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Philipp Otto Runge

An Pauline


An Pauline Hamburg d. 22 Dec. 1803.

An Pauline


Meine liebste Pauline
Du bist in deinen Brief vom 12ten erst sehr betrübt, daß du mich beleidigt hast durch deine Ungedult über mein Stillschweigen und bittest mich um verzeihung das hat aber wie du weist nichts zu sagen. wenn du mich nur nicht nachher in der Angst setzest, die ich für dich haben muß, +Pauline ich bitte dich um aller der liebe willen, womit du mich geliebt hast bisher, werde nicht wankend in deinen Glauben an mich, denn du hast keine Ursache, ich fühle es recht gut wie du im Gedränge kömmst und kommen kannst, sage der Mutter, wenn sie wieder mit dir über das Catholische Wesen sprechen solte, daß ich bestimmt wüste, daß Tieck nicht Catholisch wäre, und dann liebes Kind sage ich es dir noch ein mahl, das(s) er es auch wol nicht wird, wie aber kömmst du darauf, daß ich es werden könte? #160 und wie kanst du so wunderliche Gedanken darüber nur schreiben? du thust dir selbst weh dadurch, und mir zu nahe warum wilst du das thun.

Aber noch mehr liebes Kind thut man den Menschen zu nahe, die so etwas thun, mit voller überzeugung und nicht um eitlen Gewinstes es ist wol recht was du dagegen meinst. die Treue womit man am Alten hängt ist etwas sehr Ehrwürdiges man muß aber nicht gleich anfangen zu verachten, den(n) liebes Kind, frage mahl wem du wilst, was den(n) eigentlich seine Religion ist? ob dir das jemand so recht sagen kann, du sagst, man könne in jeder Religion selig werden, wenn man nur den rechten Glauben hätte, dieser Glaube ist doch also die eigentliche Religion, und das andre nur die Lehre, es ist heute zu tage eine Confuse wirtschaft in der Welt, das öffentliche zu beleidigen ist nicht fein, wem aber nun seine Ueberzeugung dahin bringt, daß Gottes Gesetz ihm größer erscheint wie alles Gesetz der Menschen, der thut einen Schritt, der hat den(n) aber auch der Welt entsagt, nemlich ihre Achtung, und findet seine Seeligkeit in Gottes beyfall.

Liebes Kind, daß ich Gottes Gebot halte und an seinen Sohn Jesum Christum glaube, daß Er ihn gesandt hat uns von der Gewalt des Teufels zu Erlösen und der die Welt überwunden hat, daß ich diesen Glauben, der in seinen Worten begründet ist, immer lebendiger mir zu eigen zu machen suche, und daß in ihm meine Liebe zu der Welt und mein höchstes Vertrauen auf deine Treue und Liebe beruhet, weißt du, ich kann nicht glauben, daß es in unsrer verwirrten Zeit, wo alles feste weicht und wo alles, was sonst als unveränderlich angesehen wurde, wankend wird, daß es da anginge irgend einer bestimmten Meinung sich ganz hinzugeben, daß die Liebe aber, die uns durch Jesum Christum gekommen ist, erhalten wird worin wir uns von Anfang an geliebt haben, bis diese böse(n) zeiten vorüber sind. halte an dich liebes Kind, alle menschlichen Meinungen fallen um, den(n) Gottes Gewalt ist über uns, und durch streit und Zank zerstören wir das Kleinod, daß wir gefunden haben, die Liebe. die Zeit wird aber vergehen und Gott wird seinen Tag nicht ewig von der finsterniß unterdrücken lassen. an keiner öffentlichen Meinung ist sich mehr zu halten, darum halte deine Seele geheim, weil, wenn die offen vor der Welt steht, sie von der Welt geschändet und verdorben wird.

