ask23 > Runge: An seine Mutter
Nr. 170 von 272 Ressourcen im Ordner por_02_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An seine Mutter


2,220 # 15. Juni 1803

An seine Mutter


- In sechs Wochen, denke ich, werden wir von hier zu Ihnen
abreisen. Ich bin recht fleißig und mir ist recht wohl, daß ich nun die schwerste Hälfte von der jetzt fertig zu
machenden Arbeit hinter mir habe. Recht viele Blumen mache ich, liebste Mutter, und vertiefe mich immer
mehr in die lebendige Fülle der Farben. In den Blumen fühlt unser Gemüth doch noch die Liebe und Ei
inigkeit selbst alles Widerspruchs in der Welt; eine Blume recht zu betrachten, bis auf den Grund in sie
hineinzugehen, da kommen wir nie mit zu Ende. Ich kann mich gar nicht satt sehen, das Sehen wird mir recht
von Tage zu Tage lieber, und ich freue mich immermehr, daß ich so recht von Herzen aus darauf gefallen
bin. Alles Lebendige hat in unsrer Seele seinen Spiegel und unser Gemüth nimmt alles recht auf, wenn wir es
mit Liebe ansehen. Dann erweitert sich der Raum in unserm Innern und wir werden zuletzt selbst zu einer
großen Blume, wo sich alle Gestalten und Gedanken wie Blätter in einem großen Stern um das Tiefste
unsrer Seele, um den Kelch wie um einen tiefen Brunnen drängen, aus welchem bloß die Staubfäden als die
Eimer und die tiefen Leidenschaften unsrer lebendigen Seele herauskommen und wir uns selbst immer
verstäridlicher werden. So ist die Dreyeinigkeit der Farben das lebendige Wasser, das alle unsre Sinne auf
das Eine was noth ist in der Natur zurückführt.

Ich bin kürzlich in Meißen gewesen und möchte nur, liebe Mutter, daß Sie einmal die Kirche sehen könnten!
Sie ist schon 900 Jahre alt, und steht alles so grad' auf dein Felsen wie gegossen, so alles, was noch alt
daran ist, rein aus Einem Stein gemacht, alle Steine so richtig und grade aufeinander gesetzt, von unten bis
oben aus Stein; man wird selbst mit alt und verwünscht das verd ... Bauen, was heutzutage geschieht. Ich
baue seitdem immer in Gedanken und es sollten mir nur mal so ein paar Millionen in die Hände fallen, ich
wollte auch was bauen. Dann macht's mir wieder recht angst, daß so gar keine Kirchen mehr gebaut werden,
und ich denke immer: Will's Gott und wenn ich's auch nicht erlebe, solls einmal wieder kommen. Dann wann
die Leute Kirchen wieder bauen sollen, müssen sie auch erst wieder wissen, was eine Kirche zu bedeuten
hat.


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_02_bvr_1803_06_15