Philipp Otto Runge
An Pauline
An Pauline
Meine liebste Pauline
Ich küsse dich von ganzen Herzen, nicht für mich allein, sondern von und für uns alle hier. Caroline sagt immerfort, wenn sie nur erst hier wäre, und heute sagte sie mir mit tränenden Augen, ich freue mich so erschrecklich, daß sie kömmt, und daß gewiß alles so gut ist wie ich es mir immer mehr gedacht habe, aber alle freude ist nichts als ein kleiner saum zu achten, wenn ich in den Grund meines Herzens alle meine Seeligkeit, lebendig sich bewegend, erblicke, du liebe süße Pauline, gewiß die Gedult wird bey mir sehr dünn, so daß sie bald gar abreißt, für dich wäre es gut noch mehr zu haben. den(n) in den Augenblick, daß ich von hier reise, komme ich dir doch immer näher und meine freude wird immer größer. Caroline hat mich heut auch schon gebeten, daß ich ihr doch schreiben solte, wie ich dich zuerst sehen würde; und du liebes Kind mögtest gerne wissen, wie welchen Tag ich dort ankommen würde, ich habe dir aber schon geschrieben, warum ich das nicht kann. daß ich aber so dich überrasche, das glaube nur nicht, ich bin selbst kein freund von solchen Dingen, den(n) man verliert den besten Spaas, die Vorfreude nemlich, und die ist oft besser als die rechte, da man nicht gestört wird. Pauline, es wird unmenschlich hübsch werden, immerfort mit dir dir zusammen zu seyn. Du dux.
Nun höre aber noch eine sache, worauf du dich gleichsam wol gefaßt machen must. wir wolten doch alle recht gerne, daß Mrieken und Stienchen mitkommen sollen. und nicht allein wir sondern sie selbst auch. nun weißt du wol liebes Lienchen, wie wenig freude die zu hause eigentlich haben, und auf solche Reise hätten sie auf 10 Jahr nachher noch freude, Carl schreibt mir, es wäre gut von mir, daß ich es einsähe, daß er nicht mitkommen könte, es ginge auch trotz aller Lust nicht, nun hätte David den sehr gescheuten Einfall, das(s) St:, M: u. Gustav #207 gleich in Daniel seinen Wagen mitfahren solten, nur, daß sie die gehörige Bedeckung hätten, solte ich u. du sie hernach bis Berlin wieder zurückbringen, wo David sie abholen wolte, und uns wäre das ja nicht so recht viel nicht um, er (Carl) kriegte denn nur gar nichts davon, worin er sich bey der nothwendigen Verknüpfung der Dinge indes finden müste. nun sehe ich aber doch gar nicht ab, wenn wir über Berlin reisen müsten, so können wir nicht über Leipzig, den(n) das wäre doch ein gar dummer Weg und alles würde auch gar verkehrt eintreffen, und ist das nicht, so wäre es ganz wunderlich, warum wir den infamen Weg von Berlin hierher gradezu reisen wolten. also denke ich, wir bringen Stienchen und Mrieken gleich nach Pleez und dafür lassen sie uns hernach bis Güstrow oder so fahren, auf die Art kriegen die andern auch noch was ab, nun ist es freilich wahr, sind wir einmahl in Mecklenburg, so sehe ich es schon kommen, kommen wir auch nach Wollgast, wie sich dis nun alles entwickeln wird, mag Gott wissen, ich sehe aber nicht, wenn Mrieken und St. mitkommen, wie es erst anders kommen kann? und dann warum es auch anders kommen solte? wenn wir nach W:(olgast) kämen, so machten wir die Reise hirher wol über Stralsund, Rostock, Wismar, Lübeck bis her. ich meine nur wir müssen uns doch darauf gefaßt machen, denn daß die mitkämen wäre doch sehr schön, es wäre das einzige, nur daß ich Peßler gar nicht zu sehen krigte auf den ich doch erschrecklich neugirig bin, und dann, daß du auch Louise nicht wieder zu sehen krigtest, so hätten diese ja auch wieder mehr Arsache zur Hochzeit zu kommen. schreibe mir nur deine Meinung darüber.
Nun schreibt Vater, daß da meine Reise schon am Anfang März wäre, so glaubte er da noch schlechtes Wetter und Sturm etc, kurz versucht alles auf, um nicht zu hoffen, wir wollen aber doch hoffen, besonders da jetzt so schöner Frost ist, daß es auch nun damit ganz mit den Winter aus seyn soll, ich will heut auch an Mr. privatim diesen ganzen Plan schreiben, so können sie sich auch rüsten, mir wirds erschrecklich los unter den füßen, mein Paulinchen, wenn ich dich nur erst wieder habe, wieder? ja das ist wunderlich, ich habe dich noch gar so nicht gehabt, lienchen? Dann bist du doch ganz mein! Du Engelskind, nun ich denke die Caroline soll bald fort machen, das Wochenbett ist heute schon zu recht gesetzt. Die Zeit nimmt doch ab, Pauline wäre nur nicht soviel zwischen uns. du siehst aber wol, daß ich dir die Zeit nicht bestimmen kann, deine beyden Briefe durch Klinkowström habe ich erhalten und mich unmenschlich über dich gefreut, Pauline ich küsse dich immer in Gedanken auf deinen süßen Mund.
aber sage mahl du dux, der Landmarschall, den weißt du nicht mehr? das ist ja der Edelman von der Hellwigen oder der Herr Reichs Graf oder Erblandmarschall von Hahn auf den Gütern Salow u. Pleez und residirt zu Remplin, wird begraben zu Bahdow. weißt du es nu? Das ist ja der Kerl auf den ich immer schon speculirt habe, ich komme aber immer aufs Reisen zurück, es ist Gottlos aber ich denke doch, kommen die nicht mit, so komme ich doch ein bisgen eher.
