ask23 > Runge: An Emilie Petersen
Nr. 208 von 210 Ressourcen im Ordner por_03_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An Emilie Petersen


An Emilie Petersen [ 1.Sept 1810]

An Emilie Petersen


Liebe, vortreffliche Freundin!
Die Gradheit, Bravheit Tüchtigkeit, womit Sie Ihr Gotteswerk an Ihrer irrenden Schwester bisher ausgeführt, hat mir nur noch mehr Hochachtung gegen Sie eingeflößt. Gott segne Sie und meinen lieben Freund Petersen, in dessen Seele ich mich freue, daß Sie seine Einsamkeit durch Ihre Niederkunft bald ein Ende machen. Es ist doch wahr, wenn das gute gethan werden soll, so ist doch das weibliche Herz selbst für Mühe und Geduld, welcher jeder Anfang im Guten erfordert, enthusiastisch entschlossen, und so können erst die Männer eingreifen. Daher, wo der Wille des Mannes rein und die Frau in Fleiß und Demut Gottes Güte in sich fühlt, da hat es trotz aller Widerwärtigkeit, die zwei Menschen treffen kann, keine Not, daß nicht die seligsten Stunden und Augenblicke sie beglückten und stärkten; und so muß es Euch, Ihr lieben Nachbarn, ergehen.

Was haben Sie, liebe Freundin, an mir groß zu preisen und zu rühmen? Ich hätte nach meinem Versprechen wohl eher geschrieben, wenn ich mir fast die ganze Zeit über nicht gewiß gewesen, daß Ihr mich im Frühling vor dem Dammtor in ein Landhaus bringen würdet, wo ich keiner Pflege mehr bedurfte und wo ich keine Besuche annähme, als die Ihr mir ungebeten vor der Tür gemacht hättet. Die Fähigkeit, einen Gedanken zusammenzuhalten, selbst die körperliche Fähigkeit, und der Gedanke, von dem ich erfüllt war, hinderten mich also bisher, und es ist kein Schade daran geschehen. Was Sie aus Ihrem eignen Herzen für den Augenblick notwendig gefunden, haben Sie getan, wozu hätten Ihnen abgerißne Brocken von mir geholfen?
[Degn.] Das letzte Betragen Ihrer lieben Schwester und besonders ihre Liebe zu Jean, den sie fürchten sollte, ist mir sehr rührend gewesen, und wohl dem, der in seinem Herzen wahr und wahrhaftig den über alles lieben kann, den wir über alles zu fürchten haben; denn so wenig wie die Sonne ihre Strahlen zurückhalten kann, wenn der Wind den Himmel von Wolken gereinigt hat, sie uns zu senden, ebenso wenig kann von Gottes Güte und Liebe sich [ent-]halten, ein menschliches Herz zu erfüllen, welches sich, von allen irdischen Gedanken und Bildern gereinigt, zu ihm wendet.

Es ist aber schwer, ja wohl unmöglich, daß ein so verirrter Mensch aus eigner Vernunft und Kraft getreu bleibt, denn wie das Herz des Menschen durch den Sonnenstrahl Gottes beruhigt die Welt anschaut, so findet und spüret es zuerst den Innern Abglanz der Rufes darin, es ist gleichnisweise nichts anders wie der Abglanz der Wolken bei sinkender Sonne. Er glaubt nun schon den reinen Blick in das Wesen der irdischen Erscheinungen getan zu haben, aber die irdischen und höllischen Geister verstellen sich in Engel des Lichts; der Mensch kann sodann das Maul nicht halten, die Sonne, die ihm geschienen, ist längst wieder unter, und er spricht laut wie jener Pharisäer: IIch danke dir, Gott, daß ich nicht mehr bin wie jene Sünder und Mörder etc. etc. — und damit ist er auch wieder in des Satans Stricken; der arme reuiger Sünder aber sagt: Gott sei mir Sünder gnädig, und hält sich nicht auf, geht in sein haus und arbeitet, daß der Stolz, Geiz, Wollust und Neid in ihm ersterben, und er nur fürs erste die bösen Eigenschaften durch redliche Mühseeligkeit, die der Mensch von Natur nicht liebt, sondern nur durch ernsten Vorsatz dienen sie ihm, damit der Geist, wenn er ihn heimsuchen will, Raum findet; dann ist Feyertag und die Seele begeht in stillen in der sauren Arbeit, schweigend ihr seligstes und höchstes fest, und ein solcher geht für Gott gerechtfertiget in sein haus.

