Philipp Otto Runge
An C. C. A Böhndel in Rom
An C. C. A Böhndel in Rom
Ich denke, lieber Freund, du
wirst bey Empfang dieses Briefes nicht so frieren, wie man es hier haben kann, und wirst dich auch in Rom
von der unbehaglichen Stimmung, in welcher du von Dresden abgereist bist, erholt haben; wo nicht, dich mit
Gewalt aus so etwas herauszureißen suchen, das sich mit dem, was du dort würken solltest, durchaus nicht
verträgt. --Ich möchte dich vor allen Dingen bitten, dich dort um Bekanntschaft mit Leuten zu bestreben, die
Kenntnisse von dem Farbenauftrage in den alten Bildern, oder die gewisse Behandlungsarten haben, und
dafür berühmt sind, weil mir sehr scheint, daß es dir da mangelt, und dies doch viel von der Art herkommt,
wie man so aus sich selbst soll mahlen lernen, ohne vorher belehret zu seyn, wie und was für Effecte
herauszubringen sind. Besonders will ich dich bitten, dich an Solche anzuschließen, die viel vom Lasiren
halten, um die Vortheile abzunehmen, die für dich daraus entspringen würden, wenn du bestimmt einsehen
lerntest, daß das gebrochen oder ungebrochen seyn der Lichtstrahlen übereinkomme mit dem Fernen oder
Nahen, dem Durchsichtigen oder Undurchsichtigen der Farben, und die Lasur etwas seyn könne, was
zwischen uns und die Sache gebracht wird, und daß, wenn du sie aus durchsichtigem Roth, Blau und Gelb
mischest, es eine völlige Luftdistanz ohne Farbe giebt. Es möchte dir vielleicht nützen, wenn ich dich einige
Farben kennen lehre, die du dort gewiß habhaft werden kannst; als z. B. Asphalt oder Judenpech: dieses
stoße klein, löse es in Terpentingeist auf, und gieße es durch ein Tuch, so kannst du es mit Firniß
verdünnen, wenn du den Spiritus etwas hast verfliegen lassen. Wenn du Mastix in Terpentingeist auflösest,
daß es etwas dick bleibt, so vermische dieses mit einem Quantum Oelfirniß und du hast den besten Firniß,
den du zum Retouchiren und Lasiren gebrauchen kannst. Den Oelfirnis kannst du dir sehr leicht machen,
indem du Silberglätte unter Leinöl oder Mohnöl schüttest, dieses in die Sonne,
stellst und drey oder vier Tage nacheinander täglich zweymal umschüttelst; so schlägt die Silberglätte nieder
und der Firniß wird stark und immer weißer werden; er trocknet mehr, je mehr du Glätte dazu thust. Ich
denke, du wirst dich wohl dabey befinden. So wenig du, nach deinem Briefe zu urtheilen, in der rechten
Stimmung abgereiset bist, wird doch die Masse von herrlichen Werken der Väter dich ergreifen, daß du von
dem feindseligen Schlafe erwachst, der dich gefangen hielt. Das ächte Bestreben zielt gewiß nicht zum
oberflächlichen Machen oder Wissen, sondern zum Seyn und Können, und das Reich Gottes ist nicht Essen
und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem heiligen Geist, und es ist nicht genug, daß wir
die Welt verachten, sondern wir müssen dann auch dafür etwas Besseres achten, sonst gehen wir dem
Bösen gradezu in den Rachen. Etwas Nathürliches thun ist immer besser, als gar nichts thun. Ich bitte dich,
Lieber, halt' an dich und sey fleißig, soviel du kannst; verachte keinen Künstler, den du so anders arbeiten
siehst, und siehe zu, was für nützliche Dinge vielleicht in ihm für dich verborgen sind. --Mir geht es recht
wohl, obgleich ich sehr in mir arbeiten muß, und mir, wenn ich mir vernünftig die kommende Zeit überlegen
wollte, und die Kräfte, die ich nur habe, dabey denke, um Frau und Kind die Haare zu Berge stehen; aber die
Lust hinter aller Arbeit treibt mich zur Arbeit, und Gott wird mich nicht verlassen.
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