Philipp Otto Runge
An Pauline
An Pauline
Mein allerliebstes Paulinchen
Ich habe zwar gestern keinen Brief von dir gekrigt, freue mich aber doch, daß ich wieder hier sitze und an dich schreibe und denke auch, daß ich bald wieder einen kriegen werde. Liebes Lienchen, wie siehst du den(n) aus, bist du noch immer so ein liebes Kind, es sind seit vorigen Posttag sehr merkwürdige sachen passirt, Mittwoch reiste Besser nach Kiel, zum Umschlag oder Messe, den Abend wolte ich lottchen u. Mama zu Mettlerkamps bringen. Perthes kam um 5 hier und wir gingen zusammen fort, als wir beym Rathhause kamen, hörten wir ein Gemunkel von feuer, wir blieben stehen, es wurde deutlicher, der Soldat auf der Rathhaus wache wolte zwar erst nicht schießen, einer unter den Leuten trat, wie die Glocken anzustürmen fingen hinzu u. fragte höflich: schießen Sie nun?" durch dergleichen zudringen kam es dazu; die Sturmtrommel wurde auch gerührt, der Soldat konte aber das Gewehr nicht abfeuern, welches erst viel spas gab, den wir abwarteten, nun war das feuer auf der Ecke von der Rosenstraße und dem Pferdemarkt, wir liefen hin, und erschracken entsetzlich das es grade über der Gegend war wo Lottchen wohnt, konten kaum noch durchkommen wie wir aber zu L: kamen war es doch noch 3 häuser davon, sie waren schon zu Mettlerkamps und kamen eben sehr erschrocken zu hause, besonders Lottchen, es hatte aber weiter keine Gefahr und wurde auch in einigen Stunden gelöscht, jedoch brante das haus ganz nieder, es war ein sehr hohes haus und an 30,000 Pfd. Zucker sind mit verbrant, es war doch ein grimmiges Feuer, und diesen Spectacel wirst du hernach sehr oft erleben, da das erste immer vor unsrer thür bey der Rathhauswache gemeldet und dort zuerst geschossen wird und gelärmt gestern bin ich mit der Hülsenbeck zur Schiffer Geselschaft da gewesen und habe Maaße von den Fenstern genommen, sie war sehr erfreut über die hübschen Zimmer und die Vortrefliche Aussicht wie sie es nennen, man sieht nemlich viele leute aufm Kopf, von Hr. u. Mad. Hansen #177 soll ich dich grüßen, sie fragten mich erst ob die H. meine frau liebste wäre, ich sagte aber, sie wäre meine Mutter, und damit war es auch gut, die Küche ist aber klein, ich bin hernach noch mit ihr nach der Damthorstraße gewesen und habe diverse sachen in Blech eingekauft, und heute habe ich in der Geselschaft mit Hülsenbeck einen großen Kleiderschrank und einen kleinern eck dito mit fächern, wie auch der Große auf die hälfte so gebaut ist, erstanden, sie sind von Zucker Kistenholz und noch sehr neu, aus einer falit sache, auch einen Tisch und Wasch dito, welches nun gleich dort bleibt denke ich,
Pauline ich freue mich ganz erstaunlich, daß ich dich nun bald habe, und daß du mich noch immer so lieb, so lieb hast. von der Hülsenbeck lege ich dir einen Brief bey, Lottchen ist mit ihrer Mutter auch oben, sie will aber nicht schreiben, weil du nicht geantwortet hast, ich sagte ihr, sie solte sich an so etwas nicht stoßen, daß wäre blos noch nicht geschehen und es käme dir auch nicht darauf an, noch einen Brief zu erhalten, es wolte aber doch nicht helfen und sie besteht so ziemlich fest auf ihren Sinn.
