Friedrich August von Klinkowström
Von Klinkowström
An Philipp Otto Runge
- Eine Bemerkung in deinem lezten Briefe verstand ich
kaum (Brief ist nicht erhalten), da sie an Argwohn zu streifen schien. Ein für allemal
kann wohl die Art unsrer Ausdrücke unter uns nicht in Betracht
kommen dürfen, indem wir Naturalisten sind (wie man es in
der Fechtkunst nennt) und unser persönliches Verhältniß zu eng
ist, um Rücksichten nehmen zu müssen. Darum hatte ich eigent
lich nichts erhebliches zu antworten, indem ich die Differenzen
unter uns nicht aufheben möchte, welche unsre Eigenthümlichkeit
für jeden ausmachen und zur Ehre dieser bestehen müssen; im
Grunde wissen wir uns ja doch ziemlich einig. Unser Brief
wechsel in bedeutenden Angelegenheiten ist also nicht als Par
teystreit zu betrachten, sondern als ein geistiges Commerz, wel
ches für mich um so wohlthätiger aufregend ist, als ich, in der
Einsamkeit und billigem Mißtrauen in isolirte Gesinnung, die
Leere und das Versinken alles lebhaften Interesse zu fürchten
habe. - Du fandest in meinem Briefe die Tendenz einer be
ständigen Jugend; theils als Unterschied in unsern bürgerlichen
Bedingungen. In sofern dieser Sinn einen Zustand umschließt,
habe ich es auch so gemeynt. Allein diese meine Vereinzelung
des Strebens kam aus der Veranlassung, daß ich das Land Italien als vorzügliche Kunstheimath herausheben wollte, und die Begünstigung, die in diesem äußern Elemente liegt, in dem überwiegendsten Verhältniß für uns in Betrachtung zu ziehen glaubte, ohne jedoch gegen den eigentlichen Zweck des Künstlers verstoßen, oder den Gedanken, welcher ihn beseelt, entwürdigen zu wollen. Du scheinst es aber doch etwas dahin gedehnt zu haben, indem du deine, aus innerer Nöthigung hervorgehenden Bestrebungen als eingreifender in's Leben, gegen meine allgemeine Preisung der Phantasie aufstellst, und zulezt deines Zieles erwähnst, die bisherigen geheimen Eindrücke deines Lebens immer bestimmter gestalten zu wollen. - Obwohl ich nun das Höchste des Künstlers, die bestimmte Erkenntniß seines Zieles, in diesem brieflichen Verkehr unter uns nicht hatte berühren wollen, so veranlaßt mich deine Aeußerung doch, etwas darin zu versuchen.
Mir daucht, man kann in Sich doch nicht mehr als Sich
finden. Gleichwohl ist das Ziel unseres Strebens als Künstler
ein Außenwesen, zu welchem hin sich alles durch Sich bewegt.
Man ist sich selbst nur das höchste Mittel, die größte Subjectivi-
tat, aber das Object wohl nie. Das Wahre, welches hierin
liegt, möchte alles andre Bemühen - die Aneignung der von
Andern errungenen Vollkommenheiten u. s. w. - erklären. Wer
da suchet, der findet u. s. w. Es ist also zwar durchaus ein
Geheimes, welches zu finden ist; indem aber wir, in uns ganz,
es suchen, können wir es doch nicht selbst seyn, - wenigstens
nur ein Theil davon. Man kann bey dem Geheimniß des Um-
fassens seines Gegenstandes Sich doch nicht als ersten Ausgang
und lezte Vollendung ansehen, und die größte Würdigung der
Person wird doch immer die Menschheit noch unermeßlicher ma
chen. Daher die Geschichte für den Menschen wohl die größte
seiner Gewißheiten ausmacht und die Wahrheit seiner Erkennt
nisse, wie die Würde seines Strebens bestimmt; die Bestätigung
von außen wird der Grund aller Berechnung. Alle Biographien
können doch nur die Wahrheit der Weltgeschichte zusammentra
gen, und die magischen Erscheinungen der einzelnen Leben sind
in den ewigen Culminirungen des Geschickes von Anfang be
schlossen. Ich entferne mich von meinem Zweck, und du
wirst meine Meynung, so wie die Wahrheit aus dir selbst schon erkannt haben, daß "Alles in Allem" ist, nicht "Alles in Einem." Wenn der Mensch die magische Verführung zu überwinden hat, Sich für zuviel zu nehmen, so muß ihm auch das Unrichtige davon einleuchten, von feinem Zustande sich bestimmen zu lassen, welches auch schon als Krankheit angenommen und bestätigt ist. Es ist auch jederzeit die Ehre eines Menschen gewesen, für einen Zweck oder Gedanken sein ganzes Leben als ein Mittel angewendet zu haben, und macht das Interesse an seiner Geschichte aus, Ungeheuern und Sirenen vorbeyzusteuern. Dieser sein freyer Gedanke ist also kein Unding, sondern man sieht ihn zu dem Zustande eines Menschen oft so sich verhalten, wie die Phantasie zum Gefängniß. Damit dieser Gedanke in uns komme, ist unser Begehren nach ihm und das thätige Spüren nach Wahrheit ein Proceß, von welchem die Verläugnung seiner Person etwas anfängliches ist. Kurz: Persönlichkeit will Besitz einer Sache; Verläugnung aber das Seyn. - Ich bin nun zwar selbst nicht, wie ich schreibe, aber eben dieses beweiset mir ein freyes Edles, dem ich angehöre, aber verhindert bin, mich damit zu vereinigen.
