Philipp Otto Runge
An Friedrich Perthes
An Friedrich Perthes
+Liebster Perthes
Daniel schreibt an Jacob, daß Ihr euch sehr über mich beklagt habt, daß ich euch so ganz vergesse das thut mir nun sehr leid daß Ihr das denkt, ich habe grade diese letzte Zeit recht von herzen an dich gedacht und wüste auch nicht wie ich auf hören könte, das solte ich mir nun freylich merken lassen und das das nicht geschehen ist, ist gar vielerley schuld und ich mit, wir haben den Sommer die P:(reußen) an der Grenze #318 gehabt, jetzt die fr:(anzosen) und also immer ein doppeltes interesse, welches eben nur so interessant ist, daß es eben langweilig werden will und nicht dazu kommen kann, und wenn man ein mahl die Nase aus dem Thore steckt so denkt, sagt, oder hört man: mich soll wundern etc., ich will es übergehen wie unsere herzen zerrissen sind über die Begebenheiten, beyde der Welt und unserer famielie, über die Angst für die auswärtige Gefahr und die persönliche, die jeden Augenblick da war, und es ist nicht vorbey, ich hab an mich gebessert, Corrigirt, Vorsätze gefaßt und adrettirt ohne Ende u. aufhören, ein mahl bin ich zu Klinkowström #319 geritten, mir war als solts in den Krieg wie ich das Pferd unter mir hatte, ich ritt drauf los, biß ich den Wolf weg hatte und mich darüber zu beklagen wäre nichts lächerlicher, als wenn ich mich über meine jetzige verworrene Lage beklagen wolte, wie gehts andern? man muß sich schämen.
ich kann mirs woll vorstellen, daß ihr verdrißlich auf uns seyd, wegen den Nichtschreiben, hoffe aber doch, daß du uns einmahl ordentlich sagst wie die Kinderchen sind, besonders die kleinen,+ Pauline wird ihr Herz woll wegen den Siegm: an Caroline ausgießen, der junge ist wie ein hanswurst, und ich glaube, er wächst darin deinen Mathias über den Kopf, sonst äußerst fix und seine hände wird und soll er gebrauchen lernen, wo zu sie gut sind.
Nun +über meine Arbeiten, wie ich fortschreite, darüber kann u. mag ich nichts sagen, das zeigt sich besser, ich suche mich gebrauchen zu lernen,+ für Billroth #320 in Gr:(eifswald) habe ich seine schwester gemahlt, den alten Pastor hier #321, Vater und Mutter, dann hatte ich einige leute unter mahlt, die ich damahls mitnehmen wolte für mich und Dl: Der soll sie schon gelegentl. haben mit mehrerern, jetzt habe ich eine ziemlich große Composition zu Kosegarten seiner Capelle untermahlt #322, ein Mondscheinstk, du wirst auch schon wissen, die Mine Hellwig #323, die sehr hübsch, ja schön ist, hab ich auch untermahlt im Rain stück mit einem Hintergrund, welches mich sehr freut, nun bin ich bey Paul(ine) und Siegm(und) zu untermahlen, für mich um etwas fertig zu haben ich werde fertig machen und mehr anfangen, +über Arbeiten und Entwürfe sag ich nichts, wie soll ich auch Pläne darin machn, und jetzt, mir steht unser D(anie)l und sein Haus zu lebhaft vor, ich kann selbst über diese Vorstellungen dir kein Wort sagen, es ist vielleicht alles anders, (wie) wirs uns gedenken. ich verspreche dir nicht fest zu wachsen und fertig zu seyn, wenn uns die Hände nicht mehr gebunden sind, zum Handeln.+
Vieleicht kömmt jetzt bald die Zeit wo wir die Mecklenburger wieder sehen werden und erfahren wie es ihnen geht; Gustav haben wir recht erst kennen gelernt, Caroline würde sich über sein ritterliches Wesen freuen. Carl hat es woll itzt wieder schlim. Das Hauptquartier ist in Friedland, in Anklam ists entsetzlich und noch nicht zu Ende #324. +Klinkow:(ström) grüßt euch alle viel tausend mahl, er ist sehr wacker, ich habe eine große Sehnsucht nach Dr:(esden) durch ihn gekrigt und auch so, seine Copie von der Nacht ist noch verloren, es ist sehr schmerzlich, es ist schade daß er so gebunden ist, er ist nur erst einige stunden bey mir gewesen. neulich ging ich von greifswald zu ihm, ich nahm zu Kenes #325 eine halbe Meile von L:(udwigsburg) einen bauer, der mit mir hin reiten muste, es war hoch wasser und frost wetter den andern Tag noch, wir waren am Seestrand, der Wind war stark und stand grad ans land, viel schwäne waren auch da, es war ganz herlich, es wird uns nur bald an farben fehlen, ist es in dieser Zeit möglich, daß wir durch deine Güte einiges v. Dr(esden) und Leipzig kriegen könnten?
