Philipp Otto Runge
An Herrn Prof. F. W. J. Schelling in München
An Herrn Prof. F. W. J. Schelling in München
Sie erhalten hiemit als einen
kleinen Beweis meiner Hochachtung ein Büchlein über das Verhältniß der Farben, wozu unser
gemeinschaftlicher Freund Steffens einen Anhang über, die Bedeutung der Farben in der Natur
ausgearbeitet hat, indem er dabey auf dieses Verhältniß Rücksicht genommen. Da ich vor einiger Zeit durch
Perthes Ihren freundlichen Gruß erhielt, und da ich sowohl von Steffens als von Rumohr manches von Ihnen
gehört habe, das schon lange den Wunsch in mir erregte, mich Ihnen einmal mittheilen zu können, so
entschuldigen Sie wohl, daß ich dieses nun schriftlich zu thun versuche, was ich mündlich lieber möchte. Sie
werden in meiner Farbenkugel nichts anderes finden, als wie ich das Verhältniß aus der eigenthümlichen
Isolirtheit und Neigung der Elemente construirt habe, und wenn dieses auch gewiß noch besser gemacht
werden kann, so glaube ich doch, daß es deutlich und gewissenhaft genug so ausgeführt ist, daß nun dieses
Verhältniß jedermann als ein Factum erscheinen muß, und ich hoffe damit insofern etwas Löbliches gethan
zu haben, da hiedurch alle einzelnen VerhäItnisse, die jeder Künstler längst gekannt hat, eine allgemeine
Gestalt angenommen haben, und so wenigstens für jeden die lästige Arbeit gethan ist, die Figur selbst zu
erfinden oder zu entdecken, unter welcher sich das Verhältniß ausspricht; was doch eigentlich keiner lassen
konnte.
Ich fühle wenigstens eben so stark eine Sehnsucht darnach, auch das allgemeinere Verhältniß des Lichtes
zu der Finsterniß so im Ganzen und in den Theilen überschauen zu können, daß sich daraus eben so klar die
Würkungen entwickeln Iießen, welche wir in der Natur um uns mit unsern Augen fassen, wie hier die
Analogie dieser Verhältnisse mit den Verhältnissen unseres Materials zum Behuf der Behandlung desselben
in der Practic. Es ist mir zwar nicht möglich zu denken, daß es mir gelingen sollte, ich glaube aber doch, daß
ich es wohl dahin bringen könnte, manche Erscheinungen, die ich in der Kunst in meiner Gewalt habe, auch
mit Worten auszusprechen, ohne mit dem, was ich im Ganzen nur fühle, im Widerspruch zu stehen. Es war
mir daher ungemein erfreulich, wie meine Freunde mir riethen, Ihre Schrift über das Wesen der
menschlichen Freyheit zu lesen in derselben dieselbige Vorstellung wieder zu finden, unter welcher mir
immer die Totalität alles dessen erschienen ist, was ich mit meinen Augen sehen konnte. Da ich aber noch
nie ein philosophisches Buch gelesen hatte, so ist es mir unmenschlich sauer geworden, besonders das
erste noch klar zu sehen, wenn ich das lezte las, weil mich die vielerley Bilder immer in den Gedanken
störten. Ich werde aber versuchen, ob es mir zum zweyten Male besser geräth. Sie werden diese
Uebereinstimmung der Vorstellung mit Ihnen gewiß nicht für anmaaßend von meiner Seite halten und sich
schon denken können, wie ich dieses verstehe; ja ich glaube, daß, wenn ich einmal das Glück hätte, Sie zu
sprechen und Ihnen manches zu zeigen, Sie damit zufrieden seyn würden, und wünsche mir dieses Glück oft
sehr, da ich zu klar einsehe, wie unser bischen Kunst, was wir jetzt treiben können, auf schwachen Füßen
steht, und das Nöthigste in dieser Zeit gewiß ist, die wissenschaftlichen Resultate in der Kunstausübung
mehr an allgemeine wissenschaftliche Ideen anzuschließen, und zu solchen zu erheben.
Es würde, indem die Wissenschaft der Künstler sich auch klarer darstellen müßte, dadurch der
Zusammenhang derselben mit der übrigen Welt wieder möglich, welcher jetzt nur in einem gewissen Faseln
besteht, und sich nicht wie die Blüthe aus der reellen Erkenntniß mit eigenthümlicher Kraft erhebt, sondern
sich nur wie ein Duft, ohne die Füße auf die Erde zu kriegen, über dasjenige verbreiten soll, womit er sonst
keine Gemeinschaft weiter hat.
Es muß auch daher unmöglich seyn, daß die Künstler heutigen Tages eine gemeinschaftliche Methode
haben, weil der wissenschaftliche Unterricht mit rechter Herzlosigkeit getrieben, ganz ohne Zusammenhang
mit dem steht, was man bloß von dem Genie derselben erwartet; daher bey denjenigen, die sich über das
Rezept und Geheimniswesen erheben, bloß der Gebrauch ihrer eigenen Geschicklichkeit übrig bleibt, und sie
weder mit anderer Hülfe arbeiten können noch Hülfe finden, indem natürlich jeder sich für tüchtig genug
ansieht, weil er die lumpige Wissenschaft, die ihm gezeigt ist, in der Tasche hat, und er nicht in lebendige
Berührung mit der ganzen Gegenwart tritt, in welcher er die Vergangenheit und Zukunft wie eine einzige
große Blume gebehrdet betrachten könnte.
Es ließ sich sehr leicht angeben, wie ein Meister mit einigen Freunden und Schülern gewaltige und schöne
Sachen an das Licht bringen könnte, wenn sie sich als Architekten, Bildhauer und Mahler, in ihren Studien
vereinigten. Wenn ich wüßte, wie weit Sie mit meinem Treiben bekannt wären, schriebe ich Ihnen einmal,
welche Verbindung in dieser Art ich mir wünschte; es wird zwar nichts gemacht, es liegt aber auch eben
daran, daß nichts gemacht werden kann, und keine Anstalten zu dem da sind, was wir immer Alle machen
wollen. Da Sie doch an einer andern Arbeit von mir Gefallen gefunden haben, so lege ich Ihnen eine kleine
Verzierung bey, die zu dem Umschlage eines TheaterAlmanachs gemacht ist, welche ich als ein leichtes
Spiel nicht zu verschmähen bitte. Es würde mir ein großes Vergnügen seyn, wenn ich einmal Ihre persönliche
Bekanntschaft machen könnte. Entschuldigen Sie meine gegenwärtige Zudringlichkeit, schieben Sie die
Schuld auf Steffens, der mich schon öfters dazu ermahnt hat und schreiben Sie mir bitte gütigst einiges über
die beyliegende Schrift. Viele Grüße bitte ich an Rumohr zu sagen, so wie an Tieck, wenn, Sie denselben
sehen sollten. Ihr aufrichtiger Phil. Otto Runge.
Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_03_bvr_1810_02_01_03
Das ist die Originalversion der Ressource: Verfügbar gemacht von christiane am 2009-10-22, Hashwert da39a3ee5e6b4b0d3255bfef95601890afd80709
