Philipp Otto Runge
An Clemens Brentano in Berlin
An Clemens Brentano in Berlin
Lieber und werther Freund, Sie vergeben mir gewiß mein langes
sündliches Schweigen gegen Sie und das Vorenthalten Ihres Gedichts, ich habe jeden Tag daran gewolt zu
schreiben, jetzt bin ich seit etwa 14 Tagen hier mit Frau und Kinder, daß der Herbst mich helfen soll, da
Frühling und Sommer sich nicht um mich bekümmert haben, hätte ich Sie noch aus der Stadt geschrieben,
so würde es mit der gewißen Hoffnung und in den Glauben geschehen sein, daß ich den Frühling nicht
wieder erlebt hätte. Jetzt glaube ich aber gewiß, daß ich ganz genese und frisch noch einmahl sehe, ob ich
ein Mahler werden kann.......Ihr Gedicht habe ich, weil ich wirklich sehr angegriffen im Kopf war, erst lesen
können, wie ich in die Stadt war, da ich mich wohl in dem Ganzen hineingefühlt und mich von ganzen Herzen
habe anziehen und in die Begebenheit und Ort mitbegeben, wie es in dem ersten Gesang mir gar viel Freude
gemacht, und wie so manches, was so lange anhält, wie der Studentenzank und des Vaters Reue zulezt, ich
dagegen mit den ändern nicht habe in Verhältniß bringen können, da ich die ganze Geschichte nicht kenne.
Wenn ich Ihnen so ein altes [darunter: junges] Weiber Urtheil nun gebe und nichts andres geben konte, so
fand ich, daß es bey meiner Schwachheit überhaupt nicht recht wäre, Sie noch auf einen Invaliden hoffen zu
laßen, daß er Ihnen ein Schock Kinder mit dieser Poesie verbunden zeugen solte.
Ein anderer und ganz guter und gesunder Grund, daß ich Ihnen dieses Versprechen nicht machen kann,
ist der, daß es mir in meinen Leben höchstens nur ein, zwei oder höchstens drei Jahre erlaubt gewesen ist,
ohne Unterbrechung, ein Künstler-oder vorzüglich ein Mahlerbestreben rein durchzuführen, so bin ich oft
Jahre lang von aller wirklichen Arbeit durch so verschiedne Begebenheiten abgehalten, ja einige mahl mit der
Aussicht, nie wieder dazu zu kommen. Daher ich so vieles angefangen, so wenig vollendet. Daher weil ich in
jeder Unterbrechungszeit mehr mit der Welt in Verbindung trat, mir die Begebenheiten der Geschichte
bedeuten[d] bildlicher sich gestalteten (wie alle Erscheinungen überhaupt), muste ich oft meine vorigen
Arbeiten nachziehen. Die Praktik und die Schnelligkeit und Leichtigkeit ist aber dann auch in so einem Leben
nie zu erlangen nochmahl zu begehren, den[n] die geht aus einer fortgesetzten Ausübung hervor.
Es ist also ganz natürlich, da ich mich in dieser Krankheit, erst der Arbeit, dann der steten Anregung der
Fantasie, entlich alles das, was ich hervorgebracht und des Lebens selbst begeben hatte, daß ich nun von
allen Arbeiten so weit abgekommen bin, ja daß ich mich auf die Sachen, die ich in der lezten Zeit ausgeführt
und angefangen, oft wie auf fremde besinnen muß, auch komme ich fürs erste nicht zu Arbeit, so
geschwinde gehts noch nicht, und dann muß ich mich doch eben besinnen, was ich gewolt und was ich nun
zu wollen habe. Da Sie uns wirklich, wie Luise sagt, besuchen wollen, so werden Sie sich meine Lage
dan[n] deutlich machen können, und wie wenig ich eigentlich ein Künstler bin, (ich solte es wol sein) und wie
viel weniger ein Mahler, und doch will ichs auch zufrieden sein, so ein Amfibium (nur mit warmen Blut bitte
ich mir aus) zu bleiben. Wir ziehen in unsern Hause selbst noch um, dieses giebt mir auch eine andre Stube,
und bin wie auf den Frühling so auf die Zeit gespannt, wo ich meine Glidmaßen werde brauchen können.
Der Ihrige Otto Runge [Am Rande:] sobald ich mich beßer rühren kann, schreibe ich Ihnen mehr
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