Philipp Otto Runge
An Goethe (Der Poststempel ist der 21.11.07, weiter unten folgt ein Briefabschnitt vom 19.11.07)
An Goethe (Der Poststempel ist der 21.11.07, weiter unten folgt ein Briefabschnitt vom 19.11.07)
Mit vielem Vergnügen habe ich Ihren Brief erhalten, worin Sie
verlangen, daß ich Ihnen mit der Art meiner vorhabenden Experimente bekanntmachen soll. Ich wollte Ihnen
nicht gerne eher darüber schreiben, bis ich sie gemacht hätte; das kann ich aber nachher auch noch immer
tun, da ich merke, daß es Ihnen nicht darauf ankömmt, einen Brief von mir zu lesen, und Sie mich nicht für
zudringlich halten. Auch läßt sich vieles über eine Sache sagen, ehe man sie tut, und der Effekt, wenn man's
getan hat, ist dann vielleicht so, daß es nicht recht anzugreifen ist mit Worten, wenn man nicht recht geübt
darin ist. Ich werde indes so aufrichtig gegen Sie verfahren wie gegen mein eigenes Gewissen und Ihnen
sagen, wie es abläuft. Es hat mir schon lange aufm Herzen gelegen, wie ich wohl jemandem die
Gedanken, welche ich über die Farben habe (ich sage nicht die Empfindungen), recht anschaulich vor Augen
legen könnte, ohne mich in künstliche Wortfügung zu verwickeln, die ein andrer, der sehr wenig von der
Sache sieht oder sehn kann, leicht zu meinem Schaden und seinem benutzen kann, daß weder ich ihm noch
etwas sagen noch er etwas verstehen kann. Zugleich aber möchte ich sie so vor Augen stellen, daß es pure
Dummheit wäre, noch anders davon denken zu wollen, nur daß es sich von geschicktem Leuten leicht tun
ließe, die Sache in ein Kompendium zu bringen, damit es an jedermann käme. Das Verhältnis der drei
Farben zu Schwarz und Weiß ließe sich sehr gut durch einen Globus darstellen, nämlich so: den Äquator
teile ich in sechs Teile, nämlich in der Abteilung der drei Farben im Triangel, durchschnitten von dem
Triangel der drei reinen dazwischenliegenden Mischungen. [ vorhandene Zeichnungen hier nicht eingefügt]
Der Nordpol sei weiß, der Südpol schwarz (ohne just hierdurch eine mystische Bedeutung zu meinen).
Der Äquator ist die brillante Eigenschaft der Farbe; diese verliert sich nach Norden in allen Mischungen ins
Weiße und nach Süden ins Schwarze. Durchschneide ich diese Kugel vom Nordpol nach dem Südpol, so
vermischt sich im Mittagspunkt dieser Linie Weiß und Schwarz in Grau; durchschneide ich sie durch den
Äquator, so vermischen sich im Mittelpunkt die Farben in dasselbe Grau. Etwa ein Schnitt durch eine
Parallellinie mit dem Äquator 40 °C nach Norden wür de schon ein weißliches Grau geben, wie so viel Grad
nach Süden ein schwarzliches. Ich hoffe, Sie werden mich verstehen, wenn ich sage, daß in dieser Figur die
ganze Verwandlung der undurchsichtigen Farbe ineinander und durch Schwarz und Weiß und Schwarz zu
Weiß miteinander enthalten sei. Und ich glaube, daß man es sehr anschaulich machen könnte, wenn man
das Ganzein Felder einteilte: die sechs Teile nämlich auf dem Äquator von zehn zu zehn Grad nach Norden
zu weißlicher und nach Süden schwarzlicher; ebenso mit den Ausschnitten in derselben Einteilung nach dem
Mittelpunkt verfahren. Man könnte gar mannigfaltige Ausschnitte wählen, um die Sache recht verständlich zu
machen. Diese Figur setzt nun aber schon einen Begriff von der Farbe überhaupt voraus und ein
bestrittnes und gewonnenes Feld; hierzu ist es nun notwendig, Experimente zu machen. Ich habe nun oft
von dem Kreisel oder Wirbel gehört, daß dadurch die sieben Farben, nach gewissen Berechnungen
aufgetragen in Abteilungen von der Peripherie zum Zentrum, zusammen Weiß würden, hab es aber mit
meinen Augen nicht gesehn und sage: es ist nicht wahr. Und was man hier Farben genannt hat, da ist kein
Sinn und Verstand in, und was man Weiß genannt hat, ist Grau, und wenn sie sich alle auf den Kopf stellen,
und wenn Sie es selbst wären; oder ich müßte gar nichts wissen und von vorne anfangen zu sehn und mir
sagen lassen, was Weiß-und Schwarz ist.
Ich habe nun nichts experimentiert und will Ihnen nun sagen, wie ich mir's vorstelle, daß es sein wird.
(Ich lasse mir nämlich eine Maschine machen, worauf ich eine Scheibe horizontal und perpendikular
herumwirbeln kann.) Ich sprach kürzlich einen Herrn, der das Experiment gemacht hatte; der sagte, daß man
die Farben, wenn man sie jemandem weiß machen wolle, sehr hell auftragen müßte. Ich fragte, womit er sie
denn hell machte. Antwort: mit Weiß! Nun sieht man also die Scheibe gut beleuchtet sich wirbeln, der
ungefärbt zurückgeworfne Strahl soll also nun weiß sein. Ich fragte auch, ob er wohl versucht, wenn er die
Scheibe mit seinen Farben bestächen, ob er nun wohl so einen weißen Streifen durch die Farben gemacht
und, wenn er's nun gewirbelt, ob die Farben und der Streifen einerlei Weiß gewesen. Das hatte er nun nicht
versucht, da es schon weiß genug gewesen. Nun fragte ich, wenn er nun die Farben nicht hell gemacht
hätte, was da wohl herausgekommen wäre. Das sollte ich doch mal versuchen, da es nach meiner
Meinung Grau sein sollte.
Den 19. November
Ich komme heut erst wieder dazu, den Brief zu Ende zu schreiben. Es sind nur
alles abgerißne Einfälle und Beobachtungen, was ich Ihnen sagen kann, und Sie werden es sich selbst
herausfühlen müssen, wie es zum Ganzen dringt und gehört, und Sie werden es darum nicht verachten: es
ist so gut, wie ich's habe. Mich dünkt, nach der Behauptung, daß durch den Wirbel die Farben weiß
werden sollen, wären wir wenigstens berechtigt zu verlangen, daß z. E. Zinnober, ein ebenso helles Blau und
Gelb in seinen Verhältnissen aufgetragen, Weiß würden; ist das aber nicht der Fall, so gehörte das
herausgesuchte Experiment, daß man die Farben so sehr mit Weiß vermischen muß, damit dieser Effekt
herauskömmt, in einer ganz ändern Untersuchung, z.B.: wieviel heller die Farbe durch den Wirbel wird und
dergleichen Denn das ist sehr auffallend, daß z. B. Lambert in seiner Farben-Pyramide ordentlich sagt,
woraus die Grundfarben, welche er angenommen, gemischt sind; daß er nämlich, um das eigentliche Blau
herauszubringen, er Berlinerblau mit Weiß vermischt. Wo liegt denn hier das Eigentliche? Oder wie hat er
dies Material erwählen können, ohne auf die Tiefe des Berlinerblau aufmerksam zu werden? Es ist mir ein
unbegreiflicher Leichtsinn, bloß um ein kompendioses System auszustaffieren, die besten
Grundeigenschaften so vorüberzugehn. Auch ist es schon sonderbar, ein Blau, was nur durch Weiß heller
gemacht worden, als einen Gegensatz von Zinnober oder Karmin anzunehmen. Wenn wir einen Lack hätten,
der so hochrot wäre, und ein Zinnober, was denselben Ton hielte, würden wir uns einfallen lassen, daß wir
dies Lack so viel mit Weiß vermischen könnten, daß, wenn es in der Helligkeit wie Zinnober erschiene, es
damit verwechselt werden könnte? Es ist unmöglich, es zu denken, geschweige wenn wir's sähen.
Diese Ansicht ist freilich in Lamberts Farben-Pyramide nicht gemeint, man sollte es aber doch nicht aus
der Acht lassen. Besonders dankbar würden die Maler dem Chemiker aber sein, wenn er ihnen ein ebenso
undurchsichtiges Blau, wie Zinnoberrot ist, verschaffen könnte oder auch so ein Gelb. Ich hoffe
meinen Faden nicht ganz zu verlieren, wenn ich Ihnen über das Verhältnis der Helligkeit der drei Farben
gegeneinander einige Worte sage. Man nimmt so gewöhnlich an, daß Gelb die hellste sei, darauf Rot und
dann Blau folge. Ich habe es selbst angenommen, lange genug, und ich glaube, Sie haben es beiläufig auch
irgendwo erwähnt. Nachgrade sehe ich aber gar keinen Grund dafür. Wenn sie nicht gleich hell sind, so
müssen sie nach den Winkeln Rot, Gelb und Blau heißen; denn das, was wir so gewöhnlich meinen, rührt
wohl nur von dem Material her, was wir eigentlich meinen. Da nämlich in den durchsichtigen Farben kein
Unterschied so leicht zu machen ist, so geschieht dies in den undurchsichtigen. Es ist also immer Zinnober
und so was gemeint. Nun ist Neapelgelb, weil es aus einem weit unedlem Metall zubereitet wird, immer sehr
mit Weiß versetzt; es käme also darauf an, wenn man es davon ganz reinigen könnte. Von Blau kann, weil
alles immer durchsichtig ist, nicht die Rede sein. In allem diesem meine ich immer die brillanteste Stufe der
Farbe. Um nun wieder zu dem Experimentieren zurückzukommen, so möchte ich die Scheibe nicht bloß
horizontal herumwirbeln, welches zur Beobachtung von undurchsichtigen Farbenverhältnissen gewiß das
vorteilhafteste ist, sondern auch perpendikulär gegen das Licht stellen, um gefärbte Glasscheiben
herumzudrehen. Sie werden sehr leicht fassen, daß, wenn sich die drei Farben dann aufheben, eine
durchsichtige Farblosigkeit dem Zuschauer als etwas Wirkliches sehr auffallend werden müßte. Ich hoffe
nun, daß diese Versuche auf manche einfache Resultate führen müßten und vielleicht einem alles weit klärer
und mehr im Zusammenhange brächten.
Es würde zum Beispiel sehr schwer werden, mit gefärbtem Glas diese Versuche zu machen; ich würde
mich aber die Reinheit des Glases nicht stören lassen und die Farben nach Belieben mit einem recht klaren
Mastix und Bel-Firnis auftragen. Denn die Getrübtheit des Glases läßt sich leicht wegdenken, wenn man nur
den Effekt der Mischung bewirkt. Ich stelle mir das Hindernis so wenig störend für den Beweis vor, wie es
störend ist, daß die mathematischen Linien und Verhältnisse im Euklides mit rechte dicke Striche gemacht
sind. Übrigens kann ich es nicht lassen, Ihnen diese hervorzubringende ungefärbte oder besser farblose
Klarheit, die durch die Vermischung der drei klaren Farben entstände, etwas ans Herz zu legen. Es ist in
der Luftperspektive etwas, was ich sagen möchte, daß es wie in einem Spiegel angesehen aussieht. Wenn
man das Dunstige und Neblichte bloß darunter verstände (abgesehn davon, wie sich die Farben verändern),
so hätt es weiter nicht genau zu Bestimmendes auf sich. Man hat aber hierzulande Tage, wenn es sehr
geregnet hat und der Wind steht auf Nordnordwest still, daß es klar wird, oder auf Norden, so wird es so hell
und reine Luft, daß ich mit bloßen Augen, da ich doch eben kein scharf Gesicht habe, auf drittehalb Meilen
eine Lärmstange nicht bloß sehn, sondern sogar erkennen könne die Stützen, womit sie befestigt war, und
mit ein mäßiges Fernglas Mann und Frau, Farbe und Montur der Leute. Bei dieser Klarheit der Luft ist
dennoch die Luftperspektive da, die bei der schärfsten Deutlichkeit doch die Gegenstände in einer gewissen
Tiefe stellt. Ich weiß Ihnen kein besseres Beispiel zu geben, als wenn ich sage, daß die neblichte Luft
Milchglas ist, die klare klares Glas; aber immer Glas, etwas, das bei zunehmender Tiefe dunkelt. Wenn wir
das vorstellen wollen, müssen wir es auch malen.
Ich verstehe zu wenig von Musik, micht dünkt aber, wenn man das Anschlagen aller Töne zugleich mit
das Brausen des Sturms gleichstellte, so ist dieser klare Fluß, der auf einer weiten Distanz zwischen uns und
den Gegenständen bemerkbar wird, hiermit gewissermaßen zu vergleichen. Es ist das Brausen aller
Farbentöne ineinander, und wie die Gegenstände, welche der Sturm trifft, ihm eine Modulation in den Tönen
geben, so geben Wolken der Luft eine Richtung zu einer oder einigen Farben hin. Es gehört nun hierher, daß
ich's sage! Ich glaube nicht, daß die Farbe gebrochne Lichtstrahlen sind; es scheint auf Subtilitäten
herauszukommen, wenn ich sage, daß das Licht die Farbe nur erzeugt. Ich will ja dem Licht die Ehre nicht
nehmen, Farbe zu sein, bewahre Gott; es wäre soviel, als Gott die Ehre zu nehmen, Mensch zu sein; er
mag's entbehren, wir nicht. Die Farbe ruht aber in der Luft wie der Ton im Metall. Und daß das stärkere
Anspannen einer Saite die Töne verändert, ist ebenso ein Wunder, als daß der stumpfere Winkel die Farben
verändert. Und die Erscheinung, daß dicht um die Sonne sich das Rot, dann Gelb, dann Blau entzündet, sind
Eigenschaften, die unter der Hand beim Malen eben auch vorfallen und die wir kennen und benutzen
müssen. Allein mit der Luft in einem Bilde rein und richtig zu musizieren, das ist der Grundbaß, wodurch alles
ineinander tönt und klingt und auf welchem die ändern Gegenstände spielen und sich bewegen und doch
immer darauf zurückkommen müssen wie die Kinder zur Mutter, oder die ganze Wirtschaft taugt nicht
Ich werde nun in einer deutlichen Folge Experimente und Darstellungen von den Farben zu machen
versuchen; vielleicht bringe ich es dahin, einen ordentlichen Apparat zustande zu bringen, wodurch man die
Sache jemandem recht begreiflich machen könnte. Gut wäre es, denn es tut not, daß man etwas fände,
wodurch man andrer Leute Bedürfnisse abhelfen könnte, um sich solche verschaffen zu können. Von
dem Preis für die Kopie von der »Nacht« kann ich Ihnen vielleicht bald Bescheid sagen. So lange hoffe ich
auch wieder zur Arbeit zu kommen, da wir in ziemlicher Unruhe wegen Umziehn gewesen sind. Ich
empfehle mich Ihrer Freundschaft. P. O. Runge
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