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Philipp Otto Runge

An Pauline


An Pauline Hamburg d. 17. Febr 1804.

An Pauline


Meine liebste Pauline
Gestern Abend spät wie ich von Mumsens #209 aus der Geselschaft kam, krigte ich deinen lieben Brief von Daniel, der mir ihn ebenso entgegenhielt wie dir der Vater den deinigen, es geht nun so zu sagen zu Ende mit unsern schreiben, das ist die beste lust noch davon höre liebes Kind. Die Hülsenbeck läßt bitten, die beyden Stücken Leinewand an Enoch zu schicken, daß der sie beypackt, sie mögte sie gerne etwas früher haben, weil zum Garten noch verschiednes daraus gemacht werden soll, Sontag über 5 Wochen ist Enoch seine Hochzeit schon, und über 6 Ostern liebes, liebes Lienchen! noch wolte ich dich bitten, wenn du dieses noch im Markt krigst, daß du mir für die hiesigen Leute verschiedene brauchbare Dosen von den Serpentinstein käufst als Thee, Caffee, Pfeffer etc und was sonst für brauchbare Sachen da sind, auch Tobacsdosen. ich habe ihnen hier versprechen müssen, ihnen dergleichen mitzubringen und da ich nun nicht zum Markt hinkomme, so kann ich hernach nicht wort halten. wenn es nur sachen sind, die sich gut zu solchen Stein passen und zu gebrauchen sind. Lottchen hat mich dieser Tage noch Expreß deswegen gemahnt, mit dieser Lotte geht es curjos, es will ihr niemand recht glauben, daß sie in die Wochen soll, soll aber doch wahr seyn, ich habe heute hier auch Visiten gehabt. Trinetchen Claudius wolte der H(ülsenbeck) ihre Kinder gerne einmahl sehen und bey der Gelegenheit hat sie meine den(n) auch besehen. Du glaubst nicht wieviel hübsche und artige Kinder ich habe. ich habe den Winter doch wirklich recht viel gelernet und ich denke, wenn du Engelskind nur erst meine frau bist, soll es noch ganz anders kommen. ich bin mit Trinetchen heute auch vor die Schiffer Gesellschaft vorbey gegangen, um ihr solche vorzustellen, aber nur von außen. hernach sind wir auch noch zusammen im Junfernstieg gewesen, ich muß mich doch auch meines Schadens mahl erholen, den(n) du gehst den Winter so oft in Geselschaft und Tanzen, wer weiß was da alles passiren kann, und um der Sache mahl ein Ende zu machen, muß ich nur selbst hinkommen und das könte vieleicht bald seyn, es ist schlim Paulinchen, für mich selbst auch, daß ich dir es nicht bestimmen kann, wann ich komme. ich kann mich doch nicht recht mit Seelenruhe freuen. ich halte es noch gar nicht für so ausgemacht, daß Mrieken und Stienchen mitkommen, obgleich ich doch noch viele Hofnung habe. Wülffing, der dich grüßt und ich auch wird nun dieser Tage von Tönningen #210 zurückkommen, wenn wir auf unsrer Reise noch nach Wismar kämen, so mögten wir ihn hernach noch wol dort treffen. ich freue mich wirklich sehr ihm wieder zu sehen.

+Gestern ist hier auch der Philosoph und Geheim Rath Jacobi #211 gekommen. ich habe ihn gestern schon bey Perthes gesprochen. der will mich auch kennenlernen, es ist nur gut, daß ich weiß was er ist, es immer sehr gut, wenn man das voraus weiß. Bey Sievekings, wo er logirt, haben sie ihm verschiednes tolles Zeuch von mir erzählt, du merkst wol Linchen, das geht alltenhalben gleich und ebenso wie sonst, wird auch nicht aufhören, nur daß ich am Ende soviel dabey lerne, daß sie auf keine weise mehr mich recht erbärmlich finden können, so werden sie confus. sie mögten gar zu gerne, daß ich erstaunlich schwach wäre, um ihnen aber das zu beweisen, daß das doch so gradezu der fall eben nicht ist, so esse ich gut wenn ich da bin, trinke noch mehr und tanze, daß sie dabey niedersinken daß ist nun so ein verzweifelt handgreiflicher beweiß, daß sie mich fast gar nicht mehr anfassen, sondern nur so von weiten daran herumstochern. wenn du nun erst herkömmst, so geht es wieder los+, denn dich stellen sie sich gewiß erstaunlich zart, Empfindsam und Philosophisch vor, und wenn nu nun am Ende meine Dux bist, so sind sie gar caput. +es sind sonst ganz gute leute aber mitunter doch infam. #212 wir wollen uns aber nicht aus den Text bringen lassen+. ach Paulinchen könte ich nur erst deinen süßen Mund küssen

Es ist nun recht ordentlich kalt und gutes Eiß. wenn es so bey bleibt, so wird es hernach gewiß sehr hübsch Trinetchen läßt dich recht sehr grüßen. wenn wir über Pommern kommen, so kommen wir über Wandsbeck nach Hamb:. da wollen wir erst einen Augenblick bey Claudius absteigen, ich habe es ihnen schon versprechen müssen.

Mumsens lassen dich gar sehr grüßen, besonders noch Nauwerks, der junge Dr. M: will verschiedne Briefe schreiben, die ich mit nehmen soll, er stelt sich sehr an zum schreiben, es mag aber auch wol beym Anstellen bleiben. wenn du Klinkowström siehst, grüße ihn vorläufig von mir und sage, daß die farben angekommen wären, ich ließ mich bedanken und würde ihm die Auslagen erstatten.

Ist Peßler noch da? die bleiben wol noch solange bis ich komme. das wäre das allerbeste, grüße sie beyde allermeist von mir. an unsre lieben Eltern, Louise, Mama Melizet grüße und küsse von Herzen, auch an Georgis, Loewens etc. Ich drücke dich an mein Herz, du liebes, süßes Kind, bis ich wiederkommen thu.

in Ewigkeit Dein

Otto

Was Vater aus Wollgast geschrieben und besorgt hat wird doch wol zu länglich seyn, er meinte, es wäre wol nichts weiteres nötig. Carl, die Mecklenburger und von Wollgast grüßen sie dich, mein süßes s. Duxchen!

Dein Ot.

209 | Mumsen war Hamburger Arzt und ein Freund Klopstocks.

210 | Die Handelsgesellschaft, deren Teilhaber Wülffing war, hatte bekanntlich in Tönningen und Wismar Handelsniederlassungen, vor allem für den Speditionsbetrieb eingerichtet.

211 | Friedrich Heinrich Jacobi (17431819) mußte 1794 sein geliebtes Pempelfort in Düsseldorf, vor dem Ansturm der Franzosen verlassen. Er floh nach Holstein und bezog das Schloß des Grafen Schimmelmann in Wandsbeck, hier fand er einen Freund und geistigen Verwandten in Mathias Claudius . Jacobis Philosophie ist eine Mischung zwischen Natur- und Gefühlsphilosophie auf pantheistischer Grundlage. (s. auch Personenverzeichnis).

212 | Es sei hier noch einmal darauf hingewiesen, daß der Sievekingsche Kreis stark aufklärerische Ideen vertrat, man sah in Runges gefühlstiefer Persönlichkeit und in seinem Hang zum Überwirklichen, die ja nur die eine Seite seines Wesens ausmachen, einen katholischen Charakter" und eine hyperästhetische Natur.



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