ask23 > Runge: An Goethe
Nr. 174 von 210 Ressourcen im Ordner por_03_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An Goethe


23. September 1809

An Goethe


Bei Gelegenheit, daß ich Ihnen über eine kleine Schrift, die Professor Steffens aus Halle Ihnen zusenden wird, schreibe, schließe ich eine kleinen Arbeit von mir hierin, welche ich Ihren Beifall wünsche. Es ist ein Umschlag zu einem Theateralmanach, den ich für einen Freund gezeichnet habe.
Sie werden eben keine Gedanken darin durchgeführt finden; ich glaube, wenn in einer solchen Verzierung
die einzelen Bilder an einer Empfindung geknüft werden, sich die Disharmonie derselben sich von selbst
auflöst. Diese Auflösung aber bis zu einem bestimmten Gedanken zu erheben, möchte leicht zu ernsthaft für
einen solchen Zweck werden, und so betrachten Sie es gütigst als ein Spiel.

Wenn Steffens Ihnen bey Empfang dieses die kleine Schrift wird zugesandt, so soll es mir sehr lieb seyn, da ich mich mit Steffens bei seinem Aufenthalt öfters über den
Gegenstand besprochen. So schickte ich ihn solche im Frühling zu, um sie mit einigen Worten zu begleiten
und mir Gelegenheit zu geben, sie im Publikum zu bringen -indem ich glaube, ich werde mich nur dann mehr
über meine Ansichten verständigen können, wenn etwas aufgestellt ist, über welches wir uns Alle einig wären
(und welches gewissermaßen schon den Gang der ganzen Ansicht in sich trüge), worauf wir uns dann alle
beziehen könnten. Und ich glaube, dieses in der Konstruktion der Farbenkugel bewerkstelligt zu haben;.so
hoffe ich auch, daß es Ihnen nicht unangenehm sein kann, wenn diese kleine Abhandlung vor Ihrem Werke
über die Farben erschiene; weswegen ich es Ihnen auch vorher mittheile. Ihre freundschaftlichen
Gesinnungen für mich sind mir zu lieb, und ich freue mich zu sehr über Ihr Werk, als daß ich etwas tun sollte,
was Ihnen zuwider wäre. Ich glaube nicht, daß jemand anders Ihr Werk mit so großer Sehnsucht erwarten
kann wie ich, es kann auch niernand das Bedürfniß so haben. Hernach werde ich Ihnen gewiß recht viel zu
sagen haben; jetzt befinde ich mich wie vor dem Vorhang eines Theaters, und weiß nicht, ob ich mir
Bekanntes oder Unbekanntes erwarten soll. Villers hat einige Male versucht, mir etwas davon zu erzählen, er
hat aber eigentlich keinen Sinn dafür , ob er gleich sonst nicht dumm ist.

Ich denke sonst diesen Winter allerlei lustige Sachen zu machen und bestrebe mich vorzüglich, unter den vielen nicht ungeschickten Künstlern, welche sich jetzt hier aufhalten, einige dahin zu bringen, daß sie sich recht gründlich in irgend eine Liebhaberei vertiefen. Denn es ist doch schändlich, wenn die Künstler, bloß weil sie nicht davon leben können, nicht einmal eine Liebhaberey haben mögen, und es wird gewiß nichts Gutes eher entstehen, bis jeder sein eigentümliches Talent recht ordentlich wissenschaftlich zu ergreifen Lust kriegt.

Sonst sind wir alles gesund, und ich empfehle mich Ihrer Freundschaft ergebenst Ph.Otto Runge.



Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_03_bvr_1809_09_23_02_mal
Das ist die Originalversion der Ressource: Verfügbar gemacht von christiane am 2009-10-22, Hashwert da39a3ee5e6b4b0d3255bfef95601890afd80709