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Philipp Otto Runge

An Dr. Schildener in Greifswald


Hambg 1,199 # 27. April 1810

An Dr. Schildener in Greifswald


Ich hätte Ihnen unfehlbar
vorige Post wieder geschrieben, wenn ich nicht Sonnabend durch ein Fieber wieder wäre zurückgesetzt
worden, so daß ich seitdem nicht aus gewesen bin. Das Fieber war vorübergehend, hat mich indeß in mein
anderes Malum ziemlich unsanft wieder zurückgeworfen. Von Herterich habe ich unterdessen Sonntag


erfahren, daß die Sammlung längst verkauft worden. Es war nur noch eine kleine, die der Franzose so zu
seinem Plaisir nach und nach wohlfeil auf dem Börsensaal zusammengekauft; nichts darunter, was der Mühe
groß werth, und ward nur verkauft, weil der Eigenthümer die Transportkosten scheute. Solcher Sammlungen
giebt's hier schrecklich viele, sie sind eine Plage für den Besitzer, des Raumes wegen, den sie einnehmen.
Sie gehören recht in diese Zeit; ich betrachte sie wie die Sünden, die die Menschen nicht abschaffen wollen,
weil es nationale sind, obgleich sie an vergangne Kraftäußerung nur so erinnern, wie die Hurkinder. Wenn
ich Ihnen diesen Augenblick melden sollte oder wollte, was ich gethan, in der Zeit daß wir uns nicht
gesprochen, so könnte ich Ihnen nichts weiter sagen, als: ich habe geduldet, gearbeitet, gewürkt und
geschaut, daß meine Geduld, Arbeit und Würkung nichts ist, und daß nur die galt, die nicht mein war. Es ist
alles wie ausgestrichen, was ich gemacht habe; ich weiß aber, daß es nur schläft, und bin noch in meinem
Glauben nicht irre geworden, daß auch alle tägliche, stündliche, und augenblickliche Hindernisse und
Unterbrechungen mich nicht hindern werden, wann meine Zeit kommt. Was ich vorhabe, kann ich Ihnen
nicht sagen, da ich vorerst nur vorhabe, gesund zu werden; auch Bilder thun es in unsrer Zeit nicht, Bücher
auch nicht, auf mancherley Weise werden wir gedrungen, unsre Ideen zu gestalten, die Gesinnung aber ist
es, die am Ende wird gewogen werden, und was hilft doch alles, wenn die nicht groß und in sich stark genug
ist, daß sie sich in lebendigen Handlungen zeige? ---

Von Altdeutschen Schätzen werden Sie manches sehen, das in Ihrer Abwesenheit an das Licht gekommen,
eben so aus allen übrigen Forschungen in der Vorwelt; so wie sich auch für die Zukunft manches zu
gestalten angefangen hat. Ich glaube, da.ß wir in beidem noch viel zu hoffen und zu erwarten haben.

Wäre Ihnen einmal mit Durchzeichnungen auf Oelpapier mit der Feder nach den ältesten und besten
Italliänischen Meistern gedient, als nach Masaccio, Cimabue u.s.w., so könnte ich Ihnen vielleicht für
Weniges einige der interessantesten von dem großen Kirchenschrank in Florenz verschaffen. Diese Sachen
schließen einem Vieles über den Ideengang der spätern Meister, als Leonardo, Michelangelo, Rafael u.s.w.
auf. Wir sind so weit, bis auf mich, alle wohl und ich hoffe auch bald wieder ein wenig thun zu können. Besser
grüßt Sie und die Ihrigen, mit den Seinigen; Perthes auch. -Wir werden doch nachgerade Leute, die
unter aller Noth suchen, einen Schluß in das Leben zu bringen und ernsthaftwerden liegt uns furchtbar nahe.
-Ich grüße Ihre liebe Frau und liebsten Freunde von Herzen von mir und der Meinigen.


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