Philipp Otto Runge
An Goethe
An Goethe
Ihren werthen Brief empfing ich über Hamburg,
wessen ich mir in dieser Zeit nicht versehen hatte. Es ist mir eine sehr angenehme Empfindung, Sie durch
eine Kleinigkeit zu einer ruhigeren Stimmung geführt zu haben, wenigstens dadurch die Veranlassung zu
solcher gewesen zu seyn. Es war für uns nicht mehr zu risquiren, nach H. abzureisen wir sind also noch
auf einige Zeit hier. Es freut mich nun, da wir doch auch mehr wie schon geschehen von dem Kriege werden
zu leiden erhalten, zur Stütze meiner Eltern und Geschwister hier zu seyn; wie leicht ist der Wohlstand;einer
zahlreichen und blühenden Familie, vielleicht in wenigen Tagen, in die drückendste Armuth verwandelti Sie
können sich vorstellen, da unsre zerstreute Familie allenthalben ein hartes Los trifft und treffen wird, wie ich,
der ich durch die Großmuth derselben sonst frey für die Kunst und so wieder für Alle leben konnte, indem Ein
Bestreben uns alle verband, mich nun eben so sehr für sie hingeben muß; da mich also jetzt die Sorge für
die Existenz des Ganzen eben so sehr beschäftigt, wie die ganze Familie, so muß ich auf Zeiten hin die
Kunstausübungen bey Seite setzen, um für die Erhaltung und den Erwerb der nächsten Bedürfnisse zu
sorgen. Da ich auch nicht einmal wissen kann, ob dieser Brief Sie trifft, oder ob es mir möglich seyn wird,
vorerst wieder an Sie zu schreiben, so bitte ich Sie, wenigstens unter Ihren nächsten Umgebungen mich
nicht ganz zu vergessen, und sollten Sie in ruhige Lagen kommen, sich auch einmal zu erinnern, daß ich
mich von Herzen bestrebt habe, mich für den lebendigen Einfluß der hinunlischen Kunst thätig zu zeigen;
unterdessen werde ich für mich, wenn Gott es will, vollkommen auf alle Würkung resigniren, in dem
gewissen Glauben, wenigstens als stiller Zuschauer unter den Geistern der Künstler zu sitzen, oder wie eine
erdrückte Pflanze noch wenigstens zu der Gattung zu hören. Ich halte mich indeß von dem Schicksal noch
nicht für überwunden, und werde alles zusammenhalten, um mich des Unterliegens zu erwehren.
Von den 4 Kupferblättern habe ich noch 2 Abdrücke, die Ihnen à 1 Friedrichsdor gerne zu Dienste sind; es
sind nicht mehr wie 25 Abdrücke davon gemacht, und in dieser Zeit möchte keine Speculation danüt seyn.
Ich hatte diesen Winter vor, in Hamburg das erste dieser Blätter zu mahlen, und ich werde mich auch nicht
beruhigen, ehe ich sie alle gernahlt habe; vielleicht würden Sie dann, indem zu diesem Endzweek die
Composition umgearbeitet werden müßte (im Ganzen aber doch so bliebe) durch eine größere Einheit des
Ganzen, wie durch den Gegensatz der Töne dieser vier Bilder; sich mehr angesprochen fühlen. Dieser [Der]
Gegensatz der Töne war es [ in den vier Tageszeiten. s. 1,265 ], worüber ich Ihnen noch gerne etwas mitgetheilt hätte, sowie auch einige Skizzen und allgemeine Ideen über den Ossian, die vielleicht nicht
gradezu zur Würklichkeit gekommen wären, die aber zur würklichen Erscheinung der schon berührten
Farbentheorie vielleicht am meisten den Weg bahnen. Es ist nun keine Zeit, daß ich mich einmal so viel
allein haben und sammeln kann, um Ihnen zu schreiben; es sollte mich aber im höchsten Grade erfreuen,
wenn ich in Ihrer Farbentheorie diese Erscheinung berührt finden sollte. Ich habe in Hamburg noch ein
angefangenes Bild, welches die Flucht nach Aegypten ist; ich würde Ihnen, um Sie wenigstens damit bekannt
zu machen, gerne die Zeichnungen davon mittheilen, so, wie die Skizzen von mehreren Sachen, die ich noch
angefangen [ Lücke bei Daniel]
Da ich wenigstens den Winter hier bleiben mußte, jetzt vielleicht länger, so hatte ich für diesen Winter vor,
eine ausführliche Skizze in Öl auszuarbeiten von einem Bilde, welches in der Kapelle aufgestellt werden soll,
welche Kosegarten auf Arkona angefangen. Ich bin schon ziemlich in der Koposition fertig, es liegt nun bei
andern. Es ist die Erscheinung Christi, wie er zu Petrus sagt: Du Kleingläubiger, warum zweifelst da ? Es
ist im Mondenschein, und da das Ganze in einer ansehnlichen Größe fürs Gebäude ausgeführt werden
sollte, auch das einzige [ Gemälde] darin sit, so würden manche imposante Erscheinungen, die der Wogen
und des Mondenscheines, des Stürzens des Schiffs, welche mit den nächsten Umgebungen der Natur im
Einklang ständen, zusammenzufassen sein. [1,348]
Zu meinen Trost habe ich diesen Winter einen Freund in der
Nähe, der diesen Sommer in Dresden die Nacht von Correggio kopiert hat, der jetzt ein gleiches Schicksal
mit mir hat; es ist F. A. v. Klinkowström; seine Sachen, sowie das Bild selbst, sind aber wahrscheinlich
verloren. Sollten Sie irgend etwas davon hören, so bitte ich es für mich zu bemerken. Ich glaube. daß die
Kopie, wenn vielleicht auch nicht in der Vollendung, doch in Hinsicht des Effekts und wie die Mahlerei darin
genommen, sich für andern sehr auszeichnet, und ist vielleicht der erste Anfang, der in Dresden gemacht ist,
ein Bild durch die Kopie verstehen zu lernen. Es ist überhaupt erbärmlich von den Malern, daß sie dem
Bildhauer nicht auf dem Gedanken folgen, der, wenn er etwas kopiren will, nicht bloß die Form nachmacht,
sondern bestimmt durch die Notwendigkeit, die durch die Anatomie beides, Form und Bewegung erhält,
welche zusammengefaßt sind durch den Ausdruck sowohl, als in der Physiognomie der Formen, der, sage
ich, sich hierdurch völlig durch Modelle vorbereitet und dann erst imstande ist, den Gegenstand recht zu
fassen.
Wenn so die Maler den Correggio faßten, so würden sie ein so großes Wunder erblicken, daß ihnen die
Schläfrigkeit vergehen würde, womit sie daran gehen und so sich mit den Abschreiben schänden. Ich
wünsche von Herzen, daß Sie sich wohl befinden und daß ich so glücklich sein möge, bald wieder etwas von
Ihnen zu hören. So mögen denn die trüben Tage, nachdem sie überstanden sind, mich mit größerer Freude
zu einer Thätigkeit zurückführen, die für mich der einzige Wunsch gewesen ist. Ich empfehle mich Ihren
Andenken.
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