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Philipp Otto Runge

An Steffens in Halle


Hambg 1, 147 1,173 # im 03.Mon. 1809

An Steffens in Halle


---Du erhältst hiebey den
versprochenen Aufsatz über die Farbenkugel, wie ich ihn der hiesigen Gesellschaft zur Beförderung der
Künste und nützlichen Gewerbe überreicht habe, nachdem ich einige Anmerkungen über die Harmonie in
den Farben hinzugefügt hatte. Ich lege diese Arbeit in deine Hände, da ich überzeugt bin, daß du mich am
besten verstehen wirst, und weil in den Gesprächen mit dir mir der Zusammenhang in meinen Ansichten
zuerst klar geworden ist; auch weißt du, wie ungeschickt ich bin, mich in Worten verständlich zu machen, und
wirst mir diese nicht so hoch anrechnen, wenn du nur die Sache durch solche hindurchschimmern siehst. Ich
habe dieselbe nun einmal im Kopf und es stört mich in meiner andern Arbeit, solange sie nicht in einer
gewissen Vollendung heraus ist. Nun habe ich aber noch eine Bitte an dich: Da du recht gut weißt, wie
abgeschnitten ich hier von aller Kunst und wissenschaftlichen Mittheilung bin, ich mich aber meinen
Freunden und allen Uebrigen, von denen ich wünschte, verstanden zu werden, und auch einmal ihre
Meynung zu wissen, gerne kund thun möchte, und ich dieses nicht anzufangen weiß, so wollte ich dich bitten,
daß du mir einigen Rath hiezu geben möchtest. Sollte es nämlich nicht thunlich seyn, daß du diesen Aufsatz
in einem Journal unterbrächtest? oder glaubst du, daß es schicklicher und besser wäre, ihn apart abdrucken
zu lassen? Es ist mir ein Bedürfnis, zu wissen, wie der Aufsatz verstanden wird, indem es mir nur dadurch
möglich wird, mich über die practische Ausführung der Grundsätze auszusprechen und dabey
Mißverständnissen auszuweichen, welche der Mühe, sie zu widerlegen, nicht lohnen würden.

Es soll mir nicht darauf ankommen, meinen Namen davor zu setzen und mich als Schriftsteller zu blamiren,
wenn nur die Sache dadurch deutlicher zur Sprache kommt; auch sollte ich nicht denken, daß vernünftige
Leute es mir so gar übel nehmen würden, wenn die Schreibart als eine Naturmerkwürdigkeit erschiene. Ich
erwarte mit Verlangen, was du mir darüber schreiben wirst; auch sage mir, ob du es nöthig findest, daß ich
Goethe vorher etwas davon mittheile, weil ich mich über die Materie wohl schriftlich mit ihm unterhalten
habe? Von ihm habe ich nichts nehmen können, da ich ihm zwar manches, er mir aber noch nichts


mitgetheilt hat, möchte aber doch nicht, daß er im geringsten von mir dächte, als wollte ich fürwitzigerweise
ihm vorgreifen, oder etwas hinter seinem Rücken thun, da er nüch noch im Herbste sehr gütig zu einer
mündlichen Unterhaltung über den Gegenstand zu sich eingeladen. Wie die Figuren und illuminirten Sachen
sich bey einer Herausgabe machen ließen, auch darüber möchte ich deine Meynung wissen; die Umrisse
von der Kugel habe ich radirt und es können Abdrücke geliefert werden u. s. w. Am liebsten wäre es mir
doch, wenn du die Sache unter deine Aufsicht nehmen wolltest; ich meyne nichts weniger, als daß du
dieselbige geradezu vertheidigen, sondern, da du mich und mein Bestreben kennst, daß du sie auf ihren
rechten Standpunkt setzen solltest. Damit du aber wissest, wie ich mir selbst die Sache in einem größeren
Zusammenhange vorstelle, will ich dir das hier noch zu schreiben versuchen. Dann da in meiner Ansicht alles
auf die Möglichkeit eines vollständigen Unterrichts in der Mahlerey hinausgeht, so sind mir die rechten
Ausdrücke über die Dinge, die mir in Zukunft dazu den Weg bahnen könnten, überaus wichtig.

