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Philipp Otto Runge

An Quistorp, akademischen Zeichenmeister in Greifswald


Hambg 1,076 # 26. Juni 1807

An Quistorp, akademischen Zeichenmeister in Greifswald


--Ich befinde mich sehr wohl in meinem neuen Zustande und fühle mich mehr wie sonst
aufgelegt und frey, in der Kunst zu würken, da ich mich durch die Geschäfte des Handlungshauses mehr an
das Leben schließe, und eine Lücke ausgefüllt ist, die sonst eine Unruhe war. Ihre besorglichen
Aeußerungen haben mich sehr an die Theilnahme erinnert, welche Sie immer für mich hatten, indessen
möchte ich Sie, lieber Freund, von dem Gedanken zurückbringen, als könnte ich der Kunst verloren gehen,
oder als würde ich dieser das, was ich ihr je habe seyn können, nicht noch immer seyn. Es ist mein erstes
und wichtigstes Bestreben, zuvörderst die Tageszeiten, wie ich sie erfunden, mehr durch und durch fertig zu
arbeiten, und wie bey ihrer Entstehung meine ganze Ideenwelt sich auszusprechen strebte, so werde ich
diese Ideen in der Mahlerey getreu verfolgen. Wenn Sie indeß glauben sollten, daß ich bey einer andern
Beschäftigung zu wenig Zeit finden werde, um in eine gründliche Practik hineinzukommen, so kann ich Ihnen
nichts entgegensetzen, als nur den Glauben: daß die deutliche Erkenntniß Eines Bildes In uns viele Versuche
(aber nicht alle) entbehrlich machen wird;


-ich glaube ferner, obgleich die Alten die Geheimnisse der Natur empirisch erfaßt, daß die Erfahrung, wie die
Grundprincipien der Elemente ihrer Kunst verloren gegangen, gleichwohl beweiset, daß sie sie nicht erkannt
hatten; daß aber, da, wie der Augenschein lehrt, die Zeit dahin drängt, alle Erkenntniß theoretisch zu
erfassen, wir (unvermögend, gegen den Strom zu schwimmen, und einzeln eine Herrlichkeit zu erjagen, die
alle Kräfte der Italiänischen und Niederländischen Kunst noch nicht erringen konnten) die Gedanken so rein
und gewissenhaft verfolgen und so groß erfassen sollen, daß das Bestreben der Zeit in denselben Hafen
einlaufe, in welchen auch die Bestrebungen der großen Künstler einliefen. So werden wir gewiß die
Menschlichkeit befördern, in welcher Kunst ein so wohlschmeckend es Gewürz ist. -

Es ist unmöglich, daß in einer Zeit, wo so wenig zu machen möglich ist, wie in unserer, und wo die Gewalt
der Ideen so groß ist, es nicht ungleich größere Würkung thun sollte, wenn wir ein Werk durch unser Leben
durcharbeiteten, welches mit einer Klarheit und Fülle neue und befriedigende Ansichten über die Naturkräfte
verbreitete, als wenn wir viele Bilder zu machen uns bestrebten, besonders nur, um die Practik in unsre
Gewalt zu bekommen.-Ein jeder ahnet seinen Weg; wer aber ist vermögend, sich über das zu erklären, was
er nicht weiß? Soviel weiß ich aber, daß wir nun in dem Glauben, daß das Licht uns darüber aufgehen
könne, und dadurch, daß wir arbeiten in diesem Glauben und nicht müde werden, das Gute bewürken
können, und gewiß bewürken werden, wenn es dann auch etwas anders wird, wie wir es glaubten; und daß
wir den reinen Willen haben sollen und müssen, dies Gute, das durch unendlich verschiedene individuelle
Ansichten bewürkt wird, auch für das Gute zu erkennen, wenn auch unsre Arbeit und Mühe darin
verschwinden sollte.

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--Außer dem, daß ich daran bin, mir Studien für die Ausführung meiner Skizzen zusammen zu arbeiten,
finde ich mich täglich angetrieben, aufmerksam auf die Gedanken zu seyn, welche über die Farben
erscheinen, und mich mit Allen in Verbindung zu setzen, welche diese Sache von einer Seite allgemein
auffassen. Goethe wird seine Theorie (oder Abhandlung) wohl schon fertig haben, welche Theorie ich nicht
unterlassen werde, in Gutem und Bösem, mit ihm oder öffentlich zu verfolgen, so daß etwas darnach
konmen muß. -

1,230
Ich habe jetzt Abdrücke von meinen Skizzen machen lassen; sie werden nächstens angezeigt werden. Wenn
Sie darüber zu sprechen kämen, bitte ich, die Sache als einen Versuch zu entschuldigen, den ich indeß
durchzuarbeiten mich verbunden halte.
[zu den Tageszeiten]


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