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Philipp Otto Runge

An Daniel


2,312 # 8. Juli 1806

An Daniel


Ich schicke dir hiebey den Brief von Goethe (vom 2. Juny)und
meinen an ihn (vom 3. JuIy); -ich habe ihm das alles nun einmal geschrieben und es soll wohl so seyn. Ich
habe einen rechten Muth gekriegt, durch die Welt zu dringen, seitdem so kümmerliche Exempel von' der
Feigheit so rechtvor unsern Augen liegen; auch wenn man sich die Haare nur nicht selbst gar albschneidet,
so wachsen sie einem wohl wieder, wie des Simson's seine; so ist es auch mit dem Herausgeben
beschaffen. Du siehst aus Goethe's Brief, was er begehrt (Ausgeschnittnes, Silhouette); es ist doch ein recht
großes Kind darin, welches das Spielen ordentlich wie ein Geschäft treibt; was will man dagegen machen?

Dein lieber Brief ist eigentlich nicht zu beantworten, aber leicht ist es, dir wieder zu schreiben. Ich freue mich
auf ein fröhliches Wiederbeysammemseyn mit dir, hoffe auch noch hier für mich und die Andern manches
gute zu beginnen. Es ist mir eine recht innigliche Freude gewesen, wie Mutter sich an den kleinen Enkeln von
ihrer schweren Krankheit erholt hat und daß Siegmund ihre Aufmerksamkeit so sehr auf sich gezogen, hat
gewiß viel zu ihrer Besserung beygetragen. Nun ist sie recht sehr wohl, und ich bin, als ich von Rügen zurück
kam, darüber erstaunt. Auch finden wir Alle so viele Beschäftigung in einander, daß die Gedanken an alle
ihre Kinder sie gesund machen müssen. Daß du uns alle trägst und getragen hast, das, hoffe ich gewiß,
wird dich wieder tragen. Es ist ein sehr schwerer Punct, Unrecht geduldig zu leiden, wovon dir und uns die
Erfahrung nun so nahe gekommen; aber es ist das einzige Mittel, durch welches man zur rechten Liebe
gelangt, und das Kennzeichen einer rechten Liebe; es ist der Anker, woran ich mein Herz gehängt habe, und
das Siegel auf meynen Mund soll es seyn. Wäre es möglich, daß es nicht der Centralpunct unsrer
brüderlichen Liebe wäre? Auch ist es das, was Andre zu den Unsrigen macht, und mehr braucht es nicht, das
bedarf es aber auch ganz unbedingt. Auch, soll unser Liebesbündniß unter einander bestehen, so müssen
wir diesen Sinn des Unrechtleidens bestimmt in's Auge fassen. Ich hoffe, daß du mich verstehst, weiß aber
auch, unter welcher Bedingung du mich noch mehr verstehen würdest. In allen Mißverständnissen lasse ich
mich auf nichts ein, als auf die Liebe, die da siegen soll und muß, und ich glaube gewiß, daß diese Liebe in
allen Dingen siegen wird.

---Auf Rügen habe ich es sehr hübsch gefunden. Es ist so, daß man es immer alles übersehen kann und
eine sonderbare Empfindung, wenn man die Landkarte so in Lebensgröße zu sehen bekommt und so
hübsch ausgeführt; es ist doch ein gar aninuthiges Ländchen, und ihr müßt nothwendig einmal hin.Die
Radirungen (von Riepenhausen's) zu Tieck's Genoveva sind,v,orik~ Post an dich zurückgegangen. Mit
Sachen, die so wenig Aüsführung wie diese haben, ist's doch nichts, wenn nicht der Gehalt in Beziehung auf
andre Dinge, wie bey den Hetrusken außer denselben, oder wie bey Flaxman in der geistreichen
Gegeneinanderstellung und Bewegung inwendig liegt. So bloß nichts mehr und nichts weniger als was da ist,
kann ich nichtloben, und das hie und dagelungene ersetzt die Langeweile nicht.


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