Ich erkenne ferner, daß das Sammeln in sich das Concave, weibliche ist, und mein Wille nach dem thätigen Focus des Convexen steht. Wenn ich zwar nicht seyn kann, wie ich will, so will ich doch auch nicht, was ich nur muß. -
Wenn ich etwas gegen die Bemühungen über die Farben äußerte, so ist es, weil ich von dem Zweck keinen bestimmten Gedanken habe. Hat man in der Geschichte Spuren jemaliger Resultate (dieser Untersuchungen für die Kunst)? Wie will man ihr spurlos kommendes Wesen in ihrer Erscheinung fassen? Wie das Geheime von Harmonie - Liebe - aussprechen? Ihr durchaus secundaires Wesen, welches erst durch das Licht erscheint, daher zuerst dieses verstanden werden müßte? Ist nicht alle Belebung des Frühlings das gleiche, und der höchste Ausdruck davon nur die geheimste Empfindung oder die Harmonie des entzückten Dichters? - Wenn ich die Töne in einer Parallele damit annahm, so meynte ich das in der Eigenschaft des Sinnes, da alle unsere Sinne von dem Centrum unseres Seyns ausgehen, daher in Verhältniß zu einander stehen, wie die Strahlen eines Sternes gemeinschaftliche Sphären durchdringen. Dieses Verhältniß würde das Analoge zwischen Farben und Tönen geben, wovon du aber wenig halten wolltest. Sphäre däucht mir hier ziemlich richtig, da die bloße Erscheinung und Wiederholung der Iris dieselbe äußert, und auch jede Würkung als Ausgang einer Kraft ihr Maas, Ziel, Zahl, - ihre Refiexpuncte hat. So die Construction eines akustischen Theaters. - Wenn dieses Verhältniß bey den Tönen bereits eine Figurirung gewonnen hat, so ist vielleicht das selbstständigere körperlichere Wesen die Ursache davon. Das heißt: seine Spur ist deutlicher, seine Zeit bestimmter; und die körperlichen Mittel haben die Versuche zu größerer Genauigkeit bringen können. Welche Mittel aber könnte man für die Farben anwenden, die durch den Strahl des Lichtes erst erscheinen? Und wäre auch etwas erfunden, und soviel als für den Schall herausgebracht: wozu? Hätten nicht die übrigen Sinne gleiches Recht auf Gestaltung ihres Princips? - Man kann sagen, die Wissenschaft des Schalles hat den Nutzen, die lebendige Sprache, und den Geist von Einem Menschen Vielen, versammelt, zukommen zu lassen, und diese unermeßliche Würkung viele Zeiten hindurch die menschliche Gesellschaft vereinen und adeln zu lassen. Die Ruine aber des Tempels begräbt sein Geheimniß. - Wozu diese Ausschweifung? Mit den gewonnenen Resultaten über die Töne hat man ihr Wesen nicht erfaßt, sondern man hat sich mit dem lebendigen Nutzen beschie-den, welcher aus der bekannten Würkung hervorging. Ein Resultat über die Farben würde mehr eine abgeschlossene Einheit hervorbringen, - eine Sache, die man in den harmonischen Gestaltungen einer Tempelzierde oft erneuert sehen könnte, auch
wohl von Alters her schon sieht. Ich bescheide mich, nichts
Gründliches darin zu erkennen, aber dennoch habe ich das nicht verhehlen wollen, was mir dunkel vorschwebt; du magst es richten. Immer aber würde ich gegen ein Laboriren oder isolirte Processe etwas haben, da für mich alle Dinge in Verhaltnissen, Parallelen oder Correspondenzen stehen. Im Allgemeinen scheint mir die Tendenz deines Bestrebens mit andern ahnlichen in Einer Concentrirung sich zu erfüllen, deren Ahnung mich vor allem beschäftigt. Wenn die Sinne eines Menschen seinen ganzen Genuß umfassen, so liegt in der höchsten Gleichung alles Menschlichen - Gottesdienst. Was wir empfangen, ist gegeben, und wir weihen es wiederum in der Heiligkeit der Erkenntniß, - Erkenntniß unsrer Abkunft. -
Den 6. Liebster Freund, du erhaltst im Obigen und Folgenden einen Brief, der vielleicht langer, als gut ist, wird. Indessen schreibe mir, was dich nicht wahr dünkt, und sey versichert, daß meine Aeußerungen mehr aus innerer Bewegung von Erwartung, als Unbescheidenheit oder voreiliger Zuversicht von einer Gewißheit entstehen.
