Philipp Otto Runge
An Ludwig Tieck
An Ludwig Tieck
Ich habe nun den Abend ganz anders gezeichnet, und
umgearbeitet, so daß er mir nun ganz recht ist; die Figur in der Nacht habe ich in mir selbst auch ganz fertig
und komme so in Hinsicht der Bilder völlig zu Stande mit dem, was ich will; wie ich es denn auch bestimmt
fühle, wie die Rahmen notwendig seyn und werden müssen, so ist doch etwas Fatales mir darin
vorgeschoben, daß ich durch verschiedene kleine Sachen und die Zeit abgehalten werde, recht ungenirt zu
arbeiten und alles herauszubringen. Ich habe gedacht, daß ein Brief von Ihnen mir sehr gut thun würde. Wie
ich jetzt sehe, daß sich meine Gedanken mehr auf Einen Punct concentriren, als da ich die Bilder anfing, so
werde ich auch den Zusammenhang reiner und deutlicher, und die Gestalten, wie sie seyn müssen,
nothwendiger gewahr.
Die sogenannte reine oder abstracte Mathematik +) kommt mir immer mehr wie die reine Dummheit vor, oder
wie die Wissenschaft des Nichts; es ist das, was das reine oder abstracte Schwarz oder die Abwesenheit
aller Farbe ist. Es ist dem Menschen unmöglich, den mathematischen Punkt oder die mathematische Linie
auszusprechen, ja er kann sie nicht denken mit seinen Sinnen, bloß mit der kalten mathematischen Vernunft.
In einer Kugel, wo die Achse eine mathemathische Linie wäre und die sich dann um ihre Achse drehte,
müßte bey allem Drehen doch die mathematische Linie stehen; will man sich das sinnlich denken, so denke
man sich die Linie noch so dünn und sie geht doch noch mit rund, so ist es noch immer nicht die
mathematische, wir können diese nicht denken, viel weniger aussprechen; daher auch alle Erklärungen und
Bemühungen, recht weitläufig das Wesen des mathematischen Puncts auszusprechen; je mehr darüber
gesprochen wird, ein je größerer Klecks wird daraus, der Punct kann nur einmal in unsre Ahnung kommen,
wie ein Augenblick, denn er ist das, wo alle Gedanken aufhören, es ist wieder das, was das Schwarze ist, die
Vernichtung.
So ist alle Bemühung, sich die Entwickelung der Linie aus diesem Punct zu denken, vergebens, die Linie ist
dasselbe, was der Punct ist, nur länger angesehen; die Fläche ist nun gar der Teufel. Der ausgesprochene
Punct ist das, was von Gott ausgegangen ist, das Wort, alle Dinge sind durch dasselbige gemacht und ohne
dasselbige ist nichts gemacht was gemacht ist. Das ausgesprochene Licht und Leben theilt sich schon
durch's Aussprechen in drey, in der Mathematik, in Farben, und in Worten; in der Musik fließen Linien, Worte
und Farben zusammen; so sind der Wille, die Liebe und die Sehnsucht, in Glauben vereinigt: das sind die
reinen Bestandtheile des Menschen, wie ihn Gott zuerst erschaffen hat. Da kam durch den Sündenfall das
Gute und Böse in die Welt, und durch ihre Vermischung die Leidenschaften, innerlich gut und äußerlich böse;
wer die inneren versteht, versteht die äußeren; rein ist nichts, denn die Erde ist aus dem Cirkel in die Ekliptik
geworfen.
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war Wüste und leer, und Finsterniß auf der Tiefe, und
der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht ! und Gott sahe, daß das Licht
gut war; da ward aus Abend und Morgen der Erste Tag.
Das ist die erste Figur der Schöpfung. Die 6 ist nach dem Sündenfall nicht verstanden, und wird nicht
verstanden, bis der Tag kömmt, wo alles zum Licht zurückkehrt, das ist der siebente Tag. -
Die Welt hat sich gesondert in Ich und Du, in Cirkel und Linie, da ist die 3 in die Welt gekommen, und durch
Gutes und Böses, die 5; in 7 ist alles wieder vereinigt; das ist das Allerheiligste; der Punct hat sich
ausgebreitet im Cirkel. "Und die Erde war wüste und leer, und Gott sprach: Es werde Licht! Im Anfang war
das Wort dasselbige war im Anfang bey Gott alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne
dasselbige ist nichts gemacht, das gemacht ist; in ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der
Menschen, und das Licht scheinet in die Finsterniß, und die Finsterniß haben's nicht begriffen:" das sind die
äußeren Cirkelbogen, und die Wissenschaften, das Böse; auf den Strahlen leben wir alle; -einer geht zur
Rechten, der andere zur Linken: der zur Rechten führt zum Mittelpunct, der zur Linken von ihm. -
Im Gemüth faßt der Mensch die Strahlen zusammen, in der Wissenschaft fliegen sie auseinander; die
Strahlen spalten sich, der Mensch verliert sich in dem ungeheuren Raum, die Unschuld des Gemüths, wovon
er ausgegangen, verliert sich wie ein Sandkorn, und er meynt, die Größe der Schöpfung zu verstehen, indem
er sich vernichtet. "Die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammniß abführt, und viel sind ihrer,
die darauf wandeln; aber die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenig ist ihrer,
die ihn finden," das ist das Grausende des Sternhimmels: der Mond ist der Tröster, der heilige Geist. Diese
Figur, die sich selbst macht, ist das Gemüth des Menschen; wer kann sie ganz verstehen? In der Natur ist
sie nicht, denn die Natur ist von ihrer Bahn gewichen durch die Sünde; das Ich und Du wird nur im Tode
verbunden; daraus besteht der Mensch: die Liebe tritt in die Mitte zwischen Sehnsucht und Willen, zwischen
Mann und Weib.
Im Paradies war die Ehe die Sünde, nun ist die Ehe nothwendig, bis die Zeit da ist, wo es der Mensch mehr
erkennen wird, was es heißt: nicht heirathen ist besser. Die Liebe ist das Licht und die Verbindung des
Gemüths und der Materie; die Sehnsucht wäre ohne Hoffnung gewesen, wenn der Tod nicht in die Welt
gekommen wäre, nun muß der Mensch den Acker bauen, bis er wieder zur Erde wird, davon er genommen
ist.
Zur Ruhe kömmt keiner in der Welt bis zum Tode; ganz sprechen wir's nie aus; das Völlige, was wir
aussprechen würden, wäre die Regel oder das Nichts. Dicht daherum liegt die Schönheit, wer dadurch sein
Leben zu erhalten sucht, der wird's verlieren; wer in Liebe und Hoffnung mit reinem Gewissen immer näher
dringt, der wird's gewinnen, denn der resignirt auf dieses Leben.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen. Kann der Geist des Menschen es ergründen, was
das Eine ist, so überwindet er die Welt und den Körper; wer es versuchen will, der versuche es: zum Besten
und zur Arbeit des Lebens wird's ihn immer führen. Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr
finden; klopfet an, so wird euch aufgethan. Wer in der Liebe und im Glauben bittet, dem wird Er den rechten
Weg der Wahrheit zum Gemüthe geben . Wer da suchet Sein Licht und Seine Zahl im Spiegel der äußern
Welt durch die Liebe, der wird den Zusammenhang finden und die Zeit verstehen, und wer im Glauben, in
der Liebe und in der Wahrheit anklopfet bey den Menschen, dem wird aufgethan. Adieu, Lieber, sehen Sie
dies als Bruchstücke an, die ich in mir zu verbinden suche, und schreiben Sie bald.
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