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Philipp Otto Runge

An Carl


An Carl Wollgast d. 18 May 1806

An Carl


Wollgast #275 d. 18 May 1806
Liebster Carl
Es ist nicht möglich, daß wir Euch unsre Angst und Bekümmerniß um unsre liebe Mutter verbergen können, die Krankheit hat jedesmahl mehr zugenommen und Ihre Kräfte nehmen ab, über Nacht ist sie sehr schlimm gewesen M:(rieken) weckte mich heut morgen um 4, die Arme Mutter hatte eine solche Angst und Hitze im Blut, daß wir alle augenblicke meinten, sie würde sterben, und unser aller wunsch war, daß ihr es wissen mögtet ob ihr sie sehen mögtet, den(n) wir wissens nicht und könnens nicht wissen ob Gott sie zu sich nimmt, heute ist sie ziemlich gewesen und hat gut geschlafen, auch verschiednes gegessen, sie ist jetzt aber schon wieder unruhig. #276 Die Uhr ist 6, und wir wissen nicht ob das fieber nicht wieder anfängt, Gott helf uns selbst beten und erfülle unser Gebet, wenn ich an unsern lieben Daniel denke #277, so mögte ich auf die Knie fallen und weinen, wolte Gott ich könte bey ihm seyn so sehr gerne wie ich hier bin, Vater scheint noch nicht so viel zu fürchten, das ist uns auch erschrecklich, er ist aber sehr nieder geschlagen, wenn Schwester Hellwiegen die Kinder zum fest haben will, so muß sie doch wol jemanden mitschicken, der sie couragirt, Wolte Gott, daß der, der von Euch kömmt, sie in der besserung findet. sey aber doch vorsichtig unsern Gustav diese Traurige Nachricht zu sagen, Vater und Jacob werden auch wol schreiben, ich hab dir gesagt wie es ist und werde Vater diesen Brief nicht sehn lassen, o liebster Carl, was können wir wollen, wenn uns unser Schicksal so nahe tritt, ich war so grimmig auf den S:(onnenschmidt) durch den unsre Mutter so geärgert ist, wie ich aber heut Morgen bey unsrer Mutter stand, ich hab die buben vergessen, dieser schlag kömmt uns von Gott, ich mögte mich im Staub verkriechen wir müssen alle dahin und unser Zorn ist ein wind der Zorn Gottes aber verschone uns in Ewigkeit!

Grüße und Küsse unsern David, Gustav, Hellw.(ig) u. die Frauen.

Ewig Dein Otto

275 | Ende April siedelte Otto mit Pauline und Siegmund nach Wolgast zu den Eltern über.

276 | Die Mutter Runges war aus Gram über die Schicksalsschläge, die die gesamte Familie durch die Nöte betroffen hatte, ernsthaft krank geworden, so daß Runge auch mit seinem begonnenen Elternbildnis warten mußte (vgl. H. S. II, 501).

277 | Der Zusammenbruch der Handelsgesellschaft war Tatsache geworden.


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