ask23 > Runge: An Vater
Nr. 139 von 272 Ressourcen im Ordner por_02_bvr
Blättern: << zurück || weiter >>

Philipp Otto Runge

An Vater


2,197 # 24. Januar 1803

An Vater


--- Daß ich doch unter der Leitung von Tieck über dem
Schönen nichts von dem Wahren verlieren möchte" -was für einen Begriff muß der, welcher Ihnen das
gesagt hat, sich wohl von T. machen? Es ist Schade um den Mann, daß er nicht weiter gekommen ist, als
dort im Lande. Es ist zwar wahr, man kann viel aus Büchern und sich selbst lernen, aber wenn man denn
doch mit denen, so die Bücher geschrieben haben, nie selbst gesprochen, versteht man alles nur halb, denn
das Buch ist nur ein Bruchstück von dem Menschen, nie der Mensch selbst. Und so ist es auch mit den
Beschreibungen von großen Kunstwerken; die Beschreibung ist immer nur eine Seite davon; aber wer alles
einmal in Proportion zu setzen gelernt hat, der versteht aus den Verhältnissen der einzelnen Theile das
Ganze.

-Es muß einem doch bey jenem Freunde die gewaltige Einseitigkeit immer auffallen, und die ist nicht die
Wahrheit. Die Wahrheit bemühen sich aller Menschen Zungen zusammengenommen nur auszusprechen,
und die ganze Natur, jedes Blümchen und das brausende Ungewitter, es ist darin doch nur das Eine, die
Wahrheit, verborgen. Einseitig kann recht gut seyn, aber es ist doch nie ganz. Jenem ist freylich von seiner
Eitelkeit viel zu verzeihen, wenn man es so ansieht, daß er sich meist unter Leuten aufhält, wo er sich der
Gescheuteste dünken muß ; aber deswegen muß er doch nicht, wenn er auf seinesgleichen stößt, so
gewaltig verstoßen --.
Von Dresden und mir könnte ich ihm wohl einmal etwas schreiben; da müßt' ich aber doch erst wissen, was
er mit der Kunst und mir meynt. Von der bildenden Kunst kann er überhaupt nicht viel, und das Rechte gewiß
nicht wissen, weil er nie etwas Rechtes gesehen hat, und da wäre es doch nicht möglich, ihm was zu sagen.
Ich wäre zwar sehr neugierig, ihn einmal zu sehen und zu sprechen, aber es ist mir doch, als wenn ich hitzig
werden würde, denn ich bin ja jetzt grade so mitten darin, daß ich, wenn ich das, was ich will, durchsetzen
soll, es ordentlich mit der größten Heftigkeit lieben und vertheidigen muß, und bin überhaupt zu jung, um die
gehörige Kälte und Mäßigung zu haben, wenn einer mit einer angenommenen Ueberlegenheit das
todtschlagen will, was ich nun zu ergründen und durchzuführen mir vorgesetzt habe


Alle Rechte vorbehalten.
URL dieser Ressource: http://ask23.de/resource/por/por_02_bvr_1803_01_24