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Philipp Otto Runge

An Gustaf nach Mecklenburg Strelitz


Hambg 1,205 # 17. Oktober 1807

An Gustaf nach Mecklenburg Strelitz


--es ist hier viel
kanonirt worden wegen der früheren Französischen Siege. Wir sind hier noch immer in demselben Zustande,
daß wir nämlich nicht wissen, wie lange die Truppen hier bleiben, und Wohin sie abmarschieren werden. Du
wirst dir deswegen leicht denken können, da der Zustand im Holsteinischen derselbe jetzt ist, wie er vor dem
Jahre bey euch war, daß an die Ausführung deines Planes (dort bey der Landwirthschaft unterzukommen)


jetzt nicht zu denken ist, indem jeder sich einschränken muß und nur das nächste vornimmt. Daher kannst
du dich auch nicht gewundert haben, daß ich dir gar nicht geschrieben. Der Zustand im Holsteinischen ist
über alle Maaßen wunderlich durch die Maasregeln, welche die Regierung ergreift. Uns ist es sehr auf
gefallen, wie Vater neulich schrieb, daß du Lust hättest, für diesen Winter nach Hause zu kommen. Wenn wir
uns gleich denken, daß du ihm die Last, welche ihm die Einquartierung u.s.w. macht, etwas erleichtern helfen
wolltest, so ist doch auch zuviel müßige Zeit dabey, was mit dem Guten, das du thätest, nicht in
Gleichgewicht stände. Ich bitte dich um alles in der Welt, zu bedenken, daß man in Zeiten, wo wir in einer
uns angemessenen Lage (nach unsrer Meynung) nicht sind, soviel möglich thun und schaffen muß, indem
nichts verderblicher ist, als Wenn man auf bessere Zeiten seine Thätigkeit aufsparen will; da grade die
schlimmen Zustände uns reizen sollen, jeden Augenblick für den inneren Trieb zu benutzen, damit wir in
guten Tagen diesen anzuwenden und zu schätzen wissen. Wenn wir es uns verdrießen lassen, weil unser
sogenannter Plan, den wir uns nach unsrer Meynung gemacht haben, zerstört oder unterbrochen wird,
dennoch fortzuarbeiten, oder immer von neuen, anzufangen, so ist das ein schlechtes Vertrauen zu dem, der
die seinen wunderbar führt, und das heißt nicht Glauben haben, sondern unserm Eigendünkel folgen und die
Wege, die Gott durch die Noth uns im Herzen offenbart, nicht gehen wollen.

Ich weiß, daß es so mit uns ist und man immer lieber Lust hat, seinen Willen als seine Schuldigkeit zu thun;
es kommt aber gewiß nichts dabey heraus, und wem etwas daran liegt, daß die Deutsche Gesinnung, und
Nation nicht ganz verloren gehe, der muß in sich vor allem die Treue bewahren, die der Weg zu allem Edlen
ist. Du denkst vielleicht, ich habe gut sprechen, und thue es doch selbst nicht, aber selbst das sollte dich
nicht hindern, dir das Bessere immer deutlicher vor Augen zu stellen. Wenn man wenig thut und wenig thun
kann, so drängen sich unwillkührlich die Gedanken von dem, was man thun sollte, am allerlebhaftesten
einem auf, und wenn ich mir die besten Gedanken, die ich habe, so oft wie möglich vorstelle, so heiße ich
das Beten; Denn was wäre Beten, wenn es das nicht ist, daß ich in der Noth meines Herzens, nicht zum
rechtschaffenen Thun gelangen zu können, doch alle meine Gedanken und mein Herz dahin richte, wohin es
gerichtet seyn soll, damit es nicht auch selbst von der äußeren Gemeinheit ergriffen wird? Ich bitte dich,
liebster G., recht thätig zu seyn und alle Gelüste in der Thätigkeit zu ersticken. Es gehen die dummen Tage,
wie sie von selbst kommen, auch von selbst wieder weg, wenn wir ihnen nur keinen Raum in uns verstatten,
und es hat darin einer vor dem Andern nichts voraus.


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