Philipp Otto Runge
An Dr. Schildener in Greifswald
An Dr. Schildener in Greifswald
Sie sind sehr gütig, daß Sie so große Stücke
darauf geben, etwas von nielner Arbeit haben zu wollen, und ich verkenne das Gute nicht so sehr, daß ich
nicht das Mögliche thun sollte, um Ihnen zu dienen, so bald ich kann. Im Ganzen ist am meisten daran
hinderlich, daß ich mich für diesen Winter auf eine Reihe von Portraits eingelassen habe, welches zum Theil
Conipositionen sind, und mir also kaum soviel Zeit übrig lassen werden, daß ich die Untermahlung beendigen
kann. Und hiernächst sind meine Gedanken mit der größten Sehnsucht auf eine größere Arbeit gerichtet,
wozu ich mich gerne würdig vorbereiten wollte. Dieses wäre allenfalls ein Geheimniß, doch im Ganzen nur
so. lange, bis wir uns sprechen, weil es mir scheint, daß man Mißverständnissen aus dem Wege gehen muß,
die einem an Leib und Seele schaden können, und nicht das geringste nützen, (allenfalls nur der Eitelkeit
schmeicheln könnten, wenn man Andern mit einer Menge von Ideen, die noch in petto sind, die Ohren voll zu
schlagen sucht, da es für einen Mahler doch bloß auf die Augen ankommen sollte, -aber bewahre:
schlagen ! -) -Sie fragen, ob ich den A b e n d (Quelle und Dichter) werde liegen lassen ? Keineswegs, aber
das sollte ein Bild grade für Sie werden, nur anders; worüber ich auch stillschweige, weil ich glaube, es
mündlich Ihnen besser bedeuten zu können, weil das schriftlich nicht recht geht. -Man erhält oft, wie eine
Erleuchtung von Gott, plötzlich ein Licht über das Unbefriedigende, das in einem Werke liegt, worüber man
als Enthusiast hinweg gesehen hätte. So schlimm es nun wäre, diesem Lichte nicht zu folgen, eben so übel
wäre, zu früh vernünftig darüber zu werden und das Kind mit dem Bade zu verschütten. Mit aller Vernunft ist
nicht das geringste zu erschaffen, wie im Enthusiasmus nichts rein zu erkennen.
-Erlauben Sie mir die Frage, ob nicht Copien von bekannten Stücken Sie interessiren? ---Ich weiß nicht,
wie Sie von Copien von weiblicher Hand denken. Ein Mann copirt zwar bestimmter, aber auch individueller;
eine Frau ist dagegen rnatter, aber mehr den Eindruck des Originals gebend. Sollten Sie hierauf reflectiren,
so würde ich Ihnen gar nicht abrathen, besonders nicht von dem ersten der eben genannten Copisten, denn,
das Original ist vollkommener da; an der zweyten aber wieder im Original die Individualität am
schätzenswürdigsten.--
Es würde mich sehr freuen, wenn Tieck bald mit der Herausgabe des Nibelungenliedes zu Ende kommen
sollte. Sollten Sie die Müllersche Sammlung von Altdeutschen Gedichten erhalten haben, so beneide ich Sie
darum. Es ist etwas so Großes und Gewaltiges in dem lezten Schicksale der Nibelungen, daß man es mit
dem Kampfe in jetziger Zeit in seiner Verworrenheit, Hülflosigkeit, Schuld und Unschuld in Vergleichung zu
setzen nicht unterlassen kann. A propos, was halten Sie vom Ossian und sind Sie wohl darauf gefallen,
durch alle Gedichte hindurch sich den Gang des Fingal's als Ein Leben zu denken?
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