Philipp Otto Runge
An Pauline* (wohl Ende 1802)
An Pauline* (wohl Ende 1802)
* = #88
Liebste Pauline!
ich fühle mich ganz ruhig und getrost, da ich jetzt das erste mahl mit Ihnen von herzen sprechen kann, ich hoffe, daß sie mich ganz verstehen werden was ich will, und es ist mir, als ob wir uns doch schon sehr lange gekant und verstanden hätten, ich lieb Sie von ganzer Seele und ich weiß es, daß Sie mir doch auch nicht böse sind, es ist der sehnlichste Wunsch meines herzens, daß Sie mein werden, ich kann Sie nicht bitten, daß Sie mich lieben sollen, sowie ich auch Ihre Liebe nicht verdienen kann das beste was Gott uns giebt, kömmt uns immer unverdient und wir können blos sagen wen(n) wir alles gethan haben, wir sind unnütze Knechte, wir haben unsre Schuldigkeit gethan.
Wenn ich Sie frage liebe Pauline, ob Sie Ihr Leben an das meinige knüpfen wollen, so müssen Sie erst wissen was mein Leben ist. wenn ich Ihnen sage, daß ich ganz für die Kunst leben will, so verstehe ich freylich etwas anders darunter als was heutigstags darunter verstanden wird, es ist sehr schlecht um den Künstler bestellt, der erst von andern erfahren muß, was die Kunst ist und was den(n) die Kunst soll, und es ist weit besser, wenn man das selbst weiß. es ist mit der Kunst wie mit jedem Sprüchwort beschaffen oder wie mit jeder Sentenz, die [man] auf eine niedrige und auf eine höhere weise kann verstanden werden, und das müste ein sehr elender Mensch seyn, der sie nicht auf die für ihm höchst möglichst begreiflichste Weise verstehen wollte. in jeden Menschen lieget eine Weise, auf die er nur zu seiner höchsten Ahndung von Gott kommen kann, und es ist für ihn der rechte weg, wenn er Gott auf die ihn angeborne weise zu begreifen, und sich darin verständlich zu machen sucht. ich kann es Ihnen wol sagen, Gott hat mich wunderlich geführt, und ich spüre es jelänger jemehr, daß ein guter Engel mit mir ist, der mich mehr überschauen läßt, als andre in ihrem Leben gesehen und begriffen haben,
Alles Menschliche thun und treiben was auf Geist anspruch macht, soll uns am Ende auf den höchsten Geist zurück führen und in ihm begründet seyn sonst ist es auf den Sand gebaut, nun ist es mein ernster und heiliger Wille, die Kunst auf den Punct zurück zuführen, oder von da aus eine Kunst zu begründen, worauf der Grund der ganzen Welt steht, ob mir das wirklich öffentlich als fürs Publicum wirkend möglich seyn wird, weiß ich nicht und kann mir auch sehr einerley seyn, aber für mich ist es möglich, wenn ich mit treuem fleiß darin fortfahre zu arbeiten.
Ich weiß, daß sie manches hiervon nicht gar verstehen werden und wie das hier nur hergehört, deswegen will ich etwas deutlicher werden, sehen Sie, wenn ein junger Mensch anfängt zu zeichnen und krigt am Ende so eine practic weg, daß er es im ganzen recht gut behandeln kann, so wird er denken, aha nun hab ichs weg und wenn er kein Narr ist und fleißig fortfährt zu arbeiten und zusieht wie die sachen in der Natur selbst aussehen, und den Körper aus seinen innern Zusammenhange äußerlich zu begreifen sucht, so sieht er wieder mahl um, und sagt, ja das ists, das ist gewiß das rechte, und nun fängt er an und studirt noch einen berühmten Mann, so wird er sagen, nu das ist doch gewiß die Kunst! und wenn er fleißig nun einen andern studirt und eine andre aber eben so hohe Ansicht erlangt, so wird er beyde ansehen und eine höhere Ansicht durch beyde erlangen, nun wird er aufmerksam wie doch die Bilder zusammen gesetzt sind, ...
(Der Brief schließt als Fragment mitten auf der Seite.)
88 | Schon am 26. August 1801 bittet Otto seinen Bruder Daniel, sich doch für den Absatz von Lederhandschuhen einzusetzen; Paulines Vater war Handschuhfabrikant. Am 12. Sept. 1801 weiht Runge mit übervollem Herzen und heiligem Ernst Daniel in seine Liebe zu Pauline ein und bittet ihn in seiner Herzensnot um guten Rat. Daniel rät ihm, er müsse nur unmittelbar suchen, sich der Neigung Paulinens zu versichern, dann vor allem andern an unsere Eltern schreiben, an deren Zustimmung ich nicht zweifeln könne, jetzt auch bey den Eltern des Mädchens ansprechen, und erhielte er deren Einwilligung, sogleich (natürlich zu seiner Ausbildung in der Kunst) auf mehrere Jahre verreisen, falls er, und hierin müsse er sich, dies sey unerläßliche Bedingung, aufs tiefste prüfen, es auf die probehaltige Treue eines sechzehnjährigen Kindes hin, wagen zu können glaubte." Daniel, Perthes und Speckter machten aber insgeheim den Plan, persönlich in Dresden zu beraten und Ottos Gemütsverfassung verständig und liebevoll zu behandeln. Anfang Juni 1802 treffen sie mit Richter in Dresden ein. Otto ergab sich willenlos in ihre Meinungen. Daniel besucht Vater Bassenge, um dessen Zustimmung zu erbitten. Dieser lehnt den Antrag wegen der großen Jugend seiner Tochter ab. Daniel und Speckter begleiten darauf Otto nach Wolgast, wo Jacob Hochzeit hält und dann nach Mecklenburg zu Carl. Am 8. July ist Otto wieder in Dresden, wo ihm die Besuche im Hause Bassenge verboten werden. Im September wird Otto ernstlich krank, Vater Bassenge besucht ihn. Runge hat neue Hoffnungen, insbesondere da er immer aufs Neue von Freunden erfährt, daß auch Paulines Liebe zu ihm unerschütterlich fest ist. Endlich erringen seine unerschütterliche Treue und seine reine Natur den Sieg, er erhält eine Unterredung mit Pauline in Gegenwart der Mutter. Er sollte nun noch mit seinem Antrag beim Vater bis Ostern warten, dann würde alles gut gehen Das Jahr schloß sich für ihn nicht bloß wie sonst ein Vergnügen, sondern in hohem Jubelaccord." (vergl. H. S. II, S. 458 ff.)
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