Friedrich August von Klinkowström
Von Klinkowström
An Philipp Otto Runge
Mein liebster R., ich wollte dir in dem ersten Augenblick, als ich deinen lieben Brief erhielt, antworten, allein es war gut, daß ich es in der ersten heftigen Aufregung unterließ. - Ich nehme es als ein rechtes Freundschaftsstück von dir auf, daß du mir geschrieben, wie man sich hier von meinen Aeußerungen
über die Religion verletzt gefühlt; und du kannst wohl denken, daß ich keinen Mißbrauch davon mache. Aber es ist gar nicht wahr, daß ich das gesagt; und wenn ich mich dessen auch so genau nicht erinnere, so sind die Worte doch so fremde und unsinnig, daß ich nie so etwas zu sagen fähig wäre, es auch von Keinem glaube, der nur ungefähr sich bewußt ist, was er spricht.
- Es ergriff mich beym Lesen mit einemmale eine Erfahrung, die mich sehr betrübt macht: daß ich so oft verkannt werde, daß so Viele an mir irre werden, und daß, ganz wider meinen Willen, das was ich sage und thue für etwas genommen wird.
Ich will gar nicht in der Art bemerkt seyn, und wenn Einige mich für kraftig halten, das danke ich ihnen gar nicht; im Ganzen will ich nichts vorstellen, und möchte den Leuten nur mein eigentliches liebreiches Wesen verstandigen, aber das bleibt ganz unerkannt. - Du glaubst nicht, was ich von solchem Trübsal
schon erlebt habe und wieviel ich mir noch vermuthe. Am Ende mag es seyn, daß man sein Leben hier ordentlich hassen soll, wie in der Bibel steht, um das ewige zu haben.
- Ueberhaupt, mein Lieber, was thut uns eigentlich noth? Ich meyne: das Christenthum. Könntest du glauben, daß die jetzige Katholische Religion allein das enthalte? - Wenn man beym Eintritt den Lutherischen Glauben abschwören muß, und ihn hernach befeinden? Glauben wir denn nicht auch aus allen unsern Krauen an Jesum Christum? Soll jenes die Erfüllung des Spruches seyn: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich? Und dann sage mir, wo sich eigentlich der Lutherische Glaube von dem Katholischen scheidet, und was dieser noch haben kann, wenn ich es betrachte, daß wir die Bibel in unsern Handen halten dürfen und zur eignen Anschauung aller Offenbarung und des Wandels Jesu Christi gelangen? Das ist wohl viel was Gewaltigeres, und nimmt mich Wunder, daß nicht Mehrere wahnsinnig über die Entbehrung geworden sind! Was haben wir nicht für gewaltige Glaubenszeichen! z. B. den Genuß des h. Abendmahls für Alle, - und ist alles nach dem Gebot Christi, und daß nirgend sonst ein Mensch mehr wie wir fähig ist, solches zu betrachten und die Gnadenzeichen zu erlangen ? Man kann davon nicht sprechen, es ist die gewaltigste Formung des Christenthums. - Und doch glaube ich, daß der Unrecht thut, der sich aus einer der Formen in die andre begiebt, denn ich glaube, daß die verschiedenen Christlichen Religionen zusammengenommen das Christenthum ausmachen. Auch kann ich das nicht fassen, wie jemand kann mit einemmale die Religion von hinten herein lernen. Mehr dünkt mich, wer sich im Walde eine Hütte baut und unter den Thieren seinen demüthigen Glauben beginnt. Ich glaube überhaupt, wir müssen die Religion ordentlich mit dem Anfange der h. Schrift auch anfangen. Da sind wir Kinder in einem schönen Garten, und alle Poesie ist uns Beschreibung von Blumen und Quellen und Glanz und Dust im Paradiese, da bedenken wir aber auch unsern Sünden-fall, und so gelangen wir mit Buße durch das Alte Testament, welches uns sündliche Menschen sehr vorhält, zu der unverdienten Gnade der Erlösung, und die arme Seele frohlocket dann in ihrer Liebe, daß siö das ewige Leben habe. Es läßt sich davon nicht viel sprechen, es wird leicht trunkenes Geschwätz, ich wollte nur sagen, ich kann das nicht gutheißen, wie sich jetzt Leute die Religion äußerlich lehren lassen. Wer an Ihn glaubt, wird selig werden; wer sein Leben hier nicht