Philipp Otto Runge
An Daniel
An Daniel
--Ich habe mich sehr in dieser Zeit zu euch gewünscht,
um doch das mit erlebt zu haben und sehr gern wäre ich noch den Winter bey euch; es geht aber nicht an,
von hier zu gehen, ehe alles überstanden ist, denn ich kann nicht wissen, wie sehr es nothwendig würde, hier
zu seyn. Gott behüte euch nur vor einem großen Unglück, so wollen wir uns bis auf Wiedersehen in Geduld
fassen!Von Klinkowström soll ich dich und euch alle sehr grüßen. Er ist allein bey den Leuten seines Vaters
in Ludwigsburg und schreibt mir vieles, wie er betrübt ist, und wie alle Aussichten für die Erfüllung des
Bestrebens verloren sind; und daß zwar in Zeiten wie diese die Völlendung in der höchstmöglichen
Vollendung der Erkenntniß in der Kunst bestehe, zweifelt aber, ob wir in dieser Erkenntniß zu einemSchluß
gelangen können. Ich glaube, er ist zu einsam; ich wollte, er hätte und machte sich etwas zu thun, denn
solche Arbeit macht nur unglücklich. Alles Kunsterregen kommt mir am unrechten Ort angebracht vor; wie ich
aber der Existenz meiner Erkenntniß gewiß bin und sie in mir für mich allein zur lebenden Würkung
befördere, so soll auf die äußere Würkung von mir in solcher Zeit zwar resignirt werden: da wir jedoch die
rechte Zeit, die kommen wird, eben so wenig wissen, als die, wann der Keim, der in dem Schoos der Erde
liegt, seiner Erlösung nahe ist, so wäre es unrecht, das Gewehr in den Graben zu werfen und, um nicht
unthätig zu seyn, etwas andres zu ergreifen; denn das ist keine Unthätigkeit, wenn wir streben die Existenz in
unsrer Individualität so groß zu machen, daß wir, wenn wir unter die Geister der großen Künstler versetzt
würden, dort, vielleicht nur schweigend, unter ihnen sitzen dürften, aber doch als nothwendig zu ihnen
gehörten.
Ich werde mich diesen Winter sehr bemühen, das Bild für Kosegarten's Capelle recht auszuarbeiten und
durchzugehen. Ich wollte nur, ich hätte einige recht große Tuschpinsel. Die Zeit geht so geschwinde, daß
man nicht stille seyn kann. Ich schreibe bald mehr. Grüße Alle mit und von mir. Dein 0tto. Ich hätte nicht
gedacht, von Goethe jetzt einen Brief zu erhalten. Es ist stark!
Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_03_bvr_1806_11_29
