Philipp Otto Runge
An Dr. Schildener in Greifswald
An Dr. Schildener in Greifswald
Lieber Freund, es ist einen Monat her, seitdem ich Ihnen zwey Zeichnungen sandte und Sie bat, mir
dieselben bald zurifekzusenden, weil ich sie mahlen wollte. Es hätte soviel nicht auf sich, wenn ich nicht
durch die Verzögerung etwas in meiner Lebensordnung beunruhigt würde, da ich mir (gegen meine Natur)
vorgenommen habe, nichts anzufangen, das ich nicht fortgehend ausführe. Da diese beiden Zeichnungen
nun bestimmt in meinem Plan liegen, und ich, ohne solche fertig zu haben, in meinen größeren Entwürfen
nicht fortfahren kann, so macht es mir jetzt eine Lücke, die mich verleiten könnte, wieder etwas Neues
anzufangen, welches mir, nicht gut ist. Ich bitte, meine Anforderung nicht übel zu nehmen, zweifle auch nicht,
daß Sie die Zeichnungen zur gehörigen Zeit erhalten .haben, und verspreche Ihnen, wenn ich sie
zurückbekomme, gleich anzufangen und die Blätter diesen Sommer zu fertigen., Sollten die Zeichnungen
Ihnen nicht gefallen haben, oder die Gedanken nicht, so geniren Sie sich nicht und schreiben es mir. Man
kann am Ende nichts anders, als was man kann, und vielleicht mache ich einst noch etwas Besseres, wann
ich mehr zu Verstande komme.
Auch hätte ich Lust,
diese beiden Stücke, wann ich sie fertig habe, nebst einigen anderen zur Ausstellung nach Weimar zu
senden, theils, weil ich es Goethen versprochen, theils andrer Ursachen halber, die ich Ihnen künftig deutlich
machen kann, doch ist dieses noch ungewiß. Es mögen viele gegen die drey Kunstfreunde in Weimar, ihr
Institut, ihre Aufgaben und Urtheile, sehr viel einzuwenden haben, und ich meines Theiles habe es sehr; doch
ist der Vortheil, den sie stiften, auch nicht zu läugnen, und sie zwingen am Ende die Künstler und Kenner,
ihnen doch einen höheren Standpunct öffentlich entgegenzustellen, wenigstens einen eben so wahren, und
so muß zulezt das Bestreben in der Kunst öffentlich, kräftig und gründlich werden, wie es für die Deutschen
sich ziemt und nicht anders ausfallen kann. Ich hoffe, Sie haben die Briefe von Winkelmann, nebst dem
Versuch einer Kunstgeschichte, die Goethe herausgegeben, in Händen gehabt, und wünschte wohl,
gelegentlieh zu wissen, wie es Ihnen gefällt. Es ist schwer, mit etwas aufzutreten, das wider einen Mann von
solchem Gewicht und anerkannter schöner Natur, wie Goethe ist, zu seyn scheint; doch aber möchte ich bey
Gelegenheit der Ausstellung einiges ihm privatim vorstellen, was sehr zu der Sache gehört, die in diesem
Buche nicht auf's Reine zu bringen gewesen ist; es wird Ihnen vielleicht auch auffallen, daß so wenig die
Rede von Correggio ist, am wenigsten oder gar nicht von dem, was er geleistet; und daß die Kunstfreunde
selbst urtheilen, die Mahlerey sey, wegen der optischen Schwierigkeiten, nicht so anwendbar auf Form und
doch sollen Plastik, Zeichnung und Farbe Ein Ziel haben, nämlich das, was sie Form nennen, ohne daß sie
weiter die Basis dieser verschiedenen Theile berühren, nämlich für die Plastik den Körper, für die Zeichnung
die Fläche, und für Mah1erey die Farbe; der Musik ist gar nicht gedacht, und wo ist die Gränze ? -
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