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Philipp Otto Runge

An Pauline


in 1803

An Pauline


#154 was du mir Ihretwegen geschrieben dauert mich unendlich. du kanst nur glauben, daß ich wol daran denke, ob ich etwas für sie thun kann, ich muß nur eben etwas behutsam mit ihr umgehen, denn ich weiß nicht, welcher Kummer sie noch eigentlich drückt, und man ist oft, besonders Marie in einer Lage, worin man ohne Schuld gekommen, empfindlich, ich habe noch vieles gegen dich aufm herzen wegen unsern Bruder Daniel, es ist ein schreckliche Arbeit die der aufm Halse hat, und er ist zu so einer Arbeit nicht gemacht, er versteht die Kunst nicht so wie Perthes, seinen leuten viel zu thun zu geben, und wenn er aus dieser lage worin er ist heraus soll, so muß das ganze Verhältniß anders werden. und darum kommt es mir ordentlich als eine Schickung Gottes vor, daß mir grade das Haus gekrigt haben, wo er uns alle Tage besuchen muß, mit der Lotte B.(esser) ists noch nichts, glaub ich, aber der Perthes geht doch zur Messe, den wir dann in Leipzig treffen, die Lotte #155 gefällt mir nicht so gut wie sie mir sonst gefiel, sie ist gar zu matt, und du kanst denken, obwohl nicht das geringste von Uneinigkeit zwischen ihnen und Perthes ist, so ist doch dieser wegen auch keine eigentliche Freundschaft möglich Caroline hat überhaupt die Plage und Arbeit, die andern lange weile und machen Puppen. und dann die ewige empfindlichkeit, wir werden bey solchen Gelegenheiten nur recht munter seyn und thun als merkten wir nichts.

Morgen Abend gehe ich zu Salomo Dehn nach Altona, das ist ein Jude #156, ein aufgeklärter, und zwar sehr, dieser ist sehr reich, ich kenne ihn schon lange, es ist sonst ein guter Mensch und wo er einen dienen kann, da thut er es tüchtig, freylich läßt er es sich auch merken, er hat eine sehr hübsche frau, und Hertrich (der nach Paris gereist ist) seine Schwester ist auch bey ihm, er ist ein Mensch, der viel vermag und dazu ein Kunstliebhaber, der allenfalls viel Geld ausgiebt, sieh das sind alles so qualitäten, die man doch einmahl nutzen muß, vorzüglich, wenn sie einem aufgedrungen werden, es ist nur so schlimm, wenn man den Menschen besuchen will, muß man immer die Nacht dort bleiben, und das nimmt einen immer den Tag mit weg.

Ich solte heut Abend mit Madam Hülsenbeck, Mad. Heyn, die auch hier im Hause ist, und Mad. Gauß in die Oper, wird aber abgesagt, weil Speckter seine Frau mitgeht, nun schreib ich dafür ein bischen mehr an dich.

Wenn du bey Graffs kommst, so besuche doch den Martin auch mahl, was der macht, wegen der Henriette laß das unberührt liebes Kind, so etwas ist nicht gut zu berühren, ich meine fange du nicht an davon zu sprechen.

Pauline, ich kann immer nicht gut aufhören wenn ich an dich schreibe, und zu sagen habe ich dir nur was doch nicht zu schreiben ist, nun gehe ich immer um den Brey herum und mögte dirs so gerne recht schreiben und am Ende ists doch nicht, immer sage ich, es hilft nicht, bis auf den frühling muß gewartet werden, und doch komme ich immer wieder hinein, daß es helfen mögte, soll man nun ein stock werden und das mit einmahl nicht mehr sich anfechten lassen oder darüber weg gehn, oder soll man so fort sich quälen? es ist eins so schlimm wies andre, lieb ich dich immer je länger je mehr, Pauline ich bitte dich, habe mich doch auch so lieb, ich weiß es wirklich nicht, was und wie mir ist, ich will doch nächstens mahl an Tieck schreiben, weil mir doch etwas fehlt wo der mich helfen könte.

Adieu Pauline, ich muß noch einmahl deinen Nahmen schreiben. mein süßes Kind.

a Propos wegen den Radirungen vergiß nicht, mir wird immer mehr daran gelegen sie zu haben.

Paulinchen ich bin Dein

Otto

154 | Brieffragment, die Handschrift beginnt auf der Seite mitten im Satz.

155 | Perthes Schwester, Bessers Frau.

156 | Wir besitzen aus der Feder des dänischen Dichters Bagggesen, der sich lange Zeit in Hamburg aufhielt, aus dem Jahre 1798 ein Zeugnis über die dortigen Juden. Er hatte den Eindruck eines Jerusalem, einer Hauptstadt der Juden. Sein Übersetzer merkt hierzu an, in dem großen Hamburg gäbe es doch eigentlich nur zwei Gegenden, wo Juden wohnten: um das Altonaer Tor herum und auf dem Dreckwall". (Baggesen oder das Labyrinth, eine Reise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich III, S. 40 ff.)


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