lieb hat, wird das ewige Leben haben. - Was im Katholicism Christlich ist, das hat der schon, der den Christlichen Glauben hat, das andre ist uns fremd; und überhaupt wissen wir nicht, wenn das Christenthum wieder aufwacht, welche Gestaltung es mit sich führen wird, nur - man fasset nicht neuen Most in alte Schlauche. Es ist Unrecht, darüber etwas bestimmtes denken zu wollen, aber die verursachen es, die sich in den Katholicism geflüchtet haben, wie in ein großes verlaßnes Haus von der Sündfluth her und höhnen von dem herab die Bußfertigen, die Gott um eine Arche bitten. Ist keine Religion mehr, so auch die Katholische nicht und wir müssen in Buße und Bekehrung die Sendung des Geistes erwarten, der alles richtig machen wird. Sicher und über den andern hinaus ist Keiner, der heut zu Tage bloß Katholisch wird; denn was ist das wohl, wenn alsdann die Leute doch so unchristlich bleiben, daß sie Hohn und Grimm in ihren Zügen tragen? Vieles ist würklich nur der Drang, auf die Kniee zu fallen, vieles aber die Sinnestrunkenheit, durch die neuere Poesie veranlaßt. Wir müssen in die Kniee sinken, und die Sinne müssen uns vergehen, aber damit allein ist es nicht gethan. - Indessen alles das sey ihnen nicht entgegen gesagt, nur das, daß viele der neuen Katholiken das Wort Katzer wieder so unchristlich hervorrufen. - Und alle meine Worte sollen nur soviel enthalten, daß ich die Christliche Kirche wie meine Braut suche, aber man liebt vom eignen Anschauen und kann sich nichts von der Liebe erzählen oder sie sich lehren lassen. Glaube und vertraue mir, lieber R., daß ich nicht in Verstandesfrevel falle, und behalte immer, aus Liebe, zu mir das Zutrauen, daß ich mich darin auch nicht andre. Es kann oft seyn, daß meine Worte verwirrt sind, weil ich leicht heftig werde; im Grunde aber meyne ich's doch treu und ruhig. Was mich am meisten ängstigt, ist, daß ich zu Zeiten ganz wie vernagelt in die Welt hineinlaufe, und es gehen einem doch in allen Augenblicken so große Offenbarungen und wichtige Töne vorüber, daß man mit allen seinen Sinnen aufmerken sollte. Es ist aber oft, als ob man gar nicht existirte. Ich bin eigentlich noch leichtsinnig, und das ist mit dem eben gesagten verbunden, oder von ihm abhängig. Ich kann so tölpisch zufrieden oft seyn, und dann mit einemmale so angst, und dann labe ich mich wieder in der Tiefe meiner Anschauungen, - und dann bin ich wieder ganz dumm. Meine Entschlüsse sind nicht mehr so eitel, wie sonst, aber eben so leidenschaftlich noch, und Kriegslust und Glaubenssriede steigen ab
und auf, wie Ebbe und Fluth. Etwas sehr entscheidendes ist mir begegnet, das ist die abschlägige Antwort meines Vaters auf meinen Wunsch, nach Rom zu gehen. Er will mich eigentlich nicht ganz von sich lassen, weil sie eine sehr schwere Zeit wohl befürchten können, und ich dann ihre einzige Stütze bin. Das hat mich im Anfange sehr hart getroffen, und ich fühlte es recht, wie verlassen ich dadurch würde, allein ich faßte gleich den schönen Entschluß, mit Aufwendung aller meiner Kräfte hier doch etwas zu werden, und wenn dieser Enthusiasmus nur nicht nach läßt, werde ich gewiß den Winter über sehr viel weiter kommen. - Es wäre mir sehr lieb, wenn Böhndel und Cramer reiseten (so sehr eigentlich ihnen auch die Lust benommen wird, wenn ich nicht mitgehe), denn es ist von jeher mein Schicksal gewesen, immer recht arm und einsam zu leben, und durch das Versenken in meine Trübsal habe ich stets die Dinge gehoben, die mir zu Theil geworden. Freylich aber kommt mir dann auch leicht ein Leichtsinn in die Queer und die Anstrengung wird matt. - Siehst du, ich fürchte, ich werde noch viel Trübsal erleben, - bis ich im Glauben so weit komme, auch froh mit der Ueberzeugung zu seyn, daß ich zu denen gehöre, denen alles genommen werden
soll, auf daß sie haben.