*

Ob ich mich zwar bemüht habe, soweit meine Kräfte reichen, den Beweis, daß die Kugel die Figur sey, um
das Verhältniß der fünf Farben Elemente zu einander vollkommen auszudrücken, auf einige geometrische
Sätze zu reduciren, so zweifle ich doch nicht, daß dieselben noch besser und bestimmter gegeben werden
könnten; hoffe jedoch, daß sie hinreichen werden, um dasjenige deutlich zu machen, was ich durch sie
beweisen wollte. In der Construction der Farbenkugel bin ich allen Reflexionen über dieselbe
ausgewichen, um durch solche nicht den Gang der Entwicklung zu unterbrechen; möchte aber jetzt
bemerken, wie die Totalität aller Mischungen, welche aus diesem Verhältniß entstehen können, zwar die
Totalität aller sichtbaren Farbenerscheinung repräsentirt oder ausspricht, es aber bey lebhafter Vorstellung
jedem auffallen muß, daß sie dieselbe weder umfaßt, noch würklich ist. Ich füge deswegen folgende
Bemerkungen hinzu, welche den Sinn des Gesichts im Allgemeinen betreffen; ob ich es vielleicht nicht
deutlich machen könnte, wie nach meiner Vorstellung das Verhältniß, welches durch die Kugel gegeben
worden, sich zu dem Ganzen aller Sichtbarkeit verhalte. Es wird im Ganzen wenig Menschen geben,
welche durch die Göttliche Gabe des Gesichts nicht auf mannichfaltige Weise ergötzt werden, obgleich
dieselben Gegenstände und Erscheinungen oft von Verschiedenen so verschieden angesehen werden, daß
wir uns in die Art und Weise, wie Andre die Dinge beurtheilen, wohl gar nicht zu finden wissen und geneigt
werden, das, was sie über Grundverhältnisse der Erscheinung vorbringen, für bloße Spiele einer lebhaften
Phantasie zu halten, höchstens aber ihnen auf's Wort zu glauben, daß sie die Dinge so sehen, ohne es zu
begreifen. Durch Uebung und Reflexion können wir jedoch würklich dahin kommen, einzusehen, daß es auch
solche Verhältnisse, als wovon sie sprechen, giebt, und wir werden dann genöthigt, anzunehmen, daß eine
natürliche Verschiedenheit und Mannichfaltigkeit in dem Sinn des Gesichts obwaltet.

Denn wie es bekanntlich Menschen giebt, welche bey sonst gesunden Augen keine Farben unterscheiden,
und denen die schönsten Gemählde nur in der Gradation von heller und dunkler (oder wie Grau in Grau)
erscheinen, eben so giebt es Andre, welche mehr oder weniger keine Form, und wieder Andre, welche die
Materie nicht unterscheiden. (Unter der Unterscheidung der Materie, nämlich in der Erscheinung für das
Auge, verstehe ich die der Stoffe der Gegenstände. Es wird nämlich die Meisten nicht leicht, jemand
abgerechnet, wenn er einen Kurzsichtigen vor sich hat durch fleischfarbene Strümpfe täuschend
überreden, daß er barfuß gehe; oder Tuch wird nicht so zu färben seyn, daß es mit Taffent oder Leinewand
von derselben Farbe zu verwechseln wäre; oder eine Kalkwand wird nicht mit der blauen Luft verwechselt
werden.) Wenn Manche bey gesundem Gehör keinen Musikton unterscheiden, obwohl sie Melodie und
Ausdruck sehr wohl vernehmen, so ist dieses eine ähnliche Erfahrung. Würde eine solche bestimmte
Richtung des äußeren Sinnes, von Umständen befördert, sich in ihrer Einseitigkeit mehr ausbilden, so wird
sie sich dem innern Sinn und dem Charakter des Menschen selbst mittheilen, wie sie auch vielleicht oder
doch oftmals aus der Organisation des innern Sinnes ihren Ursprung hatte.

