Philipp Otto Runge
An Pauline
An Pauline
Mein liebstes Paulinchen
Es freut mich recht sehr, daß du mich noch einmahl schreiben wilst, so triffst du es grade recht, daß ich noch alle Briefe von dir hier erhalte, ich danke dir von Grund meiner Seele für alle deine Liebe, und du kanst nur glauben, daß ich dich gewiß eben so liebe, es ist aber auch nicht viel dabey und du machst es einen auch eben nicht schweer, du Engelskind.
Gestern Morgen bin ich nach Altona gewesen, habe dort Adieu gesagt, auch bin ich bei Paulis gewesen, die Sophie Pauli #218 läßt Caroline Graff sehr grüßen und wir sollen uns noch vorzüglich um sie bemühen, dich läßt sie nebenher auch noch sehr grüßen, es ist mir diese lezten Tage recht fatal hier und wolte Gott, ich wäre nur erst fort. die Reise ist mir auch fatal bis ich von Mecklenburg wegkomme, zu hause muß ich auch wol, aber in dieser Ungewißheit, daß ich immer nicht weiß wie es wird, ist es auch erschrecklich, denn ich sehe das gar nicht ab, was für ein Gesicht ich eigentlich beym Abschied machen soll, wenn die nicht mitkommen. Ich habe recht viel über nacht von der Reise geträumt und von Mr. und St. und von viel Wasser. wenn das bedeutet, daß es zu Wasser wird, so ists sehr deutlich, mich verlangt auch immer mehr nach dir, und es wundert mich garnicht, daß du denkst, ich könte mahl so mit einmahl in die Thüre kommen; geht es mir doch so, wenn ich mahl etwas lange von Hause gewesen bin, ist mirs als müstest du unterdeß gekommen seyn oder so etwas ähnliches sich begeben haben, das ist wol sehr dum, ich kann es aber nicht unterdrücken, wenn es länger dauert, so würde ich krank für Ungedult, es ist recht gut von dir, daß du so munter seyn kanst, ich kann es fast nicht mehr, mir steht es auch so nicht an. ich stelle mir es auch so vor, daß du eben so aussiehst, ich bin gewiß auch eben so geblieben. die leute sagen wol, ich bin magerer geworden, es mag auch wol daran seyn, viel aber ists nicht. ich habe mich seit einigen Tagen nicht besonders munter befunden, nun habe ich wieder einen Schnupfen, nun werde ich aber wieder munter.
für deine Einladung zur Hochzeit danke (ich) Pflichtschuldigst, ich werde so frey sein, vieleicht daß ich in Gr. Hain noch eine gewisse hübsche Mamsel treffe, so werde ich die bitten, mit mir zu fahren, und du wirst nicht eifersüchtig darüber werden wie über meine 3 interimsbräute hier, das sind so zu sagen die 3 Grazien, die So vor der Venus hertanzen help mi doch wat bin ik glant #219 Die Mutter wird aber doch eben nicht besonders Viel u. großes Aufhebens machen wollen, daß du mir von die Vorkommenden Lustbarkeiten schreiben solst, die rechte lust und freude solte da doch wol nicht zu laut werden, ich weiß aber schon wie es die gute Mutter meint, und ich freue mich doch am meisten auf den Tag und auf dich du Goldner Engel.
Von Caroline soll sie dich sehr grüßen. sie ist sehr wohl und gedenkt am Montag wieder aufzustehen, Daniel läßt dich auch grüßen, ich glaube doch gewiß, daß er anders werden wird, wenn wir nur erst hier sind und das freut mich sehr, und ich werde gewiß auch anders werden und weit besser, es ist auch recht gut von dir, daß du dich applicirst meine fehler zu verbessern Grüße den Jacque expreß, apart, kräftigst und gütigst von mir, ich bin diesen Winter oft verdrießlich gewesen, wenn ich aber erst so eine gute, freundliche frau habe, so wirds gewiß anders und du must es mir nur abgewöhnen, es misräth mir immer vieles und was rechts habe ich in meinen Leben noch nicht zustande gebracht, in einem stück ist mirs aber über alle meine Wünsche und Hofnungen geglückt, das bist du Lienchen, daß du mich so lieb hast, dafür will ich dir danken so lange ich lebe und nie muthlos werden, den(n) das beste ist doch, und wenn der Mensch noch so wunder herliche sachen zustande bringt, daß wir uns von Grund der Seele lieb haben. alles andre kann schief gehen und ihm verunglücken, aber daß ich dich nicht mehr so lieb haben könte, daß kann nicht seyn. ich habe doch recht tief in deine Augen gesehen? meinst du nicht auch, daß ich dich ordentlich besucht habe, wie ich dich so in die Augen hineinging? darum weiß ich auch was du denkst, ich könte doch niemand so in die Augen sehen. soll ich dich nicht wieder so besuchen? Pauline darauf freue ich mich über alle maßen, deine lieben Augen wieder in den meinigen zu sehen. und wenn ich mahl recht artig gewesen bin, so hebe mir das immer auf. Pauline, mir ist zu muthe, als wie ich dich zuerst bey der Alberti sehen solte. in 4 Tagen bin ich auf der reise, so komme ich dir schon näher bis ich bey dir bin, eigentlich weiß ich nicht, ob es so angenehm für uns seyn wird, wenn uns so viele entgegen kommen, aber wenn wir wieder von Gr. H. nach Dr. fahren, so sind wird doch wol mehr allein. Grüße aber alle, die dich begleiten wollen von herzen, ich glaube ich werde den Schnee noch wol auf der Reise behalten, wenn ich ihn nur bis Pleez hätte.
Dienstag schreibe ich dir noch und schicke dir dann die Nota für Mama Graff. Grüße Vater, Mutter, Louise, Jacque, Aimee, Mimi etc etc alles was oden hat, vorzüglich aber N:(auwerk). könte ich die küssen, ich wolte es nicht unterlassen aber das Kreuz + #220 küsse ich so naß. den Kuß kanst du dir nehmen.
Dein getreuer
Phil Otto Runge
(am Rand) Von Tieck soll ich dich auch grüßen, vieleicht sehen wir ihn in Berlin.
218 vergl. Anm. 203. (203 = Tochter des Lübecker Kaufmanns Adrian Wilhelm Pauli; der von 1794 in Altona wohnte.)
219 Otto Mensing gibt an: glant. (gland) Adj. glänzend" ... Von Amor heißt es in einem Gedicht aus dem Jahre 1743:
he was by miener Tru recht glant an Foot, an Liw un ok am Koppe ... (Otto Mensing, Schleswig-Holsteinsches Wörterbuch, II. Bd. Neumünster 1929, S. 384).
220 Die Tinte des groß gezeichneten Kreuzes ist in der Handschrift ganz farblos und verwischt im Gegensatz zur übrigen Handschrift.
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