Seit Weihnachten ist meine Nacht im Auditorium
zu Greifswald aufgestellt. Ich hatte damit mehrstens die Absicht, das Bild nur an die Seite zu stellen, da es hier gar in der Scheune wohnen mußte. Indessen war es doch glaublich, daß auf einer Universität Einige daran Interesse nehmen möchten. Das würde aber vielleicht nicht weniger bey einem Seehunde, den man angezeigt hatte, geschehen seyn. Indem ich durchaus frey von gemeiner Eitelkeit dabey bin, sollte die Sache durchaus nicht öffentlich seyn. Freylich an andern Orten, wo solch Mißverstehen wie hier unmöglich wäre, wo die Sache der Kunst erkannt wird, wäre eine öffentliche Allgemeinheit meinem Sinn gemäß.
Quistorp, den wir als ehrlich kennen, hat
Freude daran, und wollte etwas unter seinem Namen in die Zeitungen setzen lassen, was ich aber durchaus nicht wollte, indem zu dem natürlichen Mißverstehen der Sache noch ein unnatürliches, meine Person betreffend, hinzugekommen seyn würde. "Ist das nicht des Zimmermanns Sohn?" Es geht jedoch auch so dem Werke nicht besser als meiner Person. - Bleib's dahingestellt!
Von Fridrich aus Dresden habe ich kürzlich Briefe gehabt.
Es geht ihm gut; er mahlt Nebellandschaften, trübe Lasur.
Möchte es dem braven Kerl stets gut gehen, obwohl ich manch
mal ungeduldig werden könnte über die ihm beschiedene Einsei
tigkeit, welche oft die Bequemlichkeit einer Manier und ein ver
wöhntes Publicum verursachen!
Den 7. Wenn ich nicht eitel Wunderwerke von un
sern Kunstbestrebungen in dieser Zeit erwarte, so kannst du den
ken, daß ich mit den Vielen mich vereinen möchte, welche das
für ihre Nachkommen hoffen dürfen, was sie nicht erleben kön
nen. Um so schmerzlicher ist dann jede Verhinderung einer ent
schiedenen Existenz. Wir sehen zum Theil ausschweifende Ver
irrung der Jüngeren in den Erwartungen plötzlicher allgemeinen
Tendenz für das, was uns einst so beseelte. Erstlich war die
ses aber doch nur in uns so individuell wie in jedem Andern;
und dann so geht die Geschichte ihren Weg über Stock und
Stein zum Berge, dessen Gipfel wir im Fluge erreichen zu kön
nen meynten. Vom Kosmopoliten hat man müssen national
werden durch das Leiden, das die Stelle eines jeden erreichte.
Man bekommt Respect vor der Welt, über welche man im Wahn
war. * war neulich mit mir darüber einig, daß Tieck uns
mit Wunderglauben gereizt habe; es gehen aber die heiligsten
Dinge nun den menschlichen Weg und sind so wohl desto mehr:
nur ist es der Gedanke, daß unsre Schlafe gekühlt worden, sey
es der Friede der Ehre im Innern, oder des Sterbens. Die
Wahrheit ist ruhig; dieses Beschiedenseyn erleuchtet meine Nacht
wie ein mitleidiger Mond und ich klage nicht, außer wenn es zu
leer wird. Den Menschen umkreiset doch sein Schicksal, und
seine Handthierung möge den Stempel einer nicht scheinenden,
nur an sich werthen Münze tragen! Uebrigens fürchte ich nichts,
indem ich etwas hoffe.
Den 8. Nicht als einen Zankapfel habe ich hier eben so
manches hingeworfen, sondern um dich hinwieder zu einer so
herzausschüttenden Suade aufzufordern. Aus meiner Situation,
die so ganz entgegen meinem Ideale ist, wird sich manches Wi
dersprechende erklären; die Gewalten des Humors quälen mich
wider meinen Willen. - Eine wiederholte Bitte an dich und
Speckter um die Titel aller Hamannschen Schriften, welche
er besitzt. Endlich habe ich die Kreuzzüge des Philolo
gen hier aufgespürt.
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