Das Matratzenzeug hatte ich eben ausgepackt, und die Kreide war mir schon in die Hände gefallen, danke für gehabte Mühe. Grüße den Klinkowström, ich würde ihm bald antworten, er solte sich ferner nur braf halten und an sich halten, das müste man doch immerweg, kanst ihm auch was über die nothwendige Verknüpfung der Dinge sagen, so daß er auf gute Wege bleibt, und zulezt etwas von der Belohnung für die Tugend einfließen lassen, es wird ihm sicher gefallen. #208 Hardenberg wird wol fort seyn. Böhndel grüße auch, wenn du ihn siehst. es ist wol wahr, ich beneide diese leute, daß sie dich sehen können, aber wenn ich an dich recht denke, dich, du alte, liebe Seele, als meine Frau mir vorstelle, so mögte ich für freude in den Erdboden sinken, ich bin doch der aller glücklichste Mensch auf der Welt. ich kann und kann es nicht begreifen, wie du mich so lieb haben kanst, ich will dich aber gewiß immer und ewig nicht verlassen.
Sontag habe ich meine Blumen nach Dehn heraus gebracht, es waren den Abend viel dumme leute da, da habe ich mich ennuyirt, ich lerne nachgerade ein bisgen mehr mich in menschen fügen. ich meine ich wolte, da die leute mich von vornherein für geistreich hielten, besonders wol, weil Dehn Ihnen etwas gesagt hatte, nicht gern Arsache geben, viel von Kunst zu sprechen, und eben dadurch, daß ich ihnen recht gab um so abzubrechen, gefiel ich ihnen so außerordentlich, daß ich den andern Morgen noch mit den einen zu allen Kunstsammlungen (habe) laufen und frieren und mich ennuiren müssen, per fas etc ne fas, daß ich die Schweere Noth für frost hätte kriegen mögen, dis ist nu doch Kunstgenuß, dachte ich immer wieder und frohr, daß mir die Zähne klapperten. was nach den Blumen kommen wird, wird die Zeit lehren. ich erwarte nichts wie ich den(n) überhaupt an baaren Geldeswehrt überhaupt nicht viel in meinem Leben erwarte ist aber auch gut, den(n) eins kann doch nur seyn im Glück, und ich will desto fleißiger seyn und dich nur immer desto lieber haben. Gewiß lienchen, es wird uns nie an etwas gebrechen, solange wir Lust zum Leben und zur Arbeit haben und in der Liebe nicht ablassen, ich weiß es recht gut was und wie ich leben wil, so wir uns nur nicht was dünken und ein besonderes Glück erwarten, das rechte Glück bist du mir doch; es ist unermeßlich was sich einen für Arbeit entgegen wirft, und sie wächst an wie die Köpfe der Hydra, da half nur eines, sie alle mit einen schlag abzusabeln, das ist heroisch, ja und ist doch das einzige Mittel, ich denke wem Gott die Arbeit aufm Hals schickt, dem giebt er auch die Kraft, und da steht es in unsrer Wahl, die Kraft auf die rechte Art zu gebrauchen.
Gute Nacht mein dux ach Lienchen, wenn ich küsse dich viel Tausend mahl heute über 7 Wochen Lienchen, wenn meine ganze Seele sich in deinen Augen versenken will, wirst du böse werden? aus Lienchen Grüße nur alle von herzen so lange immer fort, laß uns so nicht mit einander sprechen, bis heut über 7 Wochen
Dein Bräutigam
207 Stienchen, Mrieken und Gustav, die drei Geschwister Ph. Ottos.
208 Klinkowström hatte Runge am 3. Febr. von Dresden geschrieben. Hierauf bezieht sich diese Briefstelle. Kl. hatte eine Skizze des St. Georg vollendet, in der er die Freude, Liebe, Macht und Herrlichkeit der stillen Religiosität" ausdrücken wollte. Runge fühlte wohl ähnliche Bedenken wie die Dresdener, von den Klinkowström selbst sagt: Mir scheint das schlimmste dabey, daß die Leute gleich nichts weiter darin suchen werden, als die Versicherung meines Katholischwerdens, und so religiös ich auch das Bild angesehen haben will, so will ich doch, daß zwischen diesem und dem, was das Publicum als Katholicismen fürchtet, noch viel liegt ..." Dann aber bezieht sich Runge wohl auf die Stelle in Klinkowströms Schreiben: Ich kann dir nicht sagen, wie mich das im Grunde wundert, daß Goethe dich so eingenommen hat, und ich kann es dir nicht läugnen, daß ich glaubte, er habe dich gewonnen. Daß er alles kann, habe ich immer geglaubt; das ist mir aber vielleicht eben das schlimmste und furchtbarste an ihm erschienen. " (H. S. II, S. 260 ff.)
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