Wenn ich nun gleich zweifle #1 , daß einem Menschen mit gesunden Augen der Sinn für eine jener drey
Erscheinungen, der Farbe, der Form, oder der Materie, völlig fehlen sollte, so zweifle ich doch auch eben so
sehr daran, daß alle drey Fähigkeiten in irgend einem Auge gleich stark beysammen seyen. Daß nur eine
derselben einem Menschen gewöhnlich ganz angehöre, und der Sinn nur in einer Beziehung ihm recht
aufgesschlossen sey, wird man bald gewahr werden können, wenn man mit einiger Aufmerksamkeit die
Gemählde sowohl der älteren wie der neueren Meister betrachtet. Wer wird nicht finden, daß bey
Michelangelo der Sinn für Form (Anatomie, Architektur, ausdrucksvolle Bewegung) bey Correggio der Sinn
für Farbe (brillante Zusammenstellung derselben und Einheit im Ton), und bey Tizian der Sinn für Materie
(Colorit, Stoffe der Gegenstände, und Gewalt des Lichtes in dem Wesen derselben) vorzüglich auffällt? und
wer auf Galerien dasselbe Bild von verschiedenen Mahlern copiren gesehen, wird sehr leicht bemerken
können, nach welcher Seite hin die natürliche Neigung des Mahlers geht und wie das Original immer in die
Sinnesrichtung des Copisten übersetzt wird.) #2


Die Mahlerey ist, wie man sich auszudrücken pflegt, eine stumme Kunst. Das Universum ist für sie auf den
Sinn des Gesichts beschränkt, und die Sichtbarkeit oder sichtbare Existenz der Dinge die allgemeinste
Bedingung ihrer Würksamkeit. -Nehmen wir daher den Sinn des Gesichts als den einzigen an und
abstrahiren von allen übrigen, so sind alsdann die drey Eigenschaften, Form, Farbe und Materie, die drey
Grundformen aller menschlichen Erkenntniß, welche nur Eine Wurzel und Ursprung in dem ganzen Sinn des
Gesichtes haben, in welchem alle als in ein absolutes sinnliches Erkenntnißvermögen zusammenfließen. in
Mensch nun, der sich mit allem Fleiß und Ernst der ihm angeborenen Neigung zu einer dieser drey
Grundformen der sinnlichen Erkenntniß hingiebt, wird, wenn er zugleich in seinem Bestreben zu der
Erkenntniß ihrer Urverhältnisse gelangt, und dann auf die ihm weniger eigenthümlichen Formen des Sehens
reflectirt, dieselben wesentlichen Verhätlnisse (nur anders modificirt) auch in diesen unterscheiden können;
der Sinn für dieselben wird sodann in ihm durch die Erkenntniß ihrer Grundverhältnisse geweckt werden,
wenn er innerlich unterscheiden kann. Wenn, wie wir die Formen der menschlichen, Gestalt erst dann in
ihrem wahren Zusammenhange sehen, wenn wir die Anatomie und Physiognomie des Menschenkörpers
begriffen haben, ebenso sehen wir auch überhaupt erst in dem Maaße, wie wir die Erscheinung der Form,
der Farbe und der Materie in ihrer lebendigen Würksamkeit auf einander und im Verhältniß zu einander
erkennen; und nur dadurch kann es uns möglich werden, die Naturerscheinungen im Zusammenhange
darzustellen.

