Henrik Steffens
An Johann Daniel Runge
An
Es ist ein inneres Beben, welches meine Hand zurückhält, indem ick selbst trauernd über einen Verlust, der zu den härtesten meines Lebens gehört, dem treuen Bruder meines Freundes meine Theilnahme bezeugen wollte. Wann lebte ein reinerer Mensch? Welch ein Göttliches, ursprünglich durch herrliche Gaben berufenes, still und geräuschlos auf das Höchste gerichtetes Gemüth! wunderbar verschlossen für Fremde, ohne sein Wollen; wundersam sich entfaltend für Freunde! Es ist ein herbes Loos, wenn tiefe Gemüther/ die lehrend, erweckend uns begegnen, die uns innerlich da verwandt dünken / wo wir am meisten verwaiset sind so plötzlich verschwinden. So verschwand Novalis, so Ritter, so der herrliche liebliche Otto, an tiefer Eigenthümlichkeit Beiden, an hohem Adel und Reinheit der Gesinnung ganz dem ersten vergleichbar. Nichts kann und nichtS soll uns ihn ersetzen. Weh uns, wenn irgend eine Gestalt die seine in uns verwischen könnte! Eine stille bleibende Trauer soll seine äußere Entfernung, eine wehmüthige ahnende Hoffnung seine innere Nähe uns andeuten. Oft, wenn ich in die große, aus seinem Geiste hervorgehende Welt, voll Bedeutung, blüthenreich, gestaltvoll, für Kunst und Poesie so vieles versprechend, hineinblickte, wenn ich den Umfang seiner großen Unternehmung, den Fleiß, die Andacht, selbst andachtsvoll betrachtete, war es mir wie eine Weissagung, wie ein fremder Ton aus einer fernen wenig verstandenen Zukunft, dunkel zwar, doch traten Augenblicke für den sorgfältig Forschenden hervor, in welchen die ganze schöpferische Welt wie durch einen Zauber wunderbar erleuchtet ward, und in solchen, zwar nur vorübergehenden Momenten zeigte sich in lieblicher Helle eine Ordnung, ein innerer, bedeutungschwangerer lebendiger Zusammenhang, der tieferschütterte. Ich habe eine Bitte an Sie, theurer R. Entweder ich hatte nie ein richtiges Urtheil über wahre Genialität, das Glück, das mich in eine nahe Verbindung mit so vielen trefflichen Männern brachte, wäre mir nutzlos dargeboten, oder Ihr Bruder gehörte, in seiner stillen, wenig gekannten Würksamkeit, zu den ausgezeichnetsten der Zeit. Nun ist es mir schauderhaft zudenken, wenn das alles so still im Grabe versenkt seyn sollte, ja es dünkt mich Unrecht, wenn es verwehrt werden kann. Man-cbes besitze ich, manckes ist mir durch seinen Umgang noch erinnerlich. Erlauben Sie, daß ich Ihrem Bruder ein kleines Denkmal setze; und wollten Sie mir mittheilen, was sich mittheilen ließe? Zwar mir wird es seyn, als wenn ick unter Gräbern wandelte, aber ich bin mit dem Tode vertraut geworden. Seit weniger als einem Jahr starben mir drey Freunde und zwey Kinder. Vor allem schwebt das liebliche, theure Kind, welches er freundlich begrüßte, mir auf allen seinen Bildern, aus allen seinen bedeutenden Blüthen, in der herrlichen Welt, in welcher er stets lebte, die er uns aufschloß, freundlich als wäre es seine Bestimmung gewesen, und die er nun in Besitz genommen hat.
Ich habe gehört, daß Sie jetzt für seine Kinder leben, wie Sie für ihn lebten, theurer Bruder meines verstorbenen Freundes! Aber wie wurden Sie auch geliebt! Es war in Lübeck, wo ick die lezten schönen Tage mit ihm ganz verlebte. Er war munter, reizend witzig, voll herrlicher Ideen, die mit einer Leichtigkeit sich entwickelten, welche mich überraschte; aber aus dem ganzen, bedeutungsvollen Leben stieg die liebe gegen seine Kinder, seine Frau, und den Bruder, der ihm so vieles war, als die schönste Blume hervor: es war der schattenreiche Baum, unter welchem die ganze kindliche und reiche Welt seiner Phantasie gedieh und blühte. Gott tröste Sie und Paulinen, an die ich nie ohne Rührung denken kann, der die harte Aufgabe wurde. Ein theures Leben zu begraben und ein andres zu gebären zu der nämlichen Zeit.
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