Liebe Pauline, du bist mein und kannst mir nicht genommen werden, und köntest du böse auf mich werden, ich kann es doch nicht auf dich, du liebe, liebste Braut, du Lienchen wenn ich dich ansehen könnte, ich wolte es dir in deine lieben Augen sagen wie ich dich lieb habe. +dis ist ein schlimmes Weihnachten, schlimmer wie noch eins gewesen ist, so wie das vorige besser war, aber was ich vorigen Weihnachten gekrigt habe, lasse ich mir nicht wieder nehmen, bey Gott nicht du wirst denken, ich könnte dir doch auch wol ein kleines Weihnachten geschickt haben, und du glaubst nicht wie weh mir das thut, daß mir das verdorben ist denke, um Gottes willen, ich schickte dir so, daß es heute oder morgen bey euch hätte ankommen müssen, ein stück Rauchfleisch für den Vater von unsern Daniel nebst noch etwas sehr hübsches für dich, was gerade sehe gut paßt, und heute morgen bringt mir der Postsecretair den Brief, das Päckel wäre verlohren, was es gekostet hätte, sie müsten es ersetzen, du kanst nicht glauben was ich verdrießlich bin, ich hatte dir noch dazu expreß einen Liebes Brief auf Patentliebespapier geschrieben o! es ist schändlich und nun wie ich in diesen Trubel bin mir deinen Brief wieder überlese und o, du liebe Pauline, wie kanst du nur den Gedanken haben, du würdest nicht meine frau werden? es ist ja nur noch 3 Monathe hin, ich bitte dich, sage doch nicht so etwas.+ sieh in aller dieser Wirthschaft kömmt der Kerl, der Lahde wieder bey mir, der uns in Dr. in den letzten Augenblicken noch störte, es ist ordentlich mein böser Engel so schlechte Vorbedeutungen vom Weihnachten +liebes Kind, ich fürchte es kann noch manches wegen der Alberti kommen, wo sie mich mit in Verbindung bringen mögten, es ist wunderlich, aber so wahr Gott lebt ich will nicht der seyn, der sich von seinen freunden los macht, wenn sie ihn brauchen könten oder Hülflos sind+, die Alberti dauert mich mehr wie je, und ich wolte nur es nähme sich jemand dort die Mühe sich ganz in ihre Lage zu versetzen. aber ich will nicht so fort fahren. aus!

Deine Nachricht mein süßes Kind wegen unsrer Wirthschaft soll mir recht gute Dienste thun, die sieht im Grund weit lustiger aus wie sonst die Welt und wir wollen recht lustig drinn seyn, mein Pollüxchen, Mutter werde ich künftige Post deswegen bescheid sagen was du fragst, und nicht wahr, wenn wir nur erst alles haben was wir für uns gebrauchen? es ist doch recht hübsch. wegen den Küssen die wir itzt nicht kriegen und zusehen müssen da schicke ich dir einliegendes Lied, #161 welches aus Hrn Flemmings Poetischen Wäldern mir erschollen ist, #162 das reibe den Peßler und Comp. mahl so unter die Nase bey Gelegenheit, die beyden lezten Zeilen gehen auf uns besonders.

Liebstes Kind, wenn ich nur erst wieder einen Brief von dir hätte ich arbeite jetzt seit Gestern Nachmittag an den Weihnachten, das ist vorzüglich eine große Piramide oder Turm von Goldpapier, worin einer geht und das ganze trägt, so daß es sich von selbst zu bewegen scheint, oben auf ist ein baum, das Gold ist mit buchsbaum und Lichtern verziehrt, auf den Seiten heraus sind 2 fahnen nebst einer Trompete, die von innen geblasen wird, mit einem licht, allerley Geschenke bammeln daran herum, so daß es zum Erstaunen ist. #163
Dein Weihnachten soll bald wieder ersetzt werden, den(n) die Preuß. Post muß es ersetzen an uns, es wird dadurch auf eine dumme Weise verzögert. denke nur nicht, als wen(n) ich es vergessen hätte, ich vergesse dich gewiß zu keiner Stunde und Nacht, und liebes Kind, ich habe dir ja auch recht gute Nachrichten geschrieben von mir, und arbeite immerfort, daß ich dich recht zufrieden sehen mögte, nun schreibe mir doch auch was gutes von da, und verhüte #164, daß der Vater und die Mutter auf mich unwillig werden könten, ich habe doch niemahls etwas gethan auch nicht gegen dich, was ich nicht auf alle Weise gegen sie verantworten könnte, Grüße sie Viel Tausend mahl von mir, sie mögten mich lieb behalten, Gott gebe uns allen ein lustiges neues Jahr und mehr freude noch wie in den alten, von unsern Vater D. N. R. #165 soll ich dich auch grüßen. er hat, da Mrieken nicht zu hause gekommen, deinen Brief an dieselbe abgeschickt.

