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Philipp Otto Runge

An Johann Heinrich Besser in Hamburg


Dresd 1,038 # 3. April 1803

An Johann Heinrich Besser in Hamburg.


--Was ist es nun, das zwey Liebende
so unendlich an einander zieht? Es ist nur das: wir fühlen immer tiefer in uns die Nothwendigkeit, das Du mit
dem Ich zu verbinden. Zu der rechten ruhigen Liebe jedoch kommt man nicht, bis man aus Erfahrung weiß,
daß jenes nicht angeht in der Zeit. Wenn man etwas rechtes aus sich herausarbeiten will, und kann dem
Nagel nicht gleich auf den Kopf treffen, d. h. man kann nicht gleich die Gestalt oder das Wort treffen, worauf
es ankommt, das ist eine zurückgestoßene Liebe, ein fehlgeschlagener Versuch; wer sich da zufrieden giebt,
der schlägt sich todt, den lebendigen Punct in sich überzieht er mit der kalten Kruste einer todten Vernunft
und wird nicht lebendig mehr, als erst nach einem harten Kampf. Die Zerstreuungen sind die
immerwährenden Zurückdrängungen des Gemüthes in den innersten Punct bis zur Bewußtlosigkeit. Es ist
der Scheideweg zwischen Leben und Tod, zwischen Phrasen und wahren Empfindungen, wenn sich ein
Kunstwerk, oder die Liebe, in uns losarbeitet und wir über der völligen Verbindung unsrer brennenden
Begierde mit den äußeren Zeichen, um sie zu befestigen und in sich zu vollenden, schachmatt werden: ob
wir da lieber im Kampf erliegen, oder ob wir zurücktreten und uns zufrieden geben?

"Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer es aber verliert um der Liebe willen, der wird das
ewige Lebe ererben." Dieser Kampf ist das Leben eines Künstlers; wenn es aber aus ist, so ist das Ich und
Du verbunden. als wie mit treuem Sinn und reinem Gewissen lieben und hervorbringen und behalten, das
sind die Werke, die uns nachfolgen und der Leib, der auferstehen wird am jüngsten Tage. Wo sich etwas so
tief herausarbeiten kann aus des Menschen Seele, daß darüber der Körper zu Grunde geht, das ist der
seligste Tod. So ist eine Geschichte von einem alten Italiänischen Musikus, der eine so schöne und tiefe
Musik gemacht, daß, wie sie ausgeführt ist, auch sein Leben aus ist: und er todt hinsinkt: das ist die
Verklärung des menschlichen Gemüthes.

Wenn einen doch die Zeit recht einmal lang währt, so hilft doch auch keine Beschäftigung, Arbeit oder so
was, es ist, als wenn es immer schlimmer darnach würde, ja sich selbst ist man eine ennuyante Partie, die
Gedanken stehen einem rein still, ja still, aber wo? grade da, in dem allerlebendigsten Punkt des Herzens,
von wo alles lebendig ausgeht, es ist dieses Stillstehen eigentlich eine übertriebene Beweglichkeit, die am
Ende so erscheint wie p. E. ein recht schöner Brummkreisel. — Ich habe die Lieder so aufeinander folgen
lassen und so ausgesucht, daß unsre Liebesgeschichte ganz darin enthalten ist, so daß Pauline mir fragte,
wie alt sind diese Lieder? Sind sie aber nicht ganz göttlich, Du mußt sie nur recht oft lesen, dann werden sie
immer besser.

Grüße alle, für die Spickgänse danke ich über Maßen, ich werde von Empfindungen meiner Brust Euch auch
was zukommen lassen, wenn sie erst in Papier gebracht sind. Ich habe jetzt erschrecklich viel zu tun, auch
immerzu was und bringe doch nicht viel vom Halse, denn das schlimmste; die Zeit liegt mir die acht Tage
noch aufm Halse, so schwer, daß ich fast in die Knie sinke.

Adieu, Du Lieber, und schreibe mir bald was Gutes, wenn Du kannst; ich habe Dir auch lange nichts
geschrieben, aber nun wird's auf meiner Seite genug geben. Ich kann aus Dir noch nicht recht klug werden,
bis Du mir mehr schreibst. Grüße die Kinder, aber die Lieder laß noch niemand anders kriegen, weil ich
sie von Tieck bloß als Manuskript habe. Grüße unsre Schwester und in Brunn allerinnigst, ich freue mich
unbekannter weise über den Jungen, sie sollten sich bessern und mir schreiben. Dein Otto


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