Grüße an Besser, die alten, die Mama und die beyden Kinder, in Wandsbeck von ganzen herzen, ich wünsche euch gesundheit und viel freude, ich schicke Caroline hierin etwas, worin sich eine gewisse Ader kürzlich bey Gelegenheit, bey mir ergoß ich grüße Caroline recht von herzen grüße alle bekante u. freunde, auch Hertrich+
dein Otto
+Es blüht eine schöne Blume, in einem weitem Land
die ist so seelig geschaffen, und wenigen bekant
Ihr Duft erfüllt die Thale, Ihr Glanz erleuchtet den Wald,
Und wenn ein Kranker sie siehet, die Krankheit weichet bald
wo kömmt im Morgenwinde, die blitzende Sonne her
was glüht am kühlen Abend, auf Bergen Wolken und Meer
die Bäche und Seen erglänzen, im klaren Mondschein
Im Himmel sind unsre Hütten, drin glänzen Sternelein
drey Könige kamen gezogen, zu einem Heiligtum
der Stern stand über dem Hause, drin lag die süße Blum,
Wenn ich zwey Augen erblicke, die funkeln hin und her
So wünsche ich daß im Herzen, die(s) süße Blümlein wär!+ #326
318 | Die Preußen hatten ihr Lager, es war vor allem der preußische Troß, auf Usedom.
319 | v. Klinkowström war zu Hause auf Schloß Ludwigsburg bei Greifswald.
320 | Professor Schildener schreibt dazu in einem Aufsatz seiner Greifswalder Akademischen Zeitschrift: ... Hier in Greifswald besitzt unter andern der Herr Bürgermeister Dr. Billroth ein Brustbild seiner Schwester, welche Gattin des Kaufmanns Bartels in Wolgast und von Runge während seines dortigen Aufenthalts trefflich gemahlt ist, einige Härte darin abgerechnet, die wohl aus R.s Vorliebe für altdeutsche Kunst herrührt. " (Aufforderung zu Nachforschungen über Künstler und Kunstwerken in Pommern, nebst Versuch eines Verzeichnisses derselben in Greifswald, Greifswalder Akad. Ztschr. Bd. II, Heft 1, 1826, S. 64.) Das Bildnis ist verschollen.
321 | Das Bildnis ist ebenfalls verschollen.
322 | Der Petrus auf dem Meer" (Hamburgische Kunsthalle). Kosegarten behielt einen Jahrhunderte alten Brauch bei, er hielt auf Wittow seine berühmten Uferpredigten zur Zeit der Heringsschwärme. Die Fischer konnten dann nicht aus Zeitmangel nach Altenkirchen zur Kirche kommen, und der Pfarrer kam zu ihnen. Durch die oft starken Herbststürme und Unbilden des Wetters veranlaßte Kosegarten den Bau einer Uferkapelle, zu der Runge Kosegarten eine Komposition versprochen hatte. (Vgl. H. Franck, G. L. Kosegarten, Halle 1887, S. 206 f.) Auch Klinkowström hatte sich gedanklich mit einem Altarbld hierfür beschäftigt, er schreibt am 7. August 1806 an Runge aus Dresden: ... Kosegartens Kirche kann recht hübsch werden. Ich hatte diesen Sommer auch schon einen Gedanken wegen des Bildes darin. Nämlich hier ist unter den Rasaelschen Tapeten das schöne einfache Bild, wo Christus im Kahn der Brüder Simonis fährt und sie den gesegneten Fischzug thun. Er hätte sich füglich alla prima machen lassen und könnte bei einer gewissen rohen Größe einen guten Effekt machen. Allein mir fehlt die Zeit, sonst hätte ich es gern umsonst machen wollen. " (H. S. II, 315). Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß Goethe inhaltlich bereits auf den Vorwurf Runges hingewiesen hatte. Er schreibt unter Zu malende Gegenstände": Nun aber zum Heiligsten überzugehen wüßte ich in dem ganzen Evangelium keinen höhern und ausdrucksvollern Gegenstand als Christus, der, leicht über das Meer wandelnd, dem sinkenden Petrus zur Hilfe tritt. ... (Vgl. Hubert Schrade, Die romantische Idee von der Landschaft als höchstem Gegenstande christlicher Kunst, Neue Heidelberger Jahrbücher, N. F. 1931, S. 31 f.).
323 | Wilhelmine Hellwig, verh. Freifrau von Langermann. Das Oelbild befindet sich im Besitz des Museums der Stadt Stettin, abgeb. bei Böttcher, Tafel 59.
324 | Die Franzosen hausten in Anklam.
325 | gemeint ist Kemnitz.
326 | Runge hatte im Juli 1805 in Hamburg schon eine Federzeichnung der Könige geschaffen, die in einer heiteren Morgenlandschaft ihrem Ziele zuschreiten, die Blicke himmelan gerichtet, wo ein Engel den wunderbaren Stern wie eine Fackel vor ihnen hin trägt." (Vgl. H. S. I, 249.) Das obige in Wolgast gedichtete Lied vertonte Louise Reichardt nach seinem Tode.
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