sein Todeskampf dauerte vom 29. November, meinem Geburtstage, bis zum 2. December Nachmittags sz Uhr, ununterbrochen. An dem ersteren Tage schon berief er uns alle an sein Bette und nahm in den himmlischsten Worten den Abschied einer sehnsuchtsvoll liebenden Seele von unS. Diese hellen Momente kehrten sehr oft wieder, dann wurden immer auss neue Leib und Geist von den grimmigsten Leiden gemartert und umnebelt. In den lezten Tagen waren Hände und Antlitz bis zur Unkenntlichkeit geschwollen. Den besten seiner Freunde und Freundinnen, so wie Paulinen, und mir, hat er, jedem einzeln, theils auch allen gemeinschaftlich noch am Abend vor seinem Ende die gewichtigsten heiligsten Erinnerungen in's Gemüth gegeben, die treuesten Aufschlüsse über den Gang in seinem Innern, seine Jugend und sein ganzes Leben, und das, was er von der Zukunft hoffte und glaubte, mitgetheilt. Ein lautes, großes, den tiefsten Gram und die Qualen seiner Seele herrlich überwindendes Gebet, aus eigner Fülle, sprach er denselben Abend mit der feperlichsten Deutlichkeit aus. Besser wachte die Nacht mit ihm; den Sonntag Vormittag waren wir alle um ihn versammelt, und einen ewigen Gottesdienst hat sein Heimgehen zum Vater in unser Aller Herzen gestiftet. Wir knieeten umsein Bette und beteten laut oder leise: O Lamm Gottes unschuldig!" und: Herzlich lieb hab'ich dich, o Herr!" und: Der Herr segne dich und behüte dich u. s. w." Er war oft wieder mittheilend über alle und jede seine irdische Liebe, wie den Abend vorher; übrigens nur von dem Himmel und Jesu Liebe erfüllt. Auch Ihren Namen, mein geliebter K., hat er noch genannt; nicht ick, sondern die liebe Karoline Perthes hat es von ihm gehört. Ganz zulezt, nachdem seine Gedanken / wie es schien / mit allem, was auf der Erde und im Himmel ihn angehen konnte, fertig waren, kehrte die Lust zum Leben glühend in ihn zurück. Sein Geist weilte in Harvstehude unter den schönen Bäumen, und bey den Brüdern in Mecklenburg; er dachte dort auf dem Lande noch zu genesen; Karl's Name, unsres Bruders, der mit ihm zunächst aufgewachsen, war sein leztes Wort. Ich habe ihn sterben sehen.
Man hatte Paulinen, die bis dahin nock über alle Vorstellung sich standhaft bewiesen, von seinen allerlezten Augenblicken entfernt. So glaubte auch ich, seit den lezten Wochen und Tagen wie außernatürlich gestärkt, nun alles aushalten zu können; allein als ich sie, in demselben Augenblicke, aus dem andern Zimmer abholte und zu unserm Todten zurückführen wollte, überfiel mich eine Nervenschwäche, die ich nie erfahren, die mir in der ersten Woche alle Kräfte raubte, und mich nach Gottes gnädigem Willen erst nach einem Monate verlassen hat. Am andern Abend, den 3. December, wurde Pauline von einem gesunden Knaben, dem vierten Kinde Otto's, glücklich entbunden, den wir erst im Januar taufen ließen und der den Namen seines Vaters erhielt. Den 5. December begruben seine Freunde den Leib Otto's, wie er es gewünscht hatte, bey denen der Kinder unseres theuern Perthes. Ich war damals zu schwach, um mitzugehen.
Eben in jenen Tagen herrschten durch we Verfügungen des Kaisers über unsre Städte die furchtbarsten Verwirrungen und Zerstörungen in allen Vermögensumstünden, welche, was mich insonderheit betrifft, selbst grade am Sterbetage unseres Otto's die außerordentlichsten Anstrengungen lieber Freunde für mich in Anspruch nahmen, da es von dem Schicksale Einzelner adhing, ob ich, und meine Eltern und meine Geschwister, auch nur das allermindeste Eigenthum auf der
Erde übrigbehalten sollten. Dies wußte ich damals auch selbst
und noch immer sind meine Verhältnisse von so trauriger Art, daß ick mich bestimmt habe, auf kleine Zimmer zu ziehen, meine irdischen Verhältnisse abzuschließen und zu erwarten, was Gott dann mit mir thun will. Mein jüngster Bruder besuchte mich im December, und Jacob war im Januar einen Monat lang bey mir; zu Hause ist nun auch er in Folge heftiger Körper- und Gemüthsanstrengungen an einer Nervenkrankheit bettlägerig. Gott wolle mich so hart nickt strafen, daß ich auch ihn verliere! er ist meine lezte Stütze, so wie die meiner theuern Eltern. Pauline verläßt mich zu Himmelfahrt mit den geliebten Kindern, um zu ihren Eltern zu ziehen.
Daß Otto leztes Jahr nickt hat arbeiten können, sehen Sie von selbst ein, und daß seine Krankheit ein Schnitt durch sein Leben in seiner schönsten Thätigkeit gewesen. Da liegen seine edlen Entwürfe kaum angefangen um mich her. Ich fragte ihn in seinen lezten Tagen, wie es werden, und wie der Welt gegeben werden solle, was er in der Kunst und für die Erkenntniß der Wahrheit gewollt? Er antwortete heiter, ich mbge eö selbst bekannt machen und mich allein auf meinen guten Tact verlassen, und so ist mir ein heiliger Auftrag geblieben.
Sie, mein theurer K., sind mir nun zwar sehr ferne,
dennoch muß ich Sie bitten und beschwören, mir und zwar recht bald Abschriften der interessantesten Briefe über die Kunst und sein Gemüth, die Sie von Otto haben, zu senden, weil er sich gegen Wenige so wie gegen Sie geäußert haben kann. Sie, mein liebster K., sind
nach Rom gegangen und ich kann alle Ihre Bewegungsgründe dazu würdigen, aus der ganz eignen und würklich sehr beklagenswerthen äußeren Lage, worin Sie sich befinden.
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