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Philipp Otto Runge

An Daniel


Dresd 1,035 # 22. Februar 1803

An Daniel


Sonntag habe ich dir nicht geschrieben, weil ich den
Tag fertig kriegte und nicht aufhören wollte zu arbeiten; nun will ich dir auch sagen, was meine Angst
gewesen ist, die ich nicht verstanden habe, es war eben der Tag, der eine schwere Geburt gewesen; "wenn
aber das Kind zur Welt geboren, denket man nicht mehr an die Angst, um der Freude willen." Ich habe da
nun oben die Lilie durch einen Kornblumenkranz gesteckt; die Sonne sehen wir am Tage nicht an, wir sind im
Bilde selbst und freuen uns der Lebendigkeit unsrer lieben Mutter Erde und ihrer Fülle und Gaben. So sitzt


denn die Mutter unten in einer Nische, deren Rand von Aprikosen, Kirschen, Johannisbeeren, Pflaumen und
Weintrauben ist. Unten zu ihren Füßen quillt das lebendige Wasser heraus. Vor ihr trennen sich die beiden
Geschlechter am Tage zur Arbeit und zum Leben, zwischen ihnen blühen zwey Vergißmeinnicht, welche die
Trennung aussprechen; auf beiden Seiten sind nun neben den Figuren Brennesseln, dann bückt sich auf
jeder Seite eines, um ein Veilchen zu pflücken, wobey sie sich nach einander umsehen; weiter kommt eine
große Distel und vor dieser steht eine Glockenblume (auf der andern Seite eine Hyacinthe), an welcher ein
Kind wie läutend steht. Hinten wächst neben der Laube zu beiden Seiten eine blaue Iris, deren Schilf sich
über der Laube zusammenbiegt, wo in der Mitte zwey Kinder die Mahlzeit zusammen halten. Hinter allem
diesem schießt auf der weiblichen Seite Flachs, auf der männlichen steigen Kornähren auf. Ich habe jetzt in
allen Bildern das schwerste, den reinen Zusammenhang überstanden; die Rahmen finden sich von selbst.
Den Morgen habe ich ganz wieder gurchgearbeitet, und es ist bey weitem das Beste, daß ich nun kein Wort
weiter darüber spreche, bis ich es euch recht selbst zeigen kann.

---Montag Morgen gleich nach dem Ball, denke ich, werde ich wohl mit der Alberti zu Tieck's nach Ziebingen
abreisen. Ich denke da recht etwas zu Stande zu bringen und du sollst eine ordentliche Reisebeschreibung
davon haben. Ich habe noch Sachen im Kopf, ich sage nur soviel: -Salz ! Meine vier Bilder, das ganze
Große davon und was daraus entstehen kann: kurz, wenn sich das erst entwickelt, es wird eine abstracte
mahlerische phantastisch-musikalische Dichtung mit Chören, eine Composition für alle drey Künste
zusammen, wofür die Baukunst ein ganz eignes Gebäude aufführen sollte..


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