Es grüßen dich alle von ganzen Herzen, Caroline und ihre schwestern besonders, die dich recht gerne helfen, wenn wir im frühjahr bey unsrer Einrichtung Hülfe bedürfen sollten.

Liebes Kind, wenn du es meinst und es scheint dir nothwendig, so komme ich noch früher. in der Mitte März komme ich aber gewiß. was ich dazu nun für Anstalten treffen muß, wegen der Hochzeit, ich meine von Taufschein etc, schreibt Vater mir wol mahl.

Ich bin von ganzen Herzen dein treuer


Phil Otto Runge

160 | Auch Runge hatte trotz seiner strengen Gläubigkeit im protestantischen Sinne das Katholische stark angezogen. Besonders mag es wohl in Dresden die katholische Kirche gewesen sein, die mit ihren Messen die künstlerischen Zeitgenossen gerade durch das Musikalische angezogen hat. (Vergl. S. 58 oben.) Runges Freund Klinkowström schreibt darüber an seinen Bruder Carl: ... Das Schönste, was ich hier aber zu nennen weiß, das aber nicht unter die Vergnügungen zählt, das ist der Gottesdienst in der katholischen Kirche. Die Kirche ist neu gebaut, ... Das vorzügliche jedoch ist die Musick, welche während der Meße immer von der Kapelle, die ganz trefflich ist, aufgeführt wird. Da habe ich denn die Musick in ihrer Größe, Schönheit und Umfang erkennen gelernt. Der Hof ist katholisch und versäumt keine Meße ..." (A. v. Klinkowström, Fr. A. v. Klinkowström, Wien, 1877. S. 30.)

161 | Das an Pauline übersandte Gedicht befindet sich unter Gedichte" bei den Rungehandschriften in der Bibliothek der Hansestadt Hamburg.

162 | Runge kannte die Lyrik des frühbarocken Dichters Paul Fleming (vergl. den Brief vom 22. 12. 1803), der 1609 im Vogtland geboren, nach weiten Reisen nach Persien und in den Orient ab 1640 in Hamburg als Arzt tätig war. Seine Liebeslyrik erschien 1642 in Lübeck. Im V. Buch der Oden heißt es in der Ode: Wie er wolle geküsset sin


Nirgends hin, als auf den Mund,
Da sinckts in des Hertzens Grund,
Nicht zu frey, nicht zu gezwungen,
Nicht mit gar zu fauler Zungen.
Nicht zu wenig, nicht zu viel,
Beydes wird sonst Kinderspiel.
Nicht zu laut, und nicht zu leise,
Beydes Maß ist rechte Weise.
Nicht zu nahe, nicht zu weit,
Diß macht Kummer, jenes Leid.
Nicht zu trucken, nicht zu feuchte,
Wie Adonis Venus reichte.
Nicht zu harte, nicht zu weich,
Bald zugleich, bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam, nicht zu schnelle,
Nicht ohn Unterschied der Stelle.
Halb gebissen, halb gehaucht,
Halb die Lippen eingetaucht.
Nicht ohn Unterschied der Zeiten,
Mehr alleine denn bey Leuten.
Küsse nun ein Jedermann,
Wie er weiß, will, soll und kan.
Ich nur und die Liebste wissen,
Wie wir uns recht sollen küssen.


163 | Die Weihnachtspyramide war für Hamburg typisch.

164 | Das Wort fehlt, da beim Öffnen des Briefes geringer Text verloren ist, das fehlende Wort ist sinngemäß ersetzt.

165 | Daniel Nicolaus Runge.




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