Ich fühle aber mit Ihnen, liebe Freundin, wie unendlich viel schwerer es dem Menschen seyn muß, umzukehren und zu seinem Vater zu gehen, der von der Offenbarung, die uns durch Jesum Christum worden, nichts bekannt ist — den(n) wieviel herrliche und große Entschlüsse in der Tugend und Moral sind bey den Heiden und bei allen, die durch die Vernunft nur das leben ergreifen könten zu grunde gegangen, wenn sie Tod und leben ernsthaft zu betrachten anfingen. wie oft sagen sie, daß den Tugendhaften wie den Bösen ergehe und Salomo und Hiob sprachen es dreist aus, daß es dem Herrn nichts ausmache, den frommen gar zu verderben und den bösen herrschen zu lassen; und die Menschliche Vernunft findet auch nicht heraus, darum ist so herzerhebend, wenn dennoch Hiob ausruft, indem er den bittersten Kelch des lobes, der ihm von Gott gereicht wird, austrinkt und das Graulen der Verwesung und des vollen Todes betrachtet, aber ich weiß, daß mein Erlöser lebet etc. etc (ich habe Ihnen die Stelle gezeigt), ine solche Ergebenheit und unbezwingbare Hoffnung auf den Herrn wirket noch bis zu uns herüber und stärket uns.

Der aber uns den Blick über den Tod ausgesprochen, daß wir den Tod mit Freudigkeit erwarten können, wenn wir nur wollen, von dem sagt uns Johannes: Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das Ewige leben haben.so erhebt uns Johannes durch die Liebe zu dem Glauben, daß wie der Geist Christi von Gott in die Finsternis gesandt, daß er die ganze schweer(e) des menschlichen Schicksals trage, aber indem, daß er geduldig war bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz, wo er wirklich und wahrwahrhaftig ausruft, Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen und zuletz(t) Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände und also den Tod selbst erleidet, indem sein Geist selbst aufgegeben wird, so ist ihm aber geworden die Auferstehung, auf daß wir erfahren, daß auch uns die Herlichkeit gewis ist, wenn wir troz Welt und Teufel das Göttliche zum realen machen, und göttliche Empfindungen um uns verbreiten, denn er sagt, wer mein fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das Ewige leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage au(f)erwecken etc. was ist aber sein fleisch und blut als sein zustand und Wandel solange er noch ein Mensch war und menschliche Leiden hatte wie wir. -

Das braucht man aber niemand zu sagen, dems darum zu thun ist was gut und was böse ist, auch daß der Gute mit der hoffnung auf eine ewige reelle Existenz im licht, trotz Pläne und Noth, freudiger ist wie jeder böse in seiner aussicht in die Ewige ungewißheit und verworrenheit seines Zustandes. -

Es ist dem Menschen in seine Macht gegeben, zu wählen Gutes und Böses, und er kann wählen, welchen Weg er will. welcher Mensch aber in sich die Gnade empfindet, die uns durch Jesum geworden, wird seine Ewige Existenz mit Füßen von sich stoßen und wie die Thiere und das Gras auf dem felde mit dem Tode auch ihre Seele der Verwesung preis geben. Die rechte Ehre ist, daß wir Gott in uns Ehren, so ehret Gott uns auch, der Mensch, der diese Ehre, wenn die Welt sie in ihm auch ehret, weg werfen kann, um irdische Eitelkeit, habsucht oder irgend einer Wollust, der schneidet ihm selbst die Nase ab und schändet sein Angesicht. von uns werden Sie bald mündlich erfahren wie wirs treiben, wenn Sie den Brief erhalten. also schweig ich davon. P.(auline) grüßt Sie mit mir von ganzem herzen —
[Anmerkung 438 fehlt]



Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_03_bvr_1810_09_01_deg