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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,324 # 1. November 1806

An Daniel


Liebster Daniel! Es geht hier unerhört zu und du wirst dir
unsern Zustand sehr leicht deutlicher vorstellen können, wenn ich dir sage, daß die Bagage von der ganzen
Preu13ischeu Armee bey Auerstädt hier ist, zum Theil auch schon hinübergesetzt nach Uesedom, wo sie
nun, da die Franzosen durch Stettin vorgedrungen und bey Uekerniünde über die Oder gegangen sind, doch
denselben in, die Hände fallen wird. Hier ist fast kein Brod zu haben; die Pferde fressen den Dr --von den
Straßen, und das beste Reitpferd mit bestem Sattel und Zeug ist für ein paar naler zu kaufen; es sind über
tausend Wagen und dreytausend Menschen und doppelt soviel Pferde hier; das ganze Wolgaster Feld, die
Stadt, Vors tadt und Schloßplatz, alles hält voll. Sie machen sich Feuer von den Wagen, und alles hat zum
Fähren über die Peene dienen müssen; ich und Jacob haben den ganzen Tag auf Flößen und Stettiner
Kähnen commandiri.Von David haben wir gestern über Treptow Nachricht, daß der Neubrandenburger
Werder noch von Durchmärschen verschont war; sonst sind sie im Strelitzischen rundum eingeschlossen
und erwarten, was da kommen wird. In Neubrandenburg selbst und in Friedland ist alles durchinarichirt; die
Franzosen sind in Anklam und Demmin, das Schwedische ist bisher von ihnen nicht betreten, aber die
öffentlichen Cassen werden hier eingezogen. Ich will von dem Schrecklichen, was diese braven Preußen
leiden, nicht viel sprechen, die gradezu, ohne eine Nacht geschlafen zu haben, von Auerstädt auf
fürchterlichen Umwegen hergekommen; es ist so schauderhaft, daß man Tag und Nacht weinen möchte. Es
ist eine unerhörte Confusion, und im höchsten Grade respectable für die Leute, daß alles noch so ruhig
abgeht, da jeder einzeln ist, nicht die geringste Aufsicht darunter und dieofficiere ihnen inanklam gesag
thaben:"GehtzumT , wenn die Regimenter fort sind, mag die Bagage auch der T---holen !

Daß Einige hier eingepackt haben und zu Schiffe fort sind, wird Vater dir wohl sagen. Gott lasse uns nicht
ganz verderben und helfe euch auch dort diese schwere Zeit überstehenl Von Klinkowstrüm habe ich gestern
Abend einen Brief aus Ludwigsburg; er ist dort, glaubt aber, daß seine Sachen und sein Gemählde verloren
sind. Ich hoffe ihn bald hier zu sehen, er ist sonst ziemlich gefaßt. Ich muß mich nur noch einmal nach dem
ganzen Train ein wenig genauer umsehen, damit wir wissen, in welchem Neste wir sitzen. Gott gebe euch
Allen Trost und Muth; grüße von Herzen unsre Lieben. Es freut mich, daß ich nun hier bin. Gott lasse uns in
Freude wieder bey einander seyn !


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