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Philipp Otto Runge

An Goethe


19.09.08

An Goethe


Ihre Nachricht aus Karlsbad vom 23.Juli hat mich sehr erfreut, und ich bitte, daß Sie mir die Zeichnungen über Leipzig wie die vorigen übersenden. Ich schreibe Ihnen durch unsern Freud Jacobi, und ich wünsche, daß ich Ihre Einladung, zu Ihnen zu kommen, sowie sein Anerbieten eines Platzes auf seinem Wagen hätte annehmen können. Da es aber so, wie ich möchte, nicht angehen kann, so will ich die gute Zeit mit einer vergeblichen Sehnsucht nicht verderben und von der Hand nur daran denken, wie es überhaupt geschehen kann, sie einmal zu sprechen und mich mit ihnen und andern zu verständigen.
Jacobi hat mich einmal besucht, und ich habe ihm das Äußere meiner Beschäftigung zeigen können. Wenn wir uns mehr und öfter hätten sprechen können, so hätte ich ihn zum Gesandten an Ihnen ernannt; so müssen Sie mit einigen Nachrichten nun fürlieb nehmen und mit dem Versprechen, Ihnen bald einmal etwas Vollständigeres zu schicken.

Ich komme jetzt immer mehr zu der Möglichkeit, die bloße abstrakte Form des Verhältnisses der Farben zueinander in der Kugel zu beweisen und solches ebenso handgreiflich und notwendig an die Erscheinung und an das Wesen der Farbe wie an das Material anzuknüpfen und damit zusammenzustellen. Ja deutlicher und vollständiger man etwas begreift, je leichter muss es auch werden, sich in Worten darüber verständlich zu machen.Und so zweifle ich nicht, daß ich Ihnen nicht bald etwas mitteilen könnte, welches Ihnen einen bestimmten Überblick über mein ganzes Tichten und Trachten gäbe. Wenn man ohne Freunde lebt, wie ich, welche eine Kunstbetriebsamkeit haben, so wird man schon von selbst genötigt, sich die einzelnen lichten Punkte, die uns über das Unbekannte, was man in sich fühlt, erscheinen, durch Bilder zu fixieren, die einen zur andern Zeit wie verwandte Gestalten und Worte ansprechen und reizen.So wie der zucker, wenn er getrocknet und sich stille gelassen wird, in figuren anschießt und sich formiert in sich selbst, so muss man auch, wenn man ohne äußern produktiven Berührungsstoff, sich selbst eine notwendige innere Welt gestalten; und eine solche mystische Gestaltung wird uns gewiss mit der größten Lebendigkeit erfüllt, wenn wir außeruns dieselbe Notwendigkeit erblicken und uns gewissermaßen selbst in andern sehen lernen. Ich wünsche nichts so sehr, als dieses bald zu erleben und die Bemühungen und Kräfte dahin wenden zu können, wo es am notwendigsten wäre, und aus dem ungewissen Verlangen herauszukommen, welches notwendig entsteht, wenn die Phantasie uns alle Dinge in gleicher Herrlichkeit und FÜlle desLebens erblicken läßt.
Ich arbeite daran, es möglich zu machen, mit Frau und Kindern nach Dresden zu reisen. Wenn ich dazu komme, bringe ich sie zu meinen Freunden nach Leipzig und besuche Sie erst; ich wünsche, daß ich bald dazu gelangen könnte.

Die Kopie der ´Nacht`von Correggio, wovon ich Ihnen einmal geschrieben, kriege ich nun hier. Herr von Klinkoström, welcher sie gemacht, möchte sie gerne zu 300 Taler verkaufen, da er sich jetzt aus Pommern wieder losmachen kann und nach Paris zu gehen gedenkt und gerne zuerst etwas Geld in den Händen hätte. Wir werden uns hier noch erst besprechen, und ich freue mich, daß ich in Paris jemand haben werde, mit dessen Treiben ich so sehr zusammenstimme.

Vor drei Monaten kam ein schwedischer Maler, Herr Ekmark, von Kassel bei mir [an]; er war sehr krank und aller Hülfe [Hilfe] beraubt. Mit Beihülfe von Herrn Campe hieselbst gelang es uns, ihn zuerst wieder Hoffnung zu einem bessern Zustand einzuflößen, und er besserte sich auch, doch fiel er bald in einen schlimmern Zustand zurück, und ist vorgestern an der Schwindsucht gestorben. Wir sind noch außer Konnexion mit seinen Eltern. Da ich von ihm weiß, daß Sie ihn in Weimar gekannt haben, und er seit der Zeit, daß er von dort weg gewesen, in diese unglücklichen Umstände geraten, so möchte ich sehr gerne wissen, wie er dort gelebt und dort weggekommen, da er sich immer sehr betrübt darüber äußerte. Er hat, wie er mir sagte, in Eisenach und anderwärts von seinen angefangenen Arbeiten zurückgelassen für die Wirte. Besonders hatte er in den letzten Tagen eine Sehnsucht nach einem Bilde aus der schwedischen Geschichte, welches er einem Wirt in Eisenach für zwei Taler zwanzig Groschen hätte lassen müssen. Da ich ihn nicht gesund gekannt und er wirklich keine Kräfte mehr hatte, das Geringste zu einer Fertigkeit zu bringen, seine Ansichten von der Praktik der Malerei oft treffend genug waren, so weiß ich nicht, ob er etwas hat machen können oder nicht, welches mir wegen des wunderlichen Zustandes und Schicksals, welches er hier beschlossen, sehr merkwürdig wäre.
Ich empfehle mich Ihrer Freundschaft und wünsche von Herzen, daß Jacobi Sie in seiner so freudenlosen Umgebung antreffen möge, wie man befürchten könnte. Meine herzlichen Grüße an die, welche mich kennen.
Ihr aufrichtiger Philipp Otto Runge


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