Philipp Otto Runge
An seinen Vater
An seinen Vater
--Ich habe für Sie, lieber Vater, und für Bruder Jacob,
jeden ein Exemplar von meiner Schrift heute beygepackt. Es würde mir eine rechte Freude seyn, wenn Sie
es lesen möchten und einigen Gefallen daran hätten. Der Anhang von meinem Freunde Steffens soll bloß
dahin deuten, wie sich in der ganzen Natur dasselbe Phänomen bestätigt, daß die Finsterniß durch
Vermittlung der Farbe zum Licht erhoben wird; körperlich verstanden, wie Schwarz durch das Verbrennen
Verbranntes (Weiß) wird. So ist auch die Farbe in der Kugel das räumliche oder körperliche Verhältniß, wenn
Weiß und Schwarz die bloße Länge oder Linie (figürlich die Zeit) bilden. Und da sich Gott in der Natur
geoffenbart hat, wie in der Religion, so liegt auch in dieser Ansicht ein Beyspiel davon, daß der Gang von der
Finsterniß zum Licht eine Stufenfolge (die Zeit) bedeuten mag; diese offenbart sich in dem Raum, welcher
durch das Verhältniß der Farben, wie die Kugel figürlich zeigt, entspringt. Es sollte aber dieses in dem Buche
selbst nicht gesagt werden, da jeder das auf seine Weise verstehen oder finden soll und ich niemand über
die Bedeutung dieses Verhältnisses eine Meynung vorlaut aufdringen will. Ich meyne, daß man Obiges auch
so erweitern kann: Unser Leben, von der Nichtexistenz an bis zu der höchsten Existenz wird durch eigne
Thätigkeit erst zu Persönlichkeit und Würklichkeit ausgebildet; und ist also dieses Naturverhältniß außer uns
dem moralischen Verhältnisse in uns gleichförmig, wie es denn erfreulich seyn muß, in jedem reinen
Naturverhältniß ein Bildnis zu finden, das uns an unser eigenes Verhältniß erinnert. In Zeit und Raum ist
unser ganzes irdisches Leben eingeschlossen, und der Fortschritt aus der Zeit zur Ausbreitung im Raum
spricht sinnbildlich den Weg unsrer Existenz aus.
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