ich habe unten im Comtoir soweit geschrieben, nun aber ist Speckter gekommen und hat mich von seiner stelle vertrieben, und so hat auch Anchen mich vergessen und mir bis jetzt hier kein Licht gebracht. ich muß dir aber doch sagen, wer dis Anchen ist, daß ist ein Mädchen, und war Annen, nach der Unglücklichen geschichte mit unsrer Feuer Anna bey den Seeligen Wilhelm, ist nachher wie die andern Kinder kamen bey den Kindern geblieben, und wie der kleine Wilhelm starb, welches über 3 Jahre ist, fast wahnsinnig geworden, wo von manche Geschichten zu erzählen sind, ich habe noch kein Gemüth kennen gelernt, daß mit einer solchen Liebe an ein Kind gehangen hat, wie ich hier kam, fiel sie mich um den hals und fing an zu weinen und sagte, uns finden sie wol aber den kleinen Wilhelm finden sie nicht, #178 her nach kam sie einmahl zu mir mit tränen, ich mögte ihr doch den Wilhelm mahlen, wenn ich das konte, so wolte sie mir mein leben lang dienen, es giebt manche Empfindsamen Personen hier in Hamburg, die davon wissen, wie dis Mädchen sich bey dem Tode des Kindes angestellt hat und die diß nun so für übertreibung etc ausschreien, uns allen aber geht es zu herzen, und eine solche Liebe und treue, die nicht durch die Zeit schwächer wird, solte ich denken wäre doch was wehrt, und Caroline sagt immer, das ist ein wahrer Schatz, den die H.(ülsenbeck) an das Mädchen gefunden hat. mir geht es durch die Seele wenn, sie mich so ansieht und doch immer noch darauf hofft, ich solte ihr den Wilhelm mahlen, wenn man nur davon anfängt, so fält sie so geschwinde ein, sie war auf dessen Geburtstag vorig jahr ausgegangen und wie sie zu hause kam, hatte sie von dem Grabe, welches eine Meile von hier ist einige Blumen mitgebracht, wenn ich an meinen sachen zeichne, so sucht sie sich das Kind aus, welches ihn am ähnlichsten ist und kann den(n) nicht wieder wegfinden, sie hat darum ein große Sorge für mich, sie bat mich aber, ich solte ihr doch kein Geld geben, und gestern morgen brachte sie mir ein Däumling, den sie mir für meinen schlimmen Daumen genäht hatte, bey den Weihnachtstee versteckte sie sich, sie sagte, vor 3 Jahren war es doch ganz anders. es wird einen wunderlich zumuth, wenn sie einen wie spottend ansieht, daß man den jungen vergessen kann, und ich mögte sagen, alle müssen doch einen Respect für sie haben, und so ist sie in dieser hinsicht ein rechter Seegen Gottes für dis Haus, daß die Leute unter der Trockenheit des Geschäfts doch wieder eine so Contraire anregung erhalten.
+Es sind auch wunderliche sachen von mir im Gange und überhaupt, es wird noch wunderbar gehen, aber ich hoffe zu Gott gut, bey Sieveking ist ein großes bewegen und streiten über mich, man sagt sehr abgeschmackterweise ich sey catholisch. #179 das ist nun aber gleich der fall, sobald man heutzutage einen Menschen trift der wahrhaftig an der Religion hängt und es nicht verbergen kann und mag, wie viel sie ihm ist.+ wenn er darauf zu reden kömmt, ich kriege durch Perthes immer alles wieder zu wissen, und bin für mich noch viel weniger für die sache, nicht in sorgen, eine andere Geschichte kömmt dazu, das ist nemlich die Heirath von der Lotte Alberti mit einen Menschen, der 12 bis 13 Jahr jünger ist wie sie, und so zu sagen ein Neu Christ ist. da wissen sie nur nicht wie genau ich mit denen daran bin, und ob ich die nun sehr wenig kenne und diese Sache für zu heilig halte und ewig halten werde, um sie auszuplaudern oder darüber zu plaudern, das(s) ich nicht einmahl weiß wie ich es in mir empfinde und also noch weniger die Perle für solche leute werfe, die Taschenbücher darüber herausgeben, so meinen sie nun doch daß es, wol dasselbe seyn mögte, darum halten sie hinter den Berg, es giebt sich aber alles, +und ich werde nicht wie die Lotte Alberti ihre heirath entschuldigt, auch zu diesen leuten gehen und es entschuldigen, daß ich den Glauben habe an Gottes Barmherziger liebe zu uns, ich werde desto freudiger, und habe den Glauben desto größer, den(n) ich bin es nicht der da wirket, sondern Gott wird durch mir wirken, ich bin ein schwacher Mensch aber Gottes Gewalt wohnet nicht in einen Tempel und seine Herlichkeit kann nicht in ein Sistem, durch des Menschen Verstand gemacht, eingeschlossen werden. Streitet die Welt mit mir, so halte ich desto fester an dem, durch den mir alles gekommen ist und ich freue mich des Streits, denn