- Mit Fortschritten in der Mahlerey bin ich beynahe zu
frieden. Ich habe auf der Galerie jetzt ein Bild nach Rubens
übermahlt, das Mercur und Argus in einer Landschaft vorstellt.
Ich habe mit Aufmerksamkeit die anatomischen Farben beobachtet
und denke, daß mir solches nützen soll. Das ist's, warum Viele
an mir irre geworden sind, daß ich ein Bild von Rubens copirte.
Und ich möchte doch sagen, er sey die Minuspotenz von Correg-
gio. Er hat doch einen erstaunlich schönen Farbensinn, und
wenn Correggio die höchste Liebe und Trunkenheit ist, ist Ru
bens die gememe Wollust und Schwelgerey. Du sagst, mein
liebster Freund, ich solle nicht in's Schmieren fallen, und die Far
ben nicht ohne Bestimmung gebrauchen. Mit dem ersteren da ist
es freylich meiner Heftigkeit wegen nicht ganz richtig; aber höre,
mein Lieber, das andre ist was gewaltiges und die Forderung
kommt mir ein wenig zu verstandig vor. Außer anatomischen Er
fordernissen weiß ich mir nichts davon zu denken, und mahle,
bis es mir gefallt; und gemeiniglich gefallt es denn Anderen gar
sehr, und sie loben meine Farben sogar. Und ich hoffe, daß ich
die sogenannte Practik sehr bald wegkriegen werde, dann habe
ich meinen Sinn für die Farben auch mehr ausgebildet und hoffe
dann, unwillkührlich die Farben nicht übel zu gebrauchen. Was
du jedoch darin entdeckst, theile mir ja mit. Deine Ideen über
die Wesenheit der Farben in deinem vorlezten Briefe sind sehr
schön, nur, meyne ich, kommen uns noch immer ihre materiellen
Bedingungen in die Queer, und so theilt sich Himmel und Erde
in ihnen. Ich habe auch manche Ideen über Elemente und Spe
cies der Natur gehabt, die ich dir gelegentlich mittheile. - Im
Ganzen, mein liebster Freund, sind meine Erwartungen von mir
so abgespannt worden, wie die eitle Ansicht von der Kunst bey
mir abgenommen hat. Erlösen werden wir niemand mit der
Kunst, indessen wird sie erbaulich stets seyn, wenn wir in An
dacht sie als bürgerliche Handthierung treiben, haben
jedoch damit vor andern Ausdrücken der Sehnsucht nichts voraus.
Was wir thun, ist - Zeitvertreib - oder Arbeit auf's höchste,
daß nicht im Müßiggang der Versucher zu uns trete. Aber ein
ehrlicher Kerl soll sein Gewerbe tüchtig treiben, und darum hat
man mit dem Lernen Eile, - aber vor Liebesgedanken hilft das
auch nicht und das ist meine Krankheit und Angst. Es ist mir sehr oft so, als wäre es gut, wenn ich bey dir wäre; du
würdest mich oft aufrichten, und berichtigen, wo ich in der Hef
tigkeit zu weit gehe. Und ich glaube, es kommt auch noch so.
Eben erhalte ich einen Brief von Hause, daß ich hinkommen
soll. Ich freue mich darauf sehr, da alle meine Geschwister zu
sammen da seyn werden, obgleich es mir auch mitunter einfallt,
daß ich hier noch ein schönes Bild von Tizian untermahlen
wollte. ---
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