Philipp Otto Runge
An Pauline
An Pauline
Mein Liebstes Paulinchen
+Ich kann mir nicht allein deinen Gemüthszustand sehr lebhaft vorstellen, sondern ich befinde mich eben auch so, es ist der kommende frühling und wenn die bäume und unvernünftigen Gewächse ausschlagen, warum wollen wir uns geniren, ich kann bey diesen schönen Wetter nicht aushalten den ganzen Tag zu Hause zu bleiben, und was ich suche finde ich nicht, ich bin Vorgestern wieder das erste mahl wieder auf den hohen Wall am Altonaer Thor gewesen, da wollen wir doch oft hingehen, die Elbe ist hier doch erstaunlich schön und so schön bey euch die Ufer sind, so ist es hier der Fluß mit all den Inseln,+ Pauline mich verlangt auch recht von herzen mit dir einmahl recht zu sprechen, ich denke es, Paulinchen, wir werden uns verstehen ganz und gar+, ich bin diese Zeit so still von außen, in mir ist es aber desto lauter, das kömmt oft bey mir, und grade die Erste Zeit muß und wird es recht stark kommen, und ich habe eine Angst bey mir, die ich niemand sagen kann aber keine Böse Angst, es soll noch vieles zustande kommen in mir, und außer mir fertig werden, und wie man zu sagen pflegt, die Kunst erfordert den ganzen Menschen, und wenn du mich auf so lange entbehren must, so bin ich dir gewiß auch hernach wieder doppelt nahe.
wenn ich aber an dir schreibe, so bin ich immer von ganzen Herzen fröhlich nun sind es allenfalls noch 5 Wochen, dann reise ich von hier ab. ich habe mir seit den lezten Jahren in Dresden so viel wie möglich geübt immer nur das Nötige zu thun, nemlich was zu dem, was wir beyde Leben nennen mögten, nothwendig ist, jetzt geht es nun aber im Bürgerlichen Leben auch über, weil ich nemlich doch ein frau kriege (und zwar die aller beste) und wenn es mir da so gut anschlägt wie es mir in der Kunst angeschlagen ist, so wollen wir Gott Preisen und danken, was er uns auch bescheert, auf der Reise werde ich mich bemühen sehr fein zu werke zu gehen mit den Hrn Landmarschall #196, den krigte ich den(n) so herum, da in wo ich ihn haben wolte, dann solte mir keiner meiner Jdeen mehr zu groß gewesen seyn, die ich nicht mit der Zeit auszuführen hofte. wir wollen vor der Hand aber davon schweigen.+
denke nur Paulinchen, auf ein Haar, so hätte ich dich heut abend anstatt von hier, von Lübeck aus geschrieben. Mad. Heyn, die bey uns wohnt, krigte nemlich gestern Abend spät einen br:(ief) von ihrer schwester, sie mögte so bald wie mögl. nach Lübeck kommen, weil ihr Vater aufm Tod läge, sie war sehr bestürzt, und es war nicht anders, als daß ich es ihr anbot, sie hinzubringen, wenn sie keine Reise Gesellschaft fände, heute morgen gehe ich also zu dem Wirthshause, wo die Lübecker fuhrleute einkehren, treffe da einen Kutscher, der eben mit dem Cramesser Hrn Amtman abfahren wolte, kam also noch in guter Geselschaft ohne mich fort. sieh so wollen sich die ersten Keime des Reisens schon bey mir einstellen, wie ich jetzt daran denke, so ist das blos allegorisch gewesen.
Hülsenbeck hat für uns heute aufm Börsensaal 12 St. buchen, ganz neue Stühle gekauft à 7 #197, welches hier ein sehr billiger Preis ist. sage an unsre liebe Mutter, da wir nun einen großen Spiegel von Wollgast krigten, so bäte ich Sie nur, mir einen großen Spiegel mit einen glatten Rahm zu kaufen etwas höher wie breit, und einen kleinen, im Schlaafzimmer zu gebrauchen, den großen zu 15 Rh. circa und den andern wie er nötig ist, noch frage ich, ob die Mutter so gut gewesen ist, das Zeug zu die Matratzen abzuschicken?
Die Hülsenbeck läßt dich sehr grüßen, es ist nun ausgemacht, daß wir hier aufm Saal, wo ich jetzt sitze und schreibe an mein altes Kind, daß wir beyde hier fürs erste wohnen sollen, wenn wir kommen. die Heyn läßt dich auch noch grüßen, die wirst du wol nicht zu sehen kriegen für erste, es kömt vieleicht so, daß die Hülsenbeck den sommer in Travemünde bey Lübeck das Seebad gebraucht, dann bringt Hülsenbeck sie hin, und die Hein kömmt dann als Geselschafterin zu ihr, Lisette Engelhards geht unterdeß mit den Kindern aufm Garten, und wir sollen sie dann so bisweilen besuchen, und holen dann die Frau von Travemünde wieder ab. noch ungewiß.
Höre mahl dux. es scheint mir bey alledem, daß mein Vater so ernsthaft alles abgeschrieben, noch sehr wahrscheinlich, daß Mrieken und Stienchen mitkommen, Carl wol nicht, schreibt ihr nur heftig darum, dann schreibe auch, ohne daß du dir merken läßt, daß es auf meinen Antrieb geschieht an Jacob, und Hellwigsch eine förmliche einladung, sie werden zwar beyde nicht kommen, noch können, gegen erstern habe ich schon etwas böses blut gemacht, das(s) ich es nicht gethan, das thut aber dir nichts, bey der Hellwiegen mögte ichs aber nicht gethan haben, und so wollen wir ihnen ihr Recht anthun, ihre Adresse ist. Herrn J. C. Hellwigs Wittwe auf Pleez bey Friedland in Mecklenburgstrelitz.
Uebel nehme ich es dir nicht, du liebes Kind, wenn du mir auch nicht soviel schreibst, werde du nur fertig, ich will es auch werden, die Zeit ist auch so recht lang nicht mehr, hast du die Radierung directe oder pr. Enoch gesandt? wenn du die von Seiffert kriegen soltest, so schicke sie nur grade zu, den(n) der Enoch ist doch confus. #198
196 | Der Erblandmarschall von Hahn für den Runge Zimmer ausmalen wollte.
197 | Zeichen.
198 | Der Brief schließt als Fragment auf der 4. Seite, der andere Teil befindet sich nicht mehr im Nachlaß.
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