dadurch wird Gottes Gewalt, wie ich an ihm glaube in mir aufs neue offenbar werden, nicht aber so, daß ich des Streits begehre und beginne, sondern daß die Welt streiten muß und streitet, damit sie zerdrückt werde von dem Geiste der Wahrheit; liebe Pauline, es werden in unsern Leben noch wunderbare begebenheiten kommen, laß uns aber in der stille abwarten was kommen wird, ich weiß, daß Gott uns nicht verlassen wird, solange wir mit Demuth und ohne das unsre zu suchen an ihn hängen, daß er uns seinen Geist geben wird, einfältig zu thun was recht ist, und unsre Sünde uns vergeben um unsrer schwachheit willen, so wollen wir aber noch viel weniger an ihm zweifeln um des Zeitlichen willen, denn er weiß, daß wir des alles bedürfen. mich verlangt von ganzer Seele bey dir zu seyn, und mit dir den Weg durch das Leben zu gehen, du misverstehst mich nicht, und ich bin mit dir eins von Anfang der Welt an, ich freue mich des Augenblicks, der gewiß kommen wird über uns, daß ich deine Seele in mir trinke, daß wir wieder werden eins seyn wie wir gewesen sind vor Gottes Angesicht, dessen Gewalt und Macht und herlichkeit ist über alles, und alle Himmel preisen ihm Ewiglich, von ihm kommt alles Lebendige und ist kein stillstand, kein jammer und Noth in dem Reiche des lebendigen Gottes, da das Wunder wirket, daß der Menschliche sinn nicht begreifet, woher die Profetenstimmen sprechen, und die heiligste Saite unsers Geistes erklingt, auf ihn hoffen und vertrauen wir unser leben lang, und lassen uns nicht irren durch den kalten wind, der über uns weggeht.+
Bleibe meine liebe Pauline wie du es bist und wie ich mir es immer wünsche, daß wir mehr von einander haben mögen wie bisher, es ist mir doch nichts lieber auf Erden wie du, und das ist mir das höchste Siegel von Gottes Vorsehung, daß er mich dir gegeben hat, ich habe mich ganz an dir hingegeben liebes Kind, und ich will dich wie meinen theuersten Schatz immer an der besten stelle verwahren, und am ersten für dich sorgen, das verspreche ich dich mit jedem Tage aufs neue und deine Eltern mit dir, wo mein Herz über fließet in Liebe, will ich es bey dir ausschütten, und du solst es nicht empfinden, daß du von deinen Lieben gegangen bist, so daß dir die Welt lieber seyn wird immer mehr, vergessen solst du, wils Gott, niemand von deinen Lieben und das braucht man auch nicht und kann doch an einen andern Orte glücklich seyn, so wie ich, wie du weißt, auch meine lieben nicht vergessen habe, noch sie mich,
Es thut mir aber sehr leid, daß Mrieken krank ist und daß Vater schreibt, daß sie alle nicht mitreisen wollen, auch die Mecklenburger nicht, das ist aber zu arg und ich muß Carl noch sehr scharf darum zu rede stellen so daß, wenn alle Stränge reißen, Gustav doch wenigstens mitkommen muß, thue du auch nur das deinige und schreibe nach Mecklenburg, zu hause aber hilfts doch nicht und ist auch wol zu viel gewagt für Mrieken und Stienchen.
Ich schreibe nächsten Posttag wieder. Adieu du alter süßer Dux, ich küsse dich viel tausend mahl, und drücke dich von ganzer Seele an mein Herz. alle grüßen dich, Daniel besonders, Grüße Vater, Mutter, Louischen, Mama Melizet etc auch an N. 1 + 2 #180
ich bin dein treuer
Otto
177 | Die Hauswirte.
178 | Annchen ist wohl das Mädchen der Hülsenbecks.
179 | Im Hause Frau Sievekings herrschte wie in den andern großen Hamburger Kaufmannshäusern ein aufgeklärter Geist. Hieraus ist zu verstehen, daß der Gesellschaft Runges kindhaft gläubiges Wesen als katholisierend fromm erschien. Auch aus Henrik Steffens Feder besitzen wir ein Zeugnis über die religiöse Haltung der Frau Sieveking: Nie habe ich eine Frau gekannt, die mich so ganz beherrschte ..., zwar war die religiöse Überzeugung, die in diesem Kreise herrschte, nicht die meinige (Sieffens war streng lutherisch) ... und dennoch herrschte in diesem Kreise eine Pietät ..." (Henrich Steffens, Was ich erlebte, V. S. 308 ff. Breslau 184043.) Ein anderer Zeitgenosse schrieb über den Kreis: Die Freundin Sieveking hat man wohl als die reine Vernunft bezeichnet ..., nur muß man sich bei ihr Nüchternheit des Verstandes mit Ursprünglichkeit und Spontanität der Auffassung und Empfindung gepaart denken. ... (Bilder aus Vergangener Zeit, I, S. 466) (vergl. auch Heinrich Sieveking, G. H. Sieveking. Berlin 1913, S. 495 ff.)
180 | Nauwerk
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