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Philipp Otto Runge

An seinen Vater


2,191 # 31. Dezember 1802

An seinen Vater


-- Lieber Vater, verzeihen Sie mir es, wenn ich jetzt ein
wenig toll bin, ich bin es doch bloß für mich; aber das Herz schlägt mir in den Hals hinein, von Morgens,
wenn ich aufwache, bis Abends spät. Es kann Keiner in einer angenehmeren Haut stecken, wie mir meine
ist; was mich aber am meisten freut, ist, daß in Freude wie Leid mir alles nur desto besser von der Hand
geht, und ich immer weiß wie es in mir zugeht. Mir ist, als könnte ich Berge versetzen, und wenn ich mir
etwas zu machen vornehme, geht es auch. Ich spüre es sehr wohl, daß man bey solcher Gelegenheit
übermüthig werden kann, da lese ich denn fleißig in der Bibel, und so öffnet sich mir in der Zeit, da ich das
höchste irdische Glück empfinde, der freye Blick in meine innere Welt; ich sehe es nun ein, daß es nur Ein
Unglück giebt, das ist: schlecht zu werden, und es ist mir ein paarmal eingefallen -. Wenn ich in diesem
Augenblick nun, da sich das ganze Leben für mich öffnet, sterben sollte ? -Dann komme ich mir nur vor wie
ein Accord in einer großen Musik, der grade dann abgebrochen wird, wann er am lautesten aufjauchzet --

Wer es nicht kennt, der weiß es nicht, wie unerhört weit die Schwärmerey und der Enthusiasmus im
Menschen gehen kann, und die Menschen gehen mit diesen Ausdrücken viel zu leichtsinnig um. Es ist das
Allerfurchtbarste, was ich kenne, in diesem Strudel unterzutaucheu, und unter Tausenden kommt nicht einer
gesund wieder heraus -und doch muß, wer das verworrene und sinnlose unseres Zeitalters einsehen und
begreifen will, wer mitwürken will, alles wieder in seine Schranken zurückzuführen, es einmal thun. Ich bin,
mir unbewußt, und auf eine mir jetzt noch unbegreifIiche Weise, hindurchgedrungen, und es wird nun klar
und deutlich vor meinen Augen, -ich müßte nicht wissen, was ich weiß, wenn ich nun nicht völlig mich auf
Gott verlassen sollte, und auf die Lehre Jesu Christi, denn diese geht in allen Dingen jeden Menschen an und
ist der Felsen und der Eckstein.


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