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Philipp Otto Runge

An Clemens Brentano


27.Dez.1809

An Clemens Brentano


Ich nehme mir die Freyheit, den Wunsch unsrer näheren Bekantschaft, auf beyden Seiten, als bekant vorauszusetzen, und freue mich herzlich zu Ihren Entschluß, uns im Frühling zu besuchen, welches ich von Louise Reichard gehört habe, ich zweifle nicht, daß wir uns in vielen Stücken einig sein und uns in manchen schon werden begegnet und angetroffen haben, so wünschte ich auch, wenn wir uns sehen und sprechen, daß unsre Wirksamkeit uns zu einer nähern Verbindung veranlaßte.

Wenn Ihnen an meinen Kunst Arbeiten manches gefallen hat, so wünschte ich, wenigstens ebensosehr, daß Ihnen meine wißenschaftlichen Bestrebungen auch einleuchten mögen, Steffens hat Ihnen vieleicht meine kleine Schrift über die Farbenkugel mitgetheilt mein Hauptbestreben, die lustigen und zierlichen Gestaltungen der lebendigen Natur an die ersten und einfachsten Verhält-niße, welche wir in unsern Gemüth, wie durch den Sinn des Gesichts, in den Erscheinungen gewahrwerden, zu knüpfen oder darauf zu begründen, bringt mir jelänger je mehr, die Nothwendigkeit und die Nichtexistenz einer wißenschaftlichen Erkentniß im Gebiet der sichtbaren Dinge und des Sehens selbst, für die Augen besonders wird man dieses gewahr, wenn man, wie es nothwendig ist, in den lebendigen Bedürfniß der Zeit mit der Ausführung der Ideen eingreift, dann bemerkt man sehr bald, wie wenig das einfache Fundament von dem, was wir Architectur, Plastick und Mahlerey nennen, erkant ist, und wie eben daher jede einzelne Kunstausübung wie ganz abgesonderte Künste betrachtet worden sind, und indem sich die ausübenden Künstler als ganze und tüchtige Leute gezeigt haben, haben sie auch jedesmahl sich und ihre Kunstausübung isolirt und als den Mittelpunct des Ganzen zu setzen versucht, welches für sich so unrecht nicht ist, durch die Nachahmer solcher Leute aber zu den abgeschmacktesten Dingen geführt hat, daß man am Ende glaubt, daß keiner sich um den ändern zu bekümern braucht, und es also unmöglich geworden ist, daß mehrere tüchtige Leute eine große Arbeit zusamen ausführen können, die ihrer Natur nach den Kräften eines einzelnen übersteigt, und liegt die Vereinzelung aller Practic und aller practischen Kentniß wirklich wie ein Chaos vor uns. Wie nun jede Stunde uns das Bedürfniß ans Herz legt, uns zu vereinigen und den Grund unsrer Vereinigung aufzusuchen, so muß derjenige, der den Punct irgent einer Einigung bestirnt sieht, denen, die ihn nicht sehen, mittheilen, jeder in seiner Wirksamkeit so viel er kann, den [n] es ist noth, und zu diesem Zweck würden Sie mir sehr behülflich seyn und auch Ihre Freude und Nutzen haben, wenn Sie für mich einige Bemerkungen von den Künstlern, Mahlern, Bildhauern wie Baukünstlern, machen wolten, wenn Sie solche kennen lernten, worin ihre eigenthümliche Neigung in ihrem Fach sich kundgiebt, gewöhnlich und wol immer liegt es da am Tage, was sie suchten und in der Verwirrung der Zeit nicht fanden, wenn man von vielen auf die Weise unterrichtet wäre, so würde es möglich seyn, bey einer algemeinen Ansicht, was von jeher der menschliche Geist in und durch die Künste gewolt, das[s] jeder sich freute, mit seiner individuellen Neigung seinen Platz für erfreulich zu halten und nicht auf eine unnatürliche Art aus seiner Eigenheit heraus begehrte.

Eine solche Darstellung zu machen ist nun eben nicht meine Sache, ich würde aber durch diese Bemerkungen manche Erfahrungen überhoben seyn selbst zu machen da ich hier wenig Künstler kann kennen lernen und Sie auf Ihren Reisen mancherley Gelegenheit dazu haben,

Es mögte mir wohl unmöglich seyn, mich schriftlich und ohne daß ich weiß, wie Sie mich verstehen, mich hierüber näher und bestimmter zu erklären, und wenn Sie so gütig sein wollen, zu glauben, daß Ihre Bemühungen nicht unnütz seyn werden, wenn Sie erst hierkommen, so bin ich Ihnen sehr dankbar. Meinen Gruß an Herrn von Arnim - so wie an Pistor+ viele tausend, ich wünsche Ihnen dort wie uns hier ein fröhlich Neujahr sagen Sie an Mad. Pistor, daß wir alle wohl wären und sehr viel Grüße von Louise R und meiner Frau

mit Hochachtung der Ihrige

d 27 Dec 1809 in Hamburg Otto Runge Mahler



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