Johann Daniel Runge
An Friedrich Perthes
An Friedrich Perthes
Die pommersche Post ist noch nicht da. Ich wünsche nur nicht, daß sie gar ausbleibt, denn ich bin nm meinen Jacob recht bange - Carl war den 27. auch im Begriff eilig zu ihm zu reisen.
Meine guten Nachbaren, die heut ihren Hochzeittag feyern, haben für mich mit v. Beselers alles abgeschlossen - also bin ich da zur Ruhe gebracht. Gottlob! und kann auch, wie ich hoffe, schon etwas früher einziehen. Ich will mich nun mit meinem alten Hauswirth morgen vergleichen so gut ich kann, und auch alle Entschlüsse über fernere Einrichtung mit meinem Hausgenossen - den ich wohl ganz abschaffe - unverzüglich nehmen, so wie über Sachen und Meublen, wo ich damit bleibe - ich freue mich innig in eure liebe Nähe zu kommen.
Den Aufsatz über die 4 Bilder, fürs Publicum, verwerfe ich nach Deinem Rath. Es ließe sich freylich dem Publicum noch wohl was darüber sagen #1, doch kommt es erst darauf an, daß Du selbst mich fassest, ehe Du etwas in der Form genehmigest, welches in diesem Stücke ganz mein Criterion seyn soll.
Der Morgen ist allgemeine Lichtwerdung, erste Wahrnehmung der Welt, Blüthe und Erwachen des Geistes.
Der Tag ist das Begreifen aller irdischen Gestaltung.
Der Abend ist das Versinken alles Wesens in die Ruhe, Betrachtung, Gefühl und Genuß des Beharrenden, der ewigen (dem Begriff fremden) Ordnung aller Dinge.
Die Nacht ist 1., am gestirnten Himmel, Begriff und Ahndung aller Welten des Universums, 2., in der innern Welt, das Reich der Geister, der Ideen - also in beyderley Rücksicht: Höhere Himmlische Gestaltung.
In diesen vier Zuständen, wechselweise und in ewiger unverrückter Ordnung befindet sich alle Welt, das Geschaffene und der Geist - Der Mensch aber sowohl seinem Lebenslauf nach (wie auch in der Geschichte die Menschheit) - als einzelne Menschen nach der Verschiedenheit des Charakters und Temperaments. Außer dieser Regel, oder in verrückter Ordnung zu seyn, ist verkehrt und unmöglich; es zu wollen, gottlos; denn nur Gott ist, als die ewige Ursache, außer und über der Welt und dem Rhythmus der Natur.
Es ist aber Morgen und Tag nicht einerley in der Erkenntnis, wie wohl sie in einander übergehen, wie auch der Abend in die Nacht übergeht. Der Morgen ist Tagwerdung, so wie der Abend der Beginn der Nacht. Nur die bryden großen Gegensätze, Tag und Nacht, Licht und Finsternis sind specifisch und bestimmt geschieden, auch tritt auf einen genauen Punct die Herrschaft des Einen wie des Andern, Morgen und Abend, jedesmahl ein, und keinesweges allmählich, wie der Morgen in Tag, Abend in Nacht allmählich verfließt. Licht wird immer mit einmal, plötzlich, in und außer der Seele. R^n^.
Ich habe dies dahin geschrieben (was ich mir aufzubewahren bitte) während ich auf die pommersche Post lauerte. Die ist gekommen, allein die wollgaster Briefe sind leider! ausgeblieben.
1 | 1812 veröffentlichte Joh. Daniel Runge anonym im 2. Band des von Friedrich Schlegel in Wien herausgegebenen Deutschen Museums (S. 92) einen Aufsatz: "Nachricht von Philipp Otto Runge". Vgl. dazu auch die "Hinterlassenen Schriften von Philipp Otto Runge" Bd 2 S. 476.
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