Philipp Otto Runge
An Pauline
An Pauline
Meine liebste Pauline
Ich habe noch immer keine Nachricht weder von Carl noch von Mrieken wie es wird, heute Abend kömmt nun die Post von Wollgast und Sontag die Mecklenburger Post, kriege ich da keine Briefe so sehe ich zu, wann ich eine Gelegenheit nach Güstrow finde und schreibe Carl am Mittwoch wann er mich dort treffen kann. es ist hier ganz unmenschliches Wetter und alles zugeschneit. so daß es ebenso aussieht wie ich voriges Jahr nach Zibingen #213 reiste, ich glaube, das(s) wir unsrer Speculation auf Mr. und Stienchen den Hals brechen. Caroline hatt es gestern erfahren, daß ich hier so lange bleiben solte bis zur Kindtaufe. da nahm sie es ernstlich und sagte, es wäre höchst dumm von mir, daß ich glauben könnte, sie wolle mich von einer Reise abhalten, die ich doch nur einmahl in meinem Leben so machte, wenn ich Nachricht von zu Hause hätte, solte ich mich nicht unterstehen, mich noch 2 tage hier aufzuhalten. du siehst, die leute werden zu lezt für lauter Artigkeit grob, ich bin es aber auch zufrieden und bey mir selbst noch mehr. Caroline ist indeß Capabel und kömmt heut noch nieder, den(n) es ist so eben von Perthes dergleichen angekündigt. ich muß noch hin, auch wegen den Ofenschirm für Papa Claudius, den ich noch fertig machen muß. Dieser Ofenschirm soll dir eigentlich noch viel freude zu wege bringen, deswegen habe ich mir auch erstaunlich viel Mühe dabey gegeben. #214
heute hat die H. auch ein Mädchen für uns gemiethet, es sind woll 2 Schock hier gewesen, um sich besehen zu lassen. diese habe ich eigentlich zuerst empfangen und ist auch grade als die paßlichste zugetroffen, sie kann aber eben nicht recht hochdeutsch sprechen, indessen versteht sie es doch, du must dich doch das Plattdeutsche hier zu lande ein wenig annehmen, und es wird auch schon gehen.
Wegen unsre Curfürstlichen Matratzen ists nichts und wenn es mit meinen Knochen nicht zuverlässiger wäre, so sähe es um unsre künftige Hochzeit sehr schlecht aus. Hülsenbeck wird sie nun ordentlich besorgen.
Mit den Daniel, liebe Pauline, meine ich eben nicht, daß du Künste gebrauchen solst, wenn wir nur beyde uns immer fort bemühen, das rechte zu thun, was uns geziemt, so wird sich sein Gefallen schon finden, ich habe schon gedacht, wenn Hülsenbecks den Sommer aufm Garten sind, könte er bey uns essen, entweder vor oder nach der Börse und wenn es auch nicht alle Tage ginge, so könte es doch zu weilen seyn. gewiß liebe Pauline, du wirst ihn in allen übrigen recht sehr gefallen, wie köntest du mir sonst auch so über alle Maaße gefallen, liebstes Kind, du gaubst nicht wie ich dich Lieb habe. ich kann oft in Gedanken recht verliebt dich ansehen, aber noch öfter, liebe Pauline, denke ich, wie schön es sich wird arbeiten lassen, ich kann dir es nicht so schreiben wie ich es dir wol sagen könnte, wie leicht und lustig mir alle Arbeit seyn wird, wenn du so bey mir bist und mich immer fort so lieb hast. aber bald sehe ich dich doch, bald, meine einzige, liebste Pauline.
Ich soll dir expreß recht viel grüßen von Auguste Claudius, ich freue mich ganz unbeschreiblich dich hierher zu bringen. traurig bin ich nun grade gar nicht, aber etwas still, ich kann es ja auch niemand so sagen wie du immer vor mir stehst und wie ich mich zu dir Sehne, gestern war Papa Claudius auch in der Stadt, ich war auch da und da fiel er seine frau so um den hals. ich dachte an das Lied von ihm: Ich habe dich geliebt, und will dich lieben, so lang du goldner Engel, bist etc. #215 Pauline und wenn wir auch nicht so alt seyn werden, und haben so redlich alle lust und Last mit einander getragen mein süßes Weib! bis in Ewigkeit hab ich dich lieb. ob wir uns dann auch wol in so guter Gesellschaft freuen werden? Caroline sagte neulich wir wolten den sommer doch recht viel zusammen sein. die leute von denen sie für die Zukunft ein Haus gemiethet haben, sind den sommer aufm Garten. da könten wir solange ihren Garten hintern Hause besuchen und da zusammen des Abends hingehen. Pauline, Perthes und Hülsenbecks ihre Kinder sind recht hübsche Kinder und du wirst dich freuen wie lieb sie mich alle haben. o, meine süße Pauline, wenn du bitte, bitte Pauline ich freue mich Tod, wenn ich wieder in deine süßen Augen mich versenken kann, und du mich so ganz verstehst, wie lieb ich dich habe. Grüße doch Nauwerks recht herzlich, ich freue mich sehr, sie alle wieder zu sehen. Grüße die lieben Etlern, Louischen küssen aber und Mama M:(elizet). sage Ihnen, daß ich immer weg, recht ebenso wäre, wie ich sie verlassen hätte dich aber habe ich doch viel tausend mahl lieber Dein
Otto
213 Tieck, der sich seit seinen Studienjahren nur in Berlin, Jena, Hamburg und Dresden aufgehalten hatte, folgte bekanntlich gegen Ende des Jahres 1802 auf Burgsdorff,s Einladung mit seiner Familie auf längere Zeit nach Ziebingen, wo ihn Runge im folgenden Jahr besuchte. (Vergl. auch Rudolf Köpke, Ludwig Tieck, Lpz. 1855, S. 306 f.)
214 Es handelt sich hier um das heute verschollene Oelbild Arania". Daniel gibt in den Hinterlassenen Schriften" eine Bildbeschreibung und fügt hinzu: Wurde zum Geschenk für den geliebten und verehrten Vater Claudius in Wandsbeck als Ofenschirm ausgearbeitet, auf dessen Rückseite damals schönes in Papier ausgeschnittenes Blumen- und Laubwerk auf braunem Grund geklebt war. (H. S. I, S. 243.)
215 Mathias Claudius an seine Frau Rebekka; bei der silbernen Hochzeit, den 15. 3. 1797.
Ich habe dich geliebt, und will dich lieben,
So lang du goldner Engel bist;
In diesem wüsten Lande hier und drüben
Im Lande, wo es besser ist.
Ich will nicht von dir sagen, will nicht von dir singen;
Was soll uns Loblied und Gedicht?
Doch muß ich heut der Wahrheit Zeugnis bringen,
Denn unerkenntlich bin ich nicht.
Ich danke dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben.
Ich war noch klug, daß ich dich fand;
Doch ich fand nicht. Gott hat dich mir gegeben,
So segnet keine andre Hand.
Sein Tun ist je und je großmütig und verborgen;
Und darum hoff ich, fromm und blind,
Er werde auch für unsere Kinder sorgen,
Die unser Schatz und Reichtum sind,
Und werde sie regieren, werde für sie wachen,
Sie an sich halten Tag und Nacht,
Daß sie wert werden und auch glücklich machen,
Wie ihre Mutter glücklich macht.
Uns hat gewogt die Freude, wie es wogt und
Im Meer, so weit und breit und hoch!
Doch manchmal auch hat uns das Herz geblutet,
Geblutet ... ach, und blutet noch.
Es gibt in dieser Welt nicht lauter gute Tage,
Wir kommen hier zu leiden her;
Und jeder Mensch hat seine eigne Plage
Und noch sein heimich crève-coeur.
Heut aber schlag ich aus dem Sinn mir alles Trübe,
Vergesse allen meinen Schmerz;
Und drücke fröhlich dich mit voller Liebe
Vor Gottes Antlitz an mein Herz.
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