Ludwig Tieck
Von Tieck
An Philipp Otto Runge
Lange schon, mein geliebter Freund, habe ich Ihnen schreiben wollen, und es aus Versaumniß immer von einer Woche zur andern aufgeschoben. Ich hoffe, Sie sind wohl, und alles stimmt im Ganzen mit allen Ihren Wünschen überein, ob ich gleich seit lange keine bestimmte Nachrichten von Ihnen erhalten habe. Wie steht es mit den Bildern? Ist der Kupferstecher schon weit vorgerückt, oder haben Sie das Ganze noch liegen lassen? 3u dieser leztern Frage komme ich nur, weil ich neulich sehr lebhaft von Ihnen träumte; wir hatten ein sehr weitlauftiges Gesprach mit einander, das die Kunst und das Leben betraf, und Sie suchten mich zu überzeugen, daß es besser sey, die Zeichnungen noch nicht öffentlich bekannt zu machen. Wenn Sie dies auch nicht unterlassen, so sollten Sie aber wenigstens gewiß nicht, mein theurer Freund, allen oder vielen Leuten die eigentliche Bedeutung und Ihre Absicht deutlich zu machen suchen. Sie werden gewiß die Erfahrung an sich selbst gemacht haben, daß Sie dadurch, wenn auch nur auf kurze Zeiten, an sich selbst irre geworden sind, indem Sie Andre irre gemacht haben. Wenn dieser Zustand öfter wiederkehrt, so wird er leicht der Seele habituell und für einen Künstler kann es durchaus keine unglückseligere Stimmung geben. Anfangs meynt man, man könne dem Fremden das Gefühl des eignen Gemüthes mittheilen, man freut sich der Gewalt, welche man ausübt, man fühlt sich erhoben, und plötzlich, indem wir wahrzunehmen glauben, wie die Ueberzeugung jenem recht nahe tritt, fühlen wir, wie sie uns selber fremd wird und immer fremder. Dabey müssen Sie auch nie vergessen, daß Ihr Bestreben durchaus neu ist, daß dieses Streben ein neuer Fortschritt der Kunst ist: alle ächte Kunst, sey sie welche sie wolle, ist nur Ar-mirung unseres Geistes, ein Fernrohr unserer innern Sinne, durch welches wir neue Sterne am Firmamente unseres Gemüthes entdecken wollen: das geheimste Wunder in uns, welches wir nicht aussprechen, nicht denken und nicht fühlen können, diese innerste Liebe sucht ja eben in wehmüthiger liebender Aengstlichkeit und zitterndem Entzücken nach den magisch-symbolischen Zeichen der Kunst, stellt sie anders und will sie neu gebrauchen; darum können wir das nicht nennen, was uns antreibt, so oder so zu verfahren, wenn wir wahrhaft etwas Neues wollen, wir sollen es auch nicht, denn der Tiefsinn verleitet uns leicht dahin, daß wir uns selber mißverstehen und uns dadurch der kindliche Leichtsinn fremd wird, durch welchen doch einzig und allein alle Kunst würken kann. Sprechen Sie nun in diesem Gefühle Ihrer Eigenthüm-keit von andern und altern und großen Künstlern tadelnd oder auch lobend, .so vergessen Sie vielleicht ganz, wie eigentlich nur die producirende Kraft aus Ihnen spricht, und nicht Ihr Urtheil und Ihre Meynung; Sie sehen das ganze Heer künftiger idealischer und neuer Werke vor sich, die unendliche Zahl aller schönen Vorsatze bewegt sich lebhast mit in Ihrer Rede, und Sie müssen dann nothwendig am meisten mißverstanden werden, wann Sie es am besten, ja am demüthigsten meynen, weil Sie dem Zuhörer dieses Ihr Eigenthum nicht mittheilen können. Auch werden Sie überdies, um sich mancherley Geistern verständlich zu machen, zum Scharfsinn, zur Combination, zur Allegorie und zur Mystik Ihre Zuflucht nehmen müssen: kurz, Sie werden wenigstens auf Stunden aus der kühlen Ruhe und Stille fallen, die das wahre Element der Invention ist, und in die Turba, in die- Verwirrung, in die Menge gerathen. Sie werden, mein liebster Freund, diese Warnung gewiß nicht mißverstehen, die mir ganz meine Liebe zu Ihnen und zu Ihrem Geiste eingiebt. Vielleicht erinnern Sie sich, wenn nicht mit demselben, doch mit einem ähnlichen Vergnügen als ich, der mannichfaltigen Gespräche, die wir über so manche Seiten der Kunst und des Gemüthes hatten, und ich glaube nicht, daß das Bestreben, sich einem wahren Freunde auch in Worten deutlich zu machen, Sie je gereut oder irre gemacht haben kann. Aber wenn wir etwas schaffen wollen, müssen wir unserm Tiefsinn eine willkührliche Gränze setzen; so entsteht alle Würklichkeit, alle Schöpfung, daß die Liebe sich auch in der Liebe ein Ziel, einen Tod setzt: die liebende Angst zieht sich plötzlich in sich zurück, und übergiebt ihr Liebstes der Gleichgültigkeit, der Existenz; sonst könnte nie etwas entstehen, denn unserm Geiste genügt nichts, und der Künstler soll neben den höchsten Forderungen, die ihn stets unzufrieden mit seinen Werken machen, sich doch auch für die kindliche Freude nicht todten, daß sie ihm besser gerathen scheinen, als er es sich je vorsetzen konnte. Vielleicht, da wir in so vielen Puncten zusammentrafen, denken Sie auch über alles dieses wie ich, und dann sehen Sie dies Blatt für nichts als eine Erinnerung oder Visitenkarte an.---
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