Philipp Otto Runge
Aus dem Tagebuch über eine Fußreise von Hamburg (über Nütschau) nach Eutin (Jugendliche nnb scherzhafte Versuche 6.)
Aus dem Tagebuch über eine Fußreise von Hamburg (über Nütschau) nach Eutin (Jugendliche nnb scherzhafte Versuche 6.)
Im Auqust 1809. Dienstag den 8. Nachmittags gegen 4 Uhr ging ich von
Hause weg. In Wandsbeck hielt ich mich eine Viertel"
stunde auf; die guten Töchter Claudius bezeugten große Lust, mit zu gehen. Papa gab mir manche gute Wegweisung, z. B. um über die Beek zu kommen. Mit meiner Reisecharte aber auf dem Herzen, und einem lebhaften Gefühl für die Nachtseite der Ding" fand ich bereits bald einen vortrefflichen Fußsteig bey der Mühle; und nachher traf ich einen Mann an, der mir einen, sich bey dem Franschen Zoll endigenden Richtsteig wieß. Durch fortgesetzte Bewegung meiner Beine gelangte ich in ein Wirthshaus halben Weges nach Ahrensburg. Es war 6 Uhr; die Hamburgische Pust schon vorbey. Der Wirth lud mich vergebens ein, auf die Dänische aus Altona zu warten; ich hatte schon hinter mir ihre Triumpheinzüge in alle Wirthshäuser gehört, und auch jetzt ward sie mir, als ich 1000 Schritte voraus war, durch Trompeten verkündigt. Um 7 war ich schon auf den Ahrensbur-ger Spatziergängen (hatten die Leute hier doch nicht gar zu lange!), fing an die Allee entlang zu gehen, fand aber, daß ich dieselbe zu verfolgen auf der Seite angefangen hatte, wo Ahrensburg lag, weshalb ich noch bis 8z Uhr marschiren mußte, ehe ich daselbst ankam. Es war ein ganz herrlicher Abend; ich holte mir noch einen Quartierzettel und wurde gut einquartiert.- Mittwochen den 9. stand ich um 5 Uhr auf, kaufte mir i Pfund Candis, theils für mich, und theils für die artigen Kinder, die mir vorkommen möchten. Ich war um 6 Uhr fortgegangen; der Wirth hatte mir einen Fußsteig gezeigt, der mich wenigstens eine halbe Meile durch ganz herrliche Stellen führte. Als ich dann wieder die Landstraße erreichte, gesellte sich ein ganz charmanter kleiner Junge aus Ahrensburg zu mir, mit dem ich so bekannt wurde, daß er uns auch einmal in Hamburg zu besuchen versprochen hat. Bey Elmhorst verließen wir die Landstraße, nachdem dieselbe sich hatte beygehen lassen, in Bargte-heide die andre, nach Lübeck führende mit in sich aufzunehmen. Wir trennten uns hinter E., wo wir noch zusammen geschnapset, und der Wirth mir die Fußsteige nach Hoheidamm bezeichnet, welche sehr leicht zu finden und gar lieblich waren. Vor H. fand ich ein Mädchen auf einem umgehauenen Eichenstamm sitzen, die den Kopf auf einen Mehlsack gelegt hatte, und setzte mich zu ihr; sie war etwas verlegen, aber ich sing ein zierliches und gleichgültiges Gespräch an, und nachdem sie mir etwas Bescheid von dem Wege gesagt hatte, ging ich in die Drathmühle, wo äußerst verständige Zangen daran arbeiteten, dem armen Metall im Dränge der Umstände gewaltsam Hülfe zu leisten, wodurch es denn zwar dünner, ihm aber doch auch das Leben
verlängert wurde. - Von hier kam ich durch Fußsteige nach Grabau; ferner nach Finzier, wo der Weg über den Hof ging, und so von hinten um lU; Uhr in Nütschau an. Vor dem Dorf zog ich meinen Rock wieder an (den ich ausgezogen und hinten auf geschnallt hatte), welches mich sehr erhitzte (es war bedeckte Luft, aber sehr warm), wie schon am Tage vorher ge" schehen, da ich den Rock auf dem Leibe behalten und daher vor Kopfschmerzen und dummen Träumen die Nacht in A. wenig geschlafen hatte; jetzt befand ich mich doch besser. - Fast durch lauter Fußsteige bin ich bis Grabau, und eigentlich nach N. selbst gekommen, und habe mich bey den Versuchen, alle Zurechtweisungen etwas von der Nachtseite zu nehmen, sehr gut gestanden. Von Todtschlagen, wovor sie mich oder vielmehr sich zu Hause bange machen wollten, ist mir nichts vorgekommen, ja selbst die Hunde haben keine ernstlichen Versuche gemacht, mich zu beißen; solche ertraordinaire Abentheuer sind sparsam und kommen an unser einen nicht, wenn ich gleich zugeben muß, daß ich mich hier in N. wie vor einem verwünschten Schloß mit dem Hunde herumzubalgen gehabt habe. Ich fand nämlich, als ich vor der Burg ankam, die Thür verschlossen, und von so einem bewacht; suchte im Nebengebäude nach Leuten, fand aber nur leere Zimmer, ging deshalb nach der andern Seite dem Hunde nach und gerieth so durch die Küche auf die Treppe. Nach einigem Warten kam Niebuhr, dessen Frau mich gesehen hatte. M. hatte Geschäfte. N. las den Blies, den ich für ihn mitgebracht, laut, er war aber leider Französisch.
Der Wein schmeckte mir ganz vortrefflich. - Wir kamen bald auf die Gemählde und die Kunst. Es sind würklich einige merkwürdige Sachen dort, worunter aber Niederländische, die alle schlecht. Die Kunstkenntniß des guten M. beruht bloß auf einem sehr regen Gefühl, aber einem sehr ungeordneten; da er sich aber gerne präcis äußern möchte, so sind seine Ansichten jedesmal willkührliche Aufstellungen von Grundsätzen, die keine Nothwendigkeit in sich tragen; so wie der Trieb, sie auszuspre-chen, nur Gewohnheit ist, und keine überschwcllende, zu einer Gestalt ausströmende Anschauung: daher er denn auch den Aussprüchen Anderer in dieser Hinsicht oft nicht größeren Grund beymißt. Ich suchte sie, da sie über die als bekannt vorausgesetzte Gemeinheit der Niederländer etwas fallen ließen, zuerst auf die verschiedene Practik bey den Schulen aufmerksam zumachen; dann durch einige lustige Wendungen dahin zu kommen, daß es bey den Niederländern im Ganzen nicht auf den großen, an
Handlung und Gegenstanden gehaltvollen Inhalt ankomme, son" dein vorzüglich auf die besondre Naturerscheinung als lebendig in sich begründeten Effect. Sie gaben mir endlich zu, daß es sehr schöne Niederlandische Bilder gebe, die so zu sagen nichts enthielten und fast mit nichts gemacht waren, als ich sie mit der Frage überraschte, woher denn dieses Leben und das Bedeutende solcher Bilder entstände, das dem Menschen so nahe am Herzen liege, und wovon wir in den herrlichsten Werken Rafael's keine Spur fänden, oder daß es auch nur nothwendig wäre? - Ich schämte mich in diesem Augenblicke etwas meines zu großen Uebergewichts, und fühlte, daß, wenn der Grund eines solchen Ue" bergewichts dem andern Theile unverständlich ist, solches nur zu Widersprüchen reizt, die, da jener den Schlüssel zu seiner Weisheit in der Tasche behält, oder denselben nur wie ein Recept, gescheut zu seyn, vorzeigt, nie zu Ende kommen können. - Ich lenkte daher ab, und suchte sie auf verschiedene Erscheinungen in der Natur selbst aufmerksam zu machen, den Unterschied des Gefallens an bedeutenden und unbedeutenden Gegenstanden zu zeigen, eine Bemerkung, welche sie hundertfältig selbst gemacht hatten; so mußte nun auch die Farbenkugel heraus, die, da sie ihnen an sich völlig verständlich war, nun Bilder an die Hand gab, durch welche wir uns noch mehr verständigen konnten. - Bey Tische ward beschlossen, mich eine Strecke zu begleiten. Es sind bey Nütschau die schönsten Baumgruppen, die ich bis jetzt gesehen. M., N. und dessen Frau geleiteten mich über die Trave in das nächste Dorf. Als ich von ihnen war, band ich meinen Rock wieder hinten auf und wanderte auf der Landstraße bis Suhlen, wo ich ein Mädchen, das mit zwey Kesseln zum Melken wollte, nach dem Fußsteig auf Traventhal fragte. Die Gute begleitete mich auf demselben, der außerordentlich schön war; sie hatte sehr viel Aehnlichkeit mit unsrer bekannten lieben Elisabeth in Hamburg, und denselben Edelmuth an sich. Als ihr Weg von dem meinigen abging, ersuchte sie mich, mit zu gehen, weil er doch auch hernach hinführe" da sie aber doch ihrer Sache nicht gewiß war, so trennte ich mich von ihr, wie Hercules am Scheidewege. Ihr Uebersteigen über den Steg bey jeder Koppel brachte durch die zwey Kessel immer ein Klingen zuwege, das ich noch einigemal" hörte, nachdem wir uns getrennt hatten. - In Traventhal war ein Kutsch" des Grafen Holck eben die Tage vorher vom Bade, und durch die Husaren des Herzogs von Braunschweig - Oels gekommen. Ich war um 5 Uhr von
Nütschau weggegangen und kam über Klein-Gladebrügge um 8
in Segeberg an .
Donnerstag den 10.^ Ich schlief ganz vortrefflich, wurde um 5 Uhr geweckt und ging um 6z Uhr weiter. Der Wirth bezeichnete mir den Fußsteig vor der Vogelstange vorbey; so eben ritt ein Knecht mit drey Pferden vorüber, um sie in die Schwemme zu führen, diesem sollte ich vorerst nur folgen. Da die Pferde beynahe an der Schwemme waren, kam ein andrer Knecht mit einem Pferde heraus, und ich sah von weitem, wie es sich im Wege wälzte; plötzlich sprang es auf, bäumte sich zweymal hoch auf, und fiel mit einemmale todt in den Weg, so daß die drey andern hoch auf sprangen, der Knecht die Hände über dem Kopf zusammenschlug und schrie und heulte. Es schnappte noch ein paarmal auf, und weg war's. Es war nichts dabey zu machen und ich ging meines Weges. Bey der Vogelstange zog ich meinen Rock wieder aus. Von dort aus liegt Segeberg außerordentlich hübsch, auch nimmt sich der Kalkberg gut aus. Bey Klein-Rönnau kam ich wieder in den Fuhrweg. Ich hatte das Hemde an den Aermeln ein wenig aufgestreift; plötzlich stach mich eine Wespe auf den Arm, aber von den liberalsten Ideen beseelt, ohne den Feind zu verfolgen, nahm ich von dem vorhandenen Gassenkummer, überstrich die Stelle damit, und so hatte es weiter keine Folgen. Um 8z war ich schon in Berlin, auf dem halben Wege nach Eutin; doch wurde es jetzt sehr heiß, und um 12 Uhr, wie ich in Neudorf, dicht vor der Stadt, ankam, trank ich einmal und kühlte mich im Wirthshause eine Stunde ab. Von dort ging ich auf einem Fußsteig nach Eutin (der mich aber etwas ableitete; doch fand ich mich von
dem kleinen See wieder in den Fuhrweg). Tischbein's
waren eben in der Minute, da ich kam, nach Sielbeck ausgefahren. Man führte mich in ihrer Abwesenheit in eine Stube, setzte mir Wein, Bier und Brod hin. Ich war sehr müde und schlief "twas, bis um 9 die ganze Familie zu Hause kam. Es war fatal, daß ich nicht einige Minuten früher gekommen; doch waren wir erfreut, uns zu sehen. Nach langen Erkundigungen um alle gute Fleunde legte sich jedes zu Bette.
Freytag den 11. Um 6 Uhr ward aufgestanden. T.
zeigte mir sein angefangenes Bild von Hektor's Abschied .
Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_04_lit_1809_08_undat_001
Das ist die Originalversion der Ressource: Verfügbar gemacht von christiane am 2009-10-22, Hashwert da39a3ee5e6b4b0d3255bfef95601890afd80709
