Philipp Otto Runge
An Johann Heinrich Besser nach Quedlinburg
An Johann Heinrich Besser nach Quedlinburg
--- Ich kann es Dir und Deiner
Anvermählten nicht sagen, wie unaussprechlich glücklich wir sind und immer sein werden. Ich bin es so
gewiß und DANIEL auch, daß sie die Hälfte ist, die mir im Paradiese genommen worden. Unsre größte
Sehnsucht ist die zur völligen Vereinigung und Ruhe in Ewigkeit, und alle Arbeit in der Welt ist nichts als so
ein Windsturm wie gestern abend auf der Brücke, wo wir fest und dicht aneinander hielten und uns kraus
machten, daß alles uns über die Haut wegfahren mußte. Hernach läßt es sich fröhlich und geruhig bei Tische
sitzen in dem Hause des Vaters, wo wir essen werden von Christi Leibe und trinken von seinem Blute
ewiglich.
Lieber B., ich habe Dir wohl viel zu sagen, aber es ist nicht eher Zeit, als bis wir uns mündlich in Leipzig
sprechen; noch weiß ich nicht, wo ich anfangen soll: meine Bilder werden der Text sein, sie sind es auch,
woran ich alles knüpfen kann, was zu sagen ist. Ich habe nun mit Herrn Inspektor Pechwell den Akkord
gemacht, daß er mir die »Nachtigall« restauriert, so daß die rechte Ausführung doch noch wohl einmal
zustande kommt. Die Skizzen will ich mit nach Leipzig bringen, damit Du das Ganze doch siehst; nach
Hamburg kriegst Du aber nichts mit, was nicht fertig ist .
Mir liegt die Welt so frisch und lebendig vor Augen, und alles scheint nur ein Räderwerk zu sein, worin ich die
Räder begreife und kenne. Wie ich vorgestern an der »Nacht« arbeitete, trat's mir wie das Jüngste Gericht so
lebendig vor den Sinn, daß mir vor meinem eignen Gefühl zu grauen anfing. Das ist recht der Triumph der
Seele über den Körper, daß sie, wenn alles zusammenstürzt, ruhig stehenbleibt und die innerste Lust bis
zum Entsetzen daran findet.
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