ask23 > Runge: An Dr. Schildener in Greifswald
Nr. 196 von 210 Ressourcen im Ordner por_03_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An Dr. Schildener in Greifswald


Hambg 1,197 # 20. April 1810

An Dr. Schildener in Greifswald


Ich habe mich gefreut,
wieder einmal recht an Sie erinnert zu werden. Ich brachte dieser Tage meine Briefe vom vorigen Jahre in
Ordnung und fühlte einige Gewissensbisse, daß ich besonders Muhrbeck gar nicht geschrieben; es war
keine äußere Nothwendigkeit da gewesen, indessen die innere hat mich ergriffen und das mögen Sie ihm
sagen. Es ist mir angenehm, daß doch wir beide wieder am Schreiben sind. Was die hinterlassene
Sammlung des jungen Avanturiers betrifft, so wurden die besten Sachen daraus gleich von dem Gläubiger,
dem er 30,000 Thlr. schuIdig gewesen, weggenommen; es stehen aber noch einige gute -d.h. was man so
gute nennt, die ich aber auf die Länge alle fatal finde, noch apart, und diese, vermuthe ich, betrifft das, was
nun noch abgemacht werden soll. Die besten Sachen, die überhaupt da gewesen, bestanden vorzüglich aus
einigen Landschaften, Seestücken, und mancherley illuminirten ausgeführten Zeichnungen von Wilh.
Tischbein, auch Copien nach demselben, wie auch nach Andern, z. B. Garacci u.s.w., zum Theil sehr gut. Ich
glaube aber, daß Sie die Sachen (Homerische) von Tischbein nicht sehr goutiren, da Sie so ein tiefes
Deutsches Kraut sind, mit allem Respect gesagt für die Absicht Tischbein's, nur nicht für den Sammler, der
dieses vorziehen würde, während er in einer keimenden Welt lebt, wo Widersprüche aufzulösen sind, denen
kein Mensch seine Sinne verschließen darf. Einen ausführlichen oder genauen Bericht nächstens. -

Ich habe noch einige sehr, und wohl besonders für Sie merkwürdige Bilder eines alten Künstlers von einem
alten Mahler und Freunde (Waagen) in Verwahrung; sie kommen vom Hauptaltar des hiesigen Domes und
umfassen die Geschichte der heiligen Jungfrau. Die Composition ist wahrscheinlich von Martin Schön, sie
sind auf Goldgrund gemahlt, mit oft bewunderswürdig schönen Farben und großer Kenntniß und Sinn
ausgeführt, die Zeichnung zum Theil mehr als miserabel, oft auch leidlich gut, in der Composition zuweilen
das tiefsinnigste, grandioseste, und lächerlich abgeschinackteste durcheinander. -Einen Christus, Ecce
Homo, habe ich auch, auf Gold und Holz, ist nach Tischbein's Meynung von Andrea Mantegna, oder doch
von einem geschickten Künstler aus der Zeit, als die Schulen von Leonardo, Mantegna, und Correggio sich
suchten; es ist ein Gemisch von tiefer osteologischer Kenntniß, entblößt von aller lebendigen Bekleidung,
schöner Kopf und höchst genialische Anschauung der Haltung durch eine wunderbare Zusammenstellung
der Stoffe; zart in den Umrissen.

Die Zeit geht mir aus. Ich bin seit drey Tagen erst von einer ordentlichen Krankheit genesen. Grüße und
Küsse von uns und allen Freunden. Grü3en Sie Alle, die mich lieb haben, mich meistern, und beurtheilen, es
geht alles in eins hin; Ihre Frau, Muhrbeck u.s.w. aber apart.


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_03_bvr_1810_04_20