Wenn nun in der Construction der Farbenkugel bloß von dem Verhältnisse der (Farben) Qualitäten die Rede
ist, welche sich in dem Mittelpuncte derselben völlig zerstören, wo alsdann die absolute Quantität ihrer
materiellen Bedingung nur stattfinden kann, so wird man leicht begreifen, daß dieses, als das Quantitative
dieses Verhältnisses, eine Qualität von einer umfassenderen und potenzirten Art seyn muß sonst würden wir
von derselben keine bestimmte sinnliche Erkenntniß haben können. Durch den Gegensatz von Weiß und
Schwarz ist nun (da sie Hell und Dunkel ausdrücken oder bezeichnen) die Natur dieser quantitativen Qualität
schon bestimmt, sie muß aber in den drey Farben auch schon gelegen haben, weil sie auch von diesen das
Product ist. Daher ist es nöthig, die Natur der Farbe allgemeiner zu fassen, um zu bestimmen, unter welcher
Bedingung sie mit Weiß und Schwarz in diesem Verhältnis steht. Eine absolute Einheit oder das absolut
Quantitative ist der sinnlichen Vorstellung unbegreiflich. Zur Ahnung derselben mögen wir durch die Differenz
ihrer Eigenschaften und das Verhältniß aller dieser zu einander wohl gelangen; zur sinnlichen Erkenntniß von
derselben aber können wir nur kommen durch das Verhältniß oder die Differenz derselben mit einem
zweyten außer ihr, so daß das Quantitative wieder als eine Qualität erscheint.-So wie wir nämlich durch die
Differenz von Punct und Raum, oder Licht und Finsterniß, von endlich und unendlich, von durchsichtig und
undurchsichtig (jenes beweglich, ungreifbar, durchdringlich, dieses fest, hart, undurchdringlich) das absolut
Quantitative aller Sichtbarkeit wohl ahnen; durch die Differenz von Licht und Raum, (oder Finsterniß) mit
Weiß und Schwarz uns aber erst das endliche und unendliche Quantitative jedes als eine Qualität erscheint.

Wie also der ungetheilte Punct des absolut Quantitativen durch die Trennung in zwey Qualitäten für die
sinnliche Vorstellung zur Linie wird (nämlich durch Licht und Raum das Quantitative der unendlichen Qualität,
und durch Weiß und Schwarz das Quantitative der endlichen) so wird durch die Farbe das Leben und die
Form sowohl in der endlichen wie in der unendlichen Qualität geboren. Die Farbe nämlich ist in beiden
Qualitäten gegenwärtig, und formiert in dem Quantitativen durch die Eigenschaft ihrer dreyfachen Tinctur die
Figur des Dreyeckes, welches sich zu Licht und Raum oder Weiß und Schwarz (welche das Quantitative zur
Linie differenziren) in das Verhältniß des Aequators zu den Polen setzt, und durch die innere productive Kraft
der Tincturen die Bildung der Kugel vollendet. Weiß und Schwarz sind demnach nur wie zwey verschiedene
Eigenschaften oder Qualitäten in der endlichen Qualität zu betrachten, welche zugleich durch die Farbe
dreyfach tingirt wird, an sich aber ein absolut endliches und undurchsichtiges Grau ist; im Gegensatz von der
absolut unendlichen durchsichtigen farblosen Klarheit als dem Quantitativen der durch Licht und Raum
differenzirten und durch die Farbe dreyfach tingirten unendlichen Qualität #3 Es muß daher auch an der
Kugel in den Farben ein völlig körperliches und undurchsichtiges Material vorausgesetzt werden, wie in Weiß
und Schwarz, denn mit den durchsichtigen Farben stehen diese in einem andern Verhältniß. Denn wie
diese Ansicht bloß die Ansicht der Farbenerscheinung ist und ihre Verhältnisse auseinander setzen soll, so
ist die Ansicht des Lichtstrahls als Würkung der Linie desselben eigentlich die Begründung von der
Erscheinung der Form, und das Verhältniß der Erscheinung der Materie zu diesen beiden würde das Ganze
der practischen Optik für die Mahlerey erst möglich machen. +++

Ich werde mich hier gewiß mancher Worte sehr uneigentlich bedient haben, welches du mir als einem
Pfuscher und Böhnhasen verzeihen rnußt. Übrigens bleibt auch dieses ganze Raisonnement unter uns und
gehört nicht zu dem Aufsatz, sondern dient bloß zu deiner Nachricht.

Weitere Ausführung


Es wird aus dem bisher Gesagten merkbar seyn, daß man das Verbeltniß, welches in der Farbenkugel
gegeben worden, erst bestimmter einsehen kann, wenn man es von dem allgemeinen Standpunct des
Sehens aus überhaupt betrachtet, und also die Totalität dieses Verhältnisses mit andern Ansichten
vergleicht. Denn wenn zwar die drey Grundformen des Sehens getrennt gedacht werden müssen, so
stehen sie doch, indem sie ja nur drey verschiedene Seiten eines Totalverhältnisses sind, in so inniger
Beziehung auf einander, daß wir in jeder derselben, als einem Spiegel des Ganzen, die Differenz nach innen
wahrnehmen müssen, die sie nach außen zu den beiden an dern beweiset. Wir können z.B. in dem
Verhältniß der Farbe, d.i. in der Bildung der Farbenkugel, mit dem Quantitativen die Materie, mit der Differenz
der fünf Elemente die Form #4 , und mit der Neigung und den Eigenschaften derselben die Farbe
bezeichnen. -Ich glaube daher, man würde in einer Optik für die MahIerey, um die Phänomene der
ganzen Erscheinung in vollkommen deutlichen Zusammenhang bringen zu können #5 nicht allein wohl
daran thun, dieselbe in die drey Grundformen der Erscheinung einzutheilen, die jede für sich (Form, Materie
und Farbe) eine eigene Wissenschaft bildeten; sondern es würde dieses auch durchaus nothwendig seyn.
Denn die Theorie #6, wenn sie von der Würkung und Eigenschaft des Lichtes, als einer Richtung der
Lichtstrahlen, oder Linie, handelt, begründet die Möglichkeit, die Formen der Gegenstände auf einer Fläche
so darzustellen, daß sie dem Auge als rund und im räumlichen Verhältnisse erscheinen. Diese Ansicht des
Lichtes greift natürlich auch in die Farbe mit ein, da die Localfarbe sich an der beleuchteten Seite, im
Schatten und Halbschatten und Reflex usw. jedesmal anders zeigen wird. So wie sie auch mit in die Materie
eingreift, da sie den Grad bestimmt, wie im Spiegel und in durchsichtigen Gegenständen sich die Form der
Dinge verändert.

Die Theorie #7 , wenn sie die Würkung bestimmt, welche das Licht auf oder in den Gegenständen
hervorbringt, ob eine starke oder schwache begründet die Möglichkeit, mit dem Material, welches wir
besitzen, die Materie der Dinge darzustellen, ob solche nämlich durchsichtig oder undurchsichtig, glatt, hart,
wollig oder neblig sind; nimmt also zuerst die Analogie von Weiß und Schwarz mit Licht und Finsterniß in
Anspruch, und dadurch auch die Analogie aller übrigen Farbensubstanzen mit der Erscheinung. In wiefern
aber an bestimmten Puncten, vorzüglich bey glänzenden Gegenständen, das Licht gewaltsamer würkt, und
diese nur durch die Form zu bestimmen sind, greift sie auch in das Gebiet der Formen ein; gleichwie in das
der Farbe, inwiefern bey halb durchsichtigen Körpern u. dgl. sich Farbe modificirt, im Ganzen ist sie aber die
Theorie von der Materie der Gegenstände. Die Theorie #8 , wenn sie die nothwendige Ordnung
bestimmt, in welcher das Licht die Farben erzeugt, und wie das Verhältniß derselben zu einander ist,
begründet die Möglichkeit, den Moment und die Richtung (Weltgegend) zu bestimmen, in welchen ich in die
Natur hineinblicke. Denn da das Rothe oder Violette die erste und lezte Farbe ist, die Farbe mag im Licht
verzehrt werden, oder in der Finsterniß vergehen, und die Theorie die ganze Farbe in einen Cranz oder
Cirkel zusammenbindet, und die in diesem Kreise sich gegenüberstehenden Farben als Contraste gegen
einander erscheinen, welche denselben Contrast bezeichnen, in dem der Ton des Lichtes mit dem ganzen
Raum steht, so bestimmt diese Ansicht zugleich mit der Farbe des Lichtes die Farbe des Schattens. Und so
wie die Theorie der Form und die der Materie in das Reich der Farbe, Materie und Form mit hineinwürkten,
so umschlingt die Theorie der Farbe auch gewissermaßen Form und Materie, und setzt solche in Verhältniß
und Harmonie mt der Welt, bestimmt den Moment und das Factum.

Man wird hieraus begreifen, daß, wie eine wahre Ansicht des Lichtes, die vom Lichte ausgeht und sich in alle
Zweige der Erscheinung hin erstrecken muß, nur eine Wissenschaft seyn kann, indem sie das Eine in der
Mannichfaltigkeit verfolgt und auch spürt, so die Ansicht der drey Grundformen der Erscheinung umgekehrt
die Mannichfaltigkeit der Erscheinungen auf die Einheit ihres Zusammenhanges und Ursprunges
zurückführen soll, und eben daher nur von verschiedenen Seiten her auf ein Resultat kommen wird.
Wenn ich das Ganze dieser Wissenschaft zwar nur in den allgemeinsten Andeutungen berührt habe, so wird
man doch begreifen können, daß jene drey verschiedenen Seiten einer angewandten Optic jede in sich
ebenso als ein geschlossenes Ganzes angesehen und benutzt werden können, wie z.B. in dem Studium der
Darstellung des menschlichen Körpers 1) die Anatomie, 2) die Einteilung und Bestimmung der Form nach
mathematischen Verhältnissen und 3) die Physiognomik, oder Bewegung und Ausdruck, jedes als ein
Ganzes für sich betrachtet wird. Ich bin denn auch versichert, soviel weitergreifend auch eine allgemeine
naturphilosophische Ansicht des Lichtes und der Farbe seyn mag, und wie der Mahler, wenn er nicht in einen
todten Mechanismus versinken soll, in die Ideen immer einmal mit eingreifen und sich in dem Innern seiner
Wissenschaft soweit erheben muß, daß er mit jenen gleichen Schritt hält, also auch dieselben nicht
entbehren mag, auf der andern Seite doch auch die allgemeine Wissenschaft des Lichtes die bloße
natürliche Ansicht der Erscheinung noch weniger entbehren kann; und nur dadurch, daß beide Bemühungen
in ihren Resultaten übereinstimmen, wird die Ausführbarkeit und Darstellung der Ideen möglich #9, wenn die
Technik die Fähigkeit erhält, die tiefste Anschauung der Natur uns im lebendigen Zusammenhang vor das
Auge zu stellen. Wie denn zuletzt doch alles wahrhaft erscheinen und blühen muß, wenn es Früchte tragen
und der Saame in dem mütterlichen Boden Ruhe finden soll. --


1,173
---Du hast mir nicht einmal geschrieben, ob du die Zeichnung von meinem Bilde #10 empfangen hast; so
lange ist es her, daß ich nichts von dir erhalten habe. Ich habe es vorigen Sommer im Kleinen ausgeführt,
und bin jetzt mit einer großen Aufzeichnung von 8 Fuß hoch bis auf eine Figur fertig. Wenn ich mit diesem
Bilde zu Ende bin, werde ich im Stande seyn, etwas Bestimmteres über die Wissenschaft der Behandlung zu
sagen, vorzüglich über eine nothwendige; überhaupt, je fertiger ich werde, und je weiter mit der vollen
Ausführung dieses Gedankens komme, finde ich, daß sich nicht allein die Kunst alle Erscheinung in dem
Symbol von diesem Rhythmus der Tageszeiten bewegt, sondern daß auch in der Wissenschaft der Mahlerey
die allgemeinste Bedeutung der Behandlung daraus hervorgeht. Dir jetzt etwas über dieses Bild zu
schreiben, ist mir unmöglich, weil ich jetzt drinn bin und kein Urtheil darüber habe. Ich habe Klinkowström's
schöne Copie der Nacht von Correggio hier, die uns sehr viel Freude macht; er selbst ist in Paris und ich
wünschte, diese seine Arbeit verkaufen zu können, um dadurch seinen Aufenthalt daselbst zu verlängern. Er
hat mir öfters geschrieben; die Kunst ist dort, wie ich schon immer geglaubt, in jeder Rücksicht bornirt, wenn
gleich, in manchen Anstalten, sehr nützliches für den Studirenden sich findet. Faber, der Zögling unsers
Freundes Waagen, ist seit einiger Zeit von Rom zurückgekommen; er ist dort würklich recht fleißig gewesen
und überhaupt gar nicht ohne Talent, hat freylich noch immer die Tendenz, ein wenig zu sehr, sich unter dem
Volk von talentvollen Leuten herumzutreiben und mit ihnen zu schnacken, indeß finde ich immer mehr, wie
brauchbar grade solche Individuen, die wie er am Besten von Natur aus ihre Freude haben, wären, um etwas
Gutes ausführen zu helfen. Am meisten kommen mir solche Bemerkungen, wenn ich die verschiedene
Würkung wahrnehme, welche die Richtung meiner Arbeiten auf die Künstler macht, mit denen ich bekannt
werde. Wie Wenige, fast gar Keine, sind im Stande, die Idee in der Natur selbst zu sehen! Das Hauptresultat
ist aber, daß Alle die Nothwendigkeit des Gedankens fühlen, um aus den unzulänglichen Mitteln, welche hie
und da zerstreut umher liegen, und jeden verwirren, heraus zu einer ruhigen deutlichen Ansicht des
Nothwendigen zu kommen. Die individuelle Richtung eines jeden würkt aber so verschieden, daß Einige die
Sache gleich feindlich behandeln, Andre sie flugs ergreifen, aber in der bloßen Manier kleben bleiben, Andre
melancholisch die unzulänglichen Mittel betrachten, welche sie besitzen, noch Andre nur die Idee zu
ergreifen suchen und das Wesentliche, die Erscheinung selbst, für untergeordnet halten; und so auf
unendlich verschiedene Weise. Alle diese ungleiche Würkung schadet aber soviel nicht, als die Indolenz, die
alles für überflüssig hält, sich mit der alten Gründlichkeit tröstet und doch ihrer Natur nach nie im Stande ist,
diese alte zu sehen, denn sonst würde sie die neue nicht gleichgültig finden können. Es bricht aber die
Knospe zulezt auf, wenn sie nur immer Mehrere, so verschieden sie auch seyn mögen, die Unzulänglichkeit
ihrer Behandlungsweise ahnen; wir werden's nicht erleben, daß es geschieht es kommt aber gewiß. -Ich
freue mich auf die Zeit, wann wir uns einmal wieder sprechen und sehen; und wie gerne sähe ich Tieck und
Mehrere einmal! Es hilft nichts, daß man sich über dieses und jenes einmal schreibt, wenn man nichts
vollständig vor sich hat. Im Ganzen aber behalte nur jeder einen fröhlichen Muth und suche seine besten
Wurzeln dahin zu treiben, wo die Außenumstände sie nie völlig erreichen und ihre Würksamkeit nicht
vernichten können.


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