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Philipp Otto Runge

An eine junge Freundin


2,284 # im 12.Mon. 1804

An eine junge Freundin


---Ich habe deinen X. in ... getroffen und freut
mich sehr, daß ich ihn habe sehen und sprechen können. Ich kann dir sagen, daß er mir sehr gef allen hat
und ich nur wünschen möchte, ihn mehr sehen und sprechen zu können, denn ich glaube, daß es ein sehr
guter Mensch ist. Sieh', liebes Kind, wenn ich, wie ich aufrichtig thun zu wollen dir versprochen habe, dir
sagen soll, wie er mir gefällt und vorkommt: Es ist ihm doch einigermaaßen so wie mir ergangen. Ihm ist
nicht unbekannt, wie es in der Welt zugeht, wie den Menschen im Großen und Kleinen, in den meisten
Verhältnissen zu muthe ist, und wie es darnach geht, ob man leichtsinnig oder trübsinnig die Welt ansieht,
und daß fast aus allem nichts herauskommt und uns nichts befriedigt, und da sehnt sich seine Seele heraus
nach einem Herzen, das ihn verstehe und ihn liebe, --denn es ist doch nichts so köstliches zu finden und wir
können so glücklich seyn, wenn nur die Liebe immer bey uns bleibt. --

Ich kann und will dir nicht rathen, was du thun sollst. Das kannst du nur selbst und mußt du auch nur selbst;
nur möchte ich dir sagen, wie ich über einiges denke, das mir von seinem Verhältniß bekannt ist. Er sagte
mir, du würdest für nichts zu sorgen haben, keine Wirthschaft zu führen, in Summa nicht viel zu thun haben.
Liebes Kind, laß dir das von ihm deutlicher machen, es ist ein gefährlicher Punct. Verstehe mich recht, ich
meyne, du mußt doch viel zu thun bekommen; müßig seyn ist die größte Versuchung und das größte Elend,
das ich kenne. Sieh', ich glaube zwar nicht, daß dir das eigentliche Arbeiten so nothwendig ist wie dieser oder
jener ändern; aber habt ihr euch einander recht lieb, so ist's euch doch grade am nothwendigsten. Mein
Glaube ist: unsre Vereinigung in diesem Leben hat doch ihre Gränzen, es ist dem Menschen ein Ziel
bestimmt und gesetzt; aber unsre Sehnsucht zu einander hat keine Gränzen, und das ist mir die
Prophezeihung, daß wir uns einst noch näher kennen werden. Aber daß wir durch unsern Leib, durch die
Sorgen des Lebens gehindert werden, immer beysammen zu seyn, das macht unsre Sehnsucht größer und
breitet unsre Liebe über alles aus, was wir unter Händen bekommen, und so bringen wir am Schlusse jedes
Tages dem Geliebten die ganze Fülle der in uns lebendig gewordenen Gestalten. X., denke ich, wird recht
viel zu thun haben, und da könnte es doch nicht gut seyn, wenn du es nicht hättest...

Was soll ich dir noch viel sagen, mein + ? du kennst ihn schon besser, als ich. Behalte aber deine Liebe zu
Gott in dir, in deinem Herzen, denn ohne Gott sind wir nichts. Will er mit dir von ganzem Herzen Gott suchen,
daß ihr Seine Liebe bey euch findet, und daß Seine Güte immer mehr bey euch offenbar werde, so behalte
Gott in deinem Herzen, und ihn. Ich habe aber auch erfahren, daß wir es nicht sind, was wir in einander
suchen sollen und was uns lebendig macht, sondern auf daß wir in uns und in unsrer Liebe je und je Gottes
Liebe lebendiger und deutlicher erkennen, sollen wir nicht uns, sondern durch uns Gott erkennen, und nur in
solcher Liebe zu einander können wir glücklich seyn. Alle Dinge, die wir mit Händen greifen, sind nicht das,
was uns lebendig macht; daß wir aber in allen Gottes Liebe und Barmherrzigkeit erkennen, ist es, wodurch
alles lebendig wird, denn der Geist ist es allein, der da lebendig macht, und der [gesperrt] Entschluß, der dir
den Weg zu Gott versperrt, er mag seyn welcher er will, ist nicht gut. Was du thust, siehe zu, daß du in
allerley Ding Gott erkennst, denn alles andre vergeht, aber Sein Geist, der über uns kommt, erhält uns ewig


lebendig und ist allein der Mühe werth, darum zu arbeiten. Liebe +, ich habe dich von Herzen lieb. Schreibe
mir, wie es dir geht, und bleib' uns getreu, so sind